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AUS EINER HAND

Wer individuelle und handwerklich gefertigte Produkte sucht, wird bei Manufakturen fündig. Doch welche Betriebe sich so nennen dürfen, darüber gibt es eine Debatte.

Die Geschichte der Manufakturen beginnt in einem zersplitterten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Rund 300 Staaten soll es im 17. Jahrhundert gegeben haben, als sich um 1650 die ersten Menschen Manufakturisten nannten. Ihre Aufgabe war es, Arbeit zu organisieren und zwischen Handwerkern zu vermitteln. Denn der Produktionsprozess war genauso zersplittert wie das Land. Für jeden Schritt in der Wertschöpfungskette gab es einen Spezialisten mit eigener Werkstatt. Bis ein Kleidungsstück fertig war, schor jemand die Wolle, ein anderer spann sie zu Garn, der nächste webte daraus den Stoff, dann wurde er gefärbt und schließlich nähte der Schneider daraus ein Kleid oder eine Hose.

Um schneller produzieren zu können, kam man auf die Idee, verschiedene Spezialisten unter einem Dach zu vereinen und fertige Produkte in Serie herzustellen. So entstanden die ersten Manufakturen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte Deutschland eine Manufaktur-Gründungswelle, die durch die Industrialisierung noch einmal beflügelt wurde. Manufaktur, das kommt aus dem Lateinischen und steht für Handgemachtes. Als „gewerblicher Kleinbetrieb, in dem [stark spezialisierte] Produkte [im Wesentlichen oder teilweise] in Handarbeit hergestellt werden, was zu einer hohen Qualität führt“ definiert der Duden den Begriff Manufaktur heute. Dem Verband Deutsche Manufakturen und der Initiative Deutsche Manufakturen – Handmade-in-Germany ist diese Definition zu lasch.

„Man könnte denken, nur weil jemand etwas mit den Händen anfertigt, ist er gleich eine Manufaktur. Das ist aber nicht der Fall“, sagt Janina Mengelkamp von der Initiative Deutsche Manufakturen Handmade-in-Germany. Ein Tischlermeister mit zehn Angestellten, der Auftragsarbeiten anfertigt, sei zum Beispiel keine Manufaktur. Manche Dienstleister oder Handwerker nennen sich nur aus Marketinggründen Manufaktur, das kann in einer Verbrauchertäuschung enden, meint Wigmar Bressel vom Verband Deutsche Manufakturen. Den Begriff Manufaktur können sie verwenden, weil er nicht geschützt ist. Aus diesen Gründen haben beide Institutionen jeweils versucht, ihn zeitgemäß zu definieren. Einig sind sie sich in diesen Punkten: Eine Manufaktur stellt ein Produkt von Anfang bis Ende im eigenen Betrieb her, fertigt Serien an und hat einen hohen Qualitätsanspruch, auch an die verwendeten Materialien. Mehrere, laut dem Verband Deutsche Manufakturen mindestens fünf, spezialisierte Menschen arbeiten handwerklich und arbeitsteilig am Produkt.

Dieser Aufwand hat seinen Preis. Produkte aus deutschen Manufakturen sind meist teurer als Massenimporte aus dem Ausland. „Wir versuchen, Manufakturen nicht über die Hochpreisigkeit, sondern über die Nachhaltigkeit zu definieren“, sagt Bressel. Schließlich würden in Manufakturen Wissen aufgebaut und Arbeitsplätze geschaffen werden. Es werde allerdings immer schwieriger, Nachwuchs für traditionelle Berufe wie Messerschleifer zu finden. „Die alten Meister sterben aus und für junge Menschen ist heute oft das Studium das oberste Ziel“, sagt Mengelkamp. Alle Ausbildungsplätze allgemein im Handwerk adäquat zu besetzen, ist auch in der Region Hannover ein Problem, bestätigt Dr. Sabine Wilp von der Handwerkskammer Hannover.

Rund 650 Manufakturen zählt Bressel von Deutsche Manufakturen im Mailverteiler seines Verbandes, davon etwa 30 in Niedersachsen und Bremen. Mengelkamp von der Initiative Deutsche Manufakturen – Handmade-in-Germany schätzt die Anzahl der Manufakturen auf 300 deutschlandweit. Für die Zahlen legen beide jeweils ihre eigenen Definitionen zugrunde – die nicht jeder für allumfassend hält. So schreibt die Initiative Deutsche Manufakturen – Handmade-in-Germany auf ihrer Startseite, das Label „Handmade-in-Germany“ stehe für „handgefertigte und maßgeschneiderte Produkte mit außergewöhnlich hoher Wertigkeit und Qualität“. Laut Wilp von der hannoverschen Handwerkskammer trifft das auch auf andere zu: „Solche exklusiven Erzeugnisse entstehen auch bei Kunsthandwerkern und Designern, die Unikate und Kleinserien handwerklich fertigen. Hannoversche Beispiele dafür sind die Silberschmiedin Maike Dahl und der hannoversche Metallgestalter David Kaiser.“ Simone Frings, die in Hannover eine Lampenschirm-Manufaktur betreibt, Kleinserien produziert, Auftragsarbeiten annimmt und einen festangestellten Mitarbeiter hat, sagt: „Ich bin eine waschechte Manufaktur. Und das hat in sechs Jahren auch noch niemand angezweifelt.“

In der Region Hannover gibt es noch weitere Manufakturen, zum Beispiel Goldschmieden, die Kaffeerösterei in Burgdorf, den Kreuzkamphof in Burgwedel, der vor allem Rindfleisch produziert, und das Atelier Dorothee Lehnen, das Textilprodukte herstellt. Auch größere Unternehmen wie Passier & Sohn in Langenhagen, das Reitsport- ausrüstung herstellt, und der hannoversche E-Gitarren-Bauer Duesenberg zählen zu den regionalen Manufakturen. Einige Tischler nennen sich Manufakturen, obwohl sie größtenteils Auftragsarbeiten fertigen. Zwei Firmen in Hannover haben sich auf Eis spezialisiert: die (Speise-)Eismanufaktur Frioli und Hannover Ice, das Eiswürfel her-
stellt. An den Kriterien von Deutsche Manufakturen und Deutsche Manufakturen – Handmade-in-Germany würde der drei Mitarbeiter starke Betrieb scheitern, bezeichnet sich aber ohnehin nicht selbst als Manufaktur. Für die Zukunft der Manufakturen sehen der Verband Deutsche Manufakturen und die Initiative Deutsche Manufakturen – Hand-made-in-Germany Potenzial. „Je gleicher die Welt wird, desto mehr interessieren sich Menschen für Produkte aus Manufakturen“, sagt Bressel. Da ist sich auch Mengelkamp sicher, die aktuell einen Trend zu Nachhaltigkeit und Minimalismus in Deutschland sieht: „Es geht darum, weniger Dinge zu haben – aber dafür gute Dinge.“

Text: Sarah Franke
Foto:
A. Dreher | pixelio.de