Interesse geweckt?

Und Sie wollen keine Ausgabe mehr verpassen?
Oder Sie kennen jemanden, der radius/30 ab jetzt immer lesen möchte?

MAREN GRONDEY: STÜCK FÜR STÜCK VISIONEN UMSETZEN

Im März legte die Region Hannover die aktuelle CO2-Bilanz vor. Sie dient als wichtiges Controllinginstrument für den Klimaschutz in der Region. Die Ergebnisse sind durchwachsen: Zwar sind die CO2-Emissionen zurückgegangen, aber die Aktivitäten werden nicht ausreichen, um das für 2020 gesetzte Zwischenziel – nämlich 40 Prozent weniger CO2 – zu erreichen. Die Wirtschaft hatte 2015 mit 44 Prozent in der Region bzw. 60 Prozent in der Stadt Hannover den höchsten Anteil an den gesamten Treibhausgas-Emissionen. Dabei ist es gar nicht so schwer, als Unternehmen etwas für den Klimaschutz zu tun. radius/30 sprach mit Maren Grondey, Geschäftsführerin von Siemer Verpackung, darüber, wie in einem Familienunternehmen Nachhaltigkeit im Berufsalltag gelebt werden kann.

Interview: Susanne Bührer

radius/30: Frau Grondey, was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?
Maren Grondey: Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, Emissionen zu vermeiden, zu reduzieren und den verbleibenden Rest auszugleichen. Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch, regional einzukaufen – und zwar beruflich und privat – und, dass sich meine Mitarbeiter wohlfühlen – auch das ist für mich Nachhaltigkeit: Dafür die Struktur zu schaffen. Weil mir das Thema Nachhaltigkeit so wichtig ist, bin ich beispielsweise auch der Allianz für Klima und Entwicklung beigetreten. Ich finde, für Unternehmer müsste ein klimaneutrales Unternehmen Pflicht werden. Wir können es uns nicht leisten, weiter so mit unseren Ressourcen umzugehen. Keiner muss Strom sparen, wenn er nicht will oder kann, aber jeder kann seinen Verbrauch klimaneutral ausgleichen. Fleischessen und Fliegen produzieren am meisten CO2. Und es sind insbesondere die reichen Menschen, die viel fliegen. Die reichsten 10 Prozent in der Welt produzieren 49 Prozent des gesamten CO2. Würden sich diese 10 Prozent klimaneutral stellen, wäre schon ganz viel erreicht. Wir dürfen aber auch nicht nur bei uns vor der Haustür Dinge verändern. Wenn Indien und Afrika eine ähnliche Entwicklung nehmen wie China, wäre das ein Desaster.

Sie sagen „CO2 ausgleichen“ – was kann man sich darunter vorstellen?
Wir sind ein klimaneutrales Unternehmen. Das bedeutet, dass wir zwar CO2 produzieren, aber über ClimatePartner Zertifikate einkaufen. Mit diesen Zertifikaten werden Klimaschutzprojekte unterstützt, die Treibhausgase vermeiden oder binden zum Beispiel durch Aufforstung oder den Ausbau erneuerbarer Energien. Und durch die der technologische und wirtschaftliche Fortschritt in Nicht-
industrieländern gefördert wird.

Was bedeutet das für Ihre Kunden?
Wir bieten unseren Kunden an, klimaneutral zu drucken. Wenn ein Auftrag hier eingeht, ist er nicht automatisch klimaneutral. Wir können den CO2-Ausstoß in der Produktion nicht komplett vermeiden. Wir können ihn aber ausgleichen und ermutigen unsere Kunden, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen und zum Ausgleich hochwertige sinnvolle Zertifikate zu erwerben. Den Kunden kostet das ungefähr 1 bis 2 Prozent des Auftragsvolumens. Dafür kann er damit werben, dass seine Verpackung klimaneu-
tral produziert wurde.

Wird diese Möglichkeit der klimaneutralen Produktion von den Kunden angenommen?
Wir sind seit 2011 klimaneutral und können rückblickend sagen, dass es immer besser und mehr angenommen wird. Insbesondere in den letzten zwei Jahren wird es vermehrt nachgefragt. Viele Kunden kommen deshalb zu uns, weil wir klimaneutral produzieren können. Häufig sind es Kunden aus der Biobranche oder größere Start-ups – von letzteren nutzen fast 100 Prozent die Möglichkeit der klimaneutralen Produktion. Eine erfreuliche Entwicklung!

Wie wird in Ihrem Unternehmen noch nachhaltig gearbeitet?
Momentan beschäftige ich mich mit einem neuen Lichtkonzept. Wir sind 2013 in dieses Gebäude gezogen – damals wurde uns wegen der Wärmeentwicklung von LED-Leuchtmitteln abgeraten. Inzwischen sind diese Leuchten aber so weit fortgeschritten, dass es für uns eine lohnende Investition ist, umzustellen. Die Anschaffungskosten sind hoch, aber mit dem richtigen Konzept – bei dem Tageslichtdimmer zum Einsatz kommen und Licht auch wirklich nur da angeht, wo es gebraucht wird – können wir den Stromverbrauch merklich senken. Unsere Steckdosen haben beispielsweise Schalter zur Stromausstellung. Jeder Mitarbeiter macht, wenn er seinen Arbeitsplatz verlässt, den Strom komplett aus. Auf dem Dach haben wir eine Solaranlage, die wir zwar vermieten und nicht selbst nutzen können, aber dennoch stellen wir unsere Dachfläche dafür zur Verfügung. Unseren Strom – 100 Prozent Ökostrom – beziehen wir von LichtBlick. Unsere Heizung ist geleast und wenn in zwei Jahren der Vertrag ausläuft, könnte ein Blockheizkraftwerk infrage kommen, mit dem noch mehr Emissionen vermieden werden könnten.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Ich versuche, sie zu sensibilisieren und zu involvieren. Ich versuche, ihnen den Arbeitsweg mit dem Fahrrad oder eBike schmackhaft zu machen, indem sie über unser Unternehmen ein Fahrrad leasen können. Grundsätzlich kommen sie alle klimaneutral zur Arbeit. Einige fahren mit dem Fahrrad. Bei denen, die mit dem Auto kommen, wird der Arbeitsweg berechnet und die dabei entstehenden Emissionen ausgeglichen.

Woher kommen Ihre Ideen zur nachhaltigen Arbeitsweise?
Ich bin immer auf der Suche nach Inspiration und neuen Impulsen. So kam ich auch über einen Vortrag von Christian Felber zur Gemeinwohlbilanz, in deren Netzwerk wir Mitglied sind. Als ich den Vortrag anhörte, sprach er mir aus der Seele und ich dachte, genau so möchte ich auch wirtschaften. In der GemeinwohlÖkonomie spielen auch die Mitarbeiter eine entscheidende Rolle. Ich habe meine Abschlussarbeit über den Zusammenhang von Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit geschrieben und herausgefunden, dass beides kausal zusammenhängt. Wir setzen hier im Unternehmen von Anfang an auf ein offenes und freundliches Betriebsklima. Lediglich in der Produktion wird gestempelt – aber auch nur für Ankunft und Feierabend. Für eine Kaffeepause muss nicht ausgestempelt werden. Ansonsten arbeiten wir auf Vertrauensbasis. Würde ich das jetzt gegenrechnen, geht mir da sicher Geld verloren – dafür habe ich zufriedene und motivierte Mitarbeiter. Das ist mir deutlich mehr wert.

Haben Sie für uns noch mehr konkrete Beispiele, wie man in Firmen einfach nachhaltig leben kann?
Unseren Kaffee beziehen wir regional von der Hannoverschen Kaffeemanufaktur. Snacks und Milch kaufen wir bio-zertifiziert. Unsere Arbeitskleidung ist Fair Trade. Unser Kopier- und Toilettenpapier 100 % recycelt. Rechner sind mit einem grünen Punkt ausgestattet. Wir haben eine hochwertige Trinkwasserfilteranlage. Unsere Bank ist eine nachhaltige Bank, die GLS Bank. Klimaneutralität betrifft auch das Verbrauchsmaterial in der Produktion. Wir sind FSC-zertifiziert. Ich bin aber inzwischen einen Schritt weiter und versuche, unser Material aus recycelten Fasern und nicht aus frischen Fasern zu beziehen. Möglichst viele Arbeitsschritte finden bei uns direkt im Haus statt. Ist das nicht möglich, versuche ich, Subunternehmer aus der näheren Umgebung zu finden. Überhaupt lege ich persönlich den Fokus auf regionale Kunden. Wir müssen wenig aktiv akquirieren, weil wir über Mundpropaganda weiterempfohlen werden. Aber wenn wir akquirieren, dann in der Region. Auch bei Lieferanten achte ich darauf, dass sie möglichst aus der Region kommen.

Haben Sie einen Wunsch an die Region Hannover?
Die Region Hannover macht viel zum Thema Klimaschutz. Aber warum nicht jetzt schon klimaneutral stellen, die verbleibenden Emissionen ausgleichen und somit eine der ersten Kommunen werden, die klimaneutral ist? Als Fahrradfahrerin ist natürlich der Wunsch nach noch mehr Fahrradfreundlichkeit da.

Ist Nachhaltigkeit in Ihrem Privatleben ein genau so großes Thema?
Ja, ich habe das Unternehmen von meiner Mutter übernommen und es war von Anfang an klar, dass ich das nur zu meinen Vorstellungen kann. Ich trenne beruflich und privat deutlich, aber die Werte und der Anspruch sind natürlich identisch. Ich sitze beruflich „am Kunden“ und habe in meiner Position die Möglichkeit, etwas zu verändern. Und wir sind damit erfolgreich. Bereits im ersten halben Jahr konnten wir anteilig ein zweistelliges Umsatzplus einfahren. Wir sind noch lange nicht perfekt, aber setzen Stück für Stück unsere Visionen um.

www.jungeschachteln.de