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HANNOVER UND REGION SIND HOCHBURG DES POLOCROSSE

Hoch zu Ross geht Polocrosse … Bitte was? Ja, es gibt eine Sportart aus Australien, die sich – leider noch nicht ganz so rasant wie das Spiel in vollem Galopp, aber doch so allmählich Schritt für Schritt – hier etabliert. Was man dazu braucht? Sechs Pferde, sechs Reiter, sechs Racquets (Schläger) und einen Ball. Und natürlich ganz viel Platz für ein Spielfeld – denn das ist mal eben 146,5 Meter lang und 55 Meter breit. Leider haben die wenigsten Vereine diesen Platz. Wenn Sie also zufällig ein Feld in der Nähe übrig haben: Die Polocrosse-Spieler nehmen es gern!

Polo + Lacrosse = Polocrosse
Polocrosse setzt sich aus den beiden Sportarten Polo und Lacrosse zusammen. Polo kommt dabei ursprünglich aus dem antiken Persien um 600 vor Christi und Lacrosse von den Indianern an der Ostküste der USA. Sie versuchten, mit Netzschlägern einen Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Der Name „La Crosse“ erinnert dabei an das französische Wort für „Bischofsstab“, dem die Schläger ähnlich sehen. Bereits Ende der 1930er-Jahre entwickelten die Australier beide Sportarten schließlich zum Polocrosse weiter – als Teamsport zu Pferd. Bei uns gibt es diese Sportart erst seit 2004, damals brachte eine Reiterin Polocrosse quasi aus dem Urlaub in Irland mit, als sie dort den damaligen Vizepräsidenten des Weltverbandes kennengelernt und das Spiel vor Ort ausprobiert hatte. Ihr Pferd stand damals in Garbsen/Stelingen, wo sie schnell viele andere für den Sport und den neu ins Leben gerufenen Polocrosse Spielergemeinschaft Garbsen Stelingen e. V. begeisterte. Immer wieder kamen Trainer aus Irland und England nach Deutschland, um zu helfen, diesen rasanten Sport auch hier zu etablieren.

Bild: Dieter Siedersleben

Deutsches Team reist durch Europa
Heute spielen gleich fünf Spielerinnen und Spieler dieses Vereins für das deutsche Nationalteam europaweit. Meist finden die Turniere in den Niederlanden, Großbritannien, Irland oder Frankreich statt. Durch die Kontakte zu den anderen Spielern gibt es inzwischen einen regen Austausch. So nahm sich die Vereinsvorsitzende Juliane Altsinger während ihres Studiums 2017 dreieinhalb Monate lang eine Auszeit, um in Quilpie, im australischen Outback, mal so richtig Polocrosse im Ursprungsland zu erleben und ihr Spiel weiter zu verfeinern. Juliane, die früher mit ihrem Pferd Jupi auf Springturnieren unterwegs war: „Ich habe in Quilpie täglich junge Pferde für Polocrosse ausgebildet und bin dann gemeinsam mit der Familie dort an den Wochenenden auf Polocrosse-Turniere in der Umgegend gefahren. Die Stimmung dort ist einzigartig. Polocrosse ist dort ein echter Familiensport. Eine tolle Atmosphäre. Zum Beispiel gibt es bei jedem Turnier ein Lagerfeuer, das Tag und Nacht brennt. Ein Treffpunkt für Spielerinnen und Spieler, die gerade nicht im Einsatz sind, sowie für die vielen Freunde, Bekannten und Verwandten, die Teil der Turniere sind und mithelfen, die Tiere für ihren Einsatz fertig zu machen oder nach dem Spiel abzusatteln und sie abzuduschen, zu füttern und zu tränken.“

Achtung anteckend: das Polocrosse-Virus
Das Polocrosse-Virus hat sich Juliane über ihren Lebenspartner Max Schellerer eingefangen, dessen damalige Lehrerin den Sport nach Garbsen gebracht hatte. Max infizierte auch seinen Reithof: Das Gestüt Avalon in Engensen, wo jeden Samstag Polocrosse-Training mit Kindern und Jugendlichen stattfindet. Alle drei Wochen werden hier am Sonntag Chukkas (Spielabschnitte) gespielt. Auch hier sind sowohl die Familie von Reitstallbesitzerin Heidrun Rathmann als auch viele ihrer Reitschüler inzwischen vom Polocrosse-Virus befallen. Dieses Jahr kommt hier Himmelfahrt der irische Trainer David Young, um allen Polocrosse-Infizierten weitere Spielzüge beizubringen.

Lkw-Umbau für Pferde und Familie
Ebenfalls infiziert haben sich von Anfang an auf dem Rusthof, dem Vereinssitz der Spielergemeinschaft Polocrosse Garbsen Stelingen, Marian van der Marel und ihr Mann Sascha Chrupalla. Dabei musste Sascha zunächst erst mal reiten lernen. Sascha: „Als ich das erste Mal auf dem Haflinger einer Freundin galoppieren durfte, wusste, ich, dass ich sowohl reiten als auch Polocrosse spielen lernen wollte!“ Inzwischen spielen seine beiden Töchter ebenfalls Polocrosse und sobald die Fohlen der beiden Stuten Tasha und Noche eingeritten sind, stehen für alle passende Polocrosse-Pferde zur Verfügung. Ein Lkw wird bereits in England als Pferdetransporter umgebaut, sodass die ganze Familie samt Pferden gemeinsam mobil unterwegs sein kann. Während in Australien hauptsächlich die sogenannten Australian Stockhorses – ein Mix aus Quarterhorse und Vollblut – für den Sport genutzt werden, dienen den Iren und Engländern meist Rennpferde sowie Polopferde als vierbeiniger Spieluntersatz. In Frankreich bevorzugen die Polocrosser übrigens Henson Horses, eine Mischung aus Norwegern und Warmblut, die es erst seit den 1970er-Jahren gibt. Ein ideales Polocrosse-Pferd sollte eine Widerristhöhe zwischen 1,50 und 1,55 Metern haben, schnell und wendig sein. Den Mannschaftssport kann man aber selbstverständlich auch mit allen anderen Pferderassen spielen. Bei größeren Pferden sind dann längere Arme und Schläger von Nöten, um an den Ball kommen zu können, falls dieser am Boden liegt. Aber der Spaß ist garantiert! Auch für die Pferde übrigens, die oft sehr schnell lernen, worum es im Spiel geht.

Bild: Susi Brunke

Polocrosse 2019
Ostern beginnt mit einem Auftaktturnier in den Niederlanden traditionell die (internationale) Saison. Wer den Sport in der Region einmal kennenlernen möchte, sollte sich am Himmelfahrtswochenende auf dem Polocrosse-Platz des Gestüts Avalon in Engensen einfinden, wenn traditionell das Trainingswochenende mit vielen Spielen und Spielzügen stattfindet. Oder jeden dritten Sonntag, wenn hier Chukkas gespielt werden. Im Rahmen des Ferienpass-Programms in den Sommerferien bietet das Gestüt Avalon Unterricht im Polocrosse für Schülerinnen und Schüler. Vom 21. bis zum 22. September 2019 organisiert die Spielergemeinschaft Polocrosse Garbsen Stelingen auf dem Misselhorner Hof in Hermannsburg ein großes deutsches Turnier: die German Open, zu der auch internationale Gäste geladen sind. Möglich ist dieses Turnier übrigens nur, weil Eckhardt Meyer (ehemaliger Bundestrainer der Ein- und Zweispännerfahrer sowie Vizeweltmeister von 1993 und 1994) dem Verein nach der Turniersaison von den Kutschfahrern dem Polocrosse-Verein sein Top-Gelände in der Heide dann dafür zur Verfügung stellt. Besucher sind hier jederzeit willkommen! Der Eintritt ist frei.

Dreimal Chukka – die Regeln
In jedem Team spielen jeweils drei Reiter: ein Angreifer (Rückennummer 1), ein Mittelfeldspieler (2) sowie ein Torhüter (3), die gleichzeitig auf dem Feld im Einsatz sind und gegen
ein weiteres Team spielen. Dabei gilt es, mit dem Netzschläger vom Pferd aus den Ball zu bekommen und im Team ins gegnerische Tor zu tragen. Die Spielabschnitte – Chukkas – betragen dreimal sechs Minuten mit jeweils sechsminütigen Pausen dazwischen. Das Tor besteht aus zwei mindestens drei Meter langen flexiblen Stangen, die im Abstand von 2,50 Meter aus der Erde ragen. Gedacht sind sie praktisch endlos in der Höhe. Wird der Ball höher als die Stangen geworfen, ist es manchmal schwer, zu entscheiden, ob er wirklich durch oder neben die Stangen flog. Darüber entscheiden die hinter dem Tor stehenden Torschiedsrichter, ob das Tor zählt oder nicht. Da das Spiel in der schnellsten Gangart der Pferde – im Galopp – gespielt wird, gibt es neben den Tor-Schiedsrichtern, die ohne Pferd agieren, zwei weitere, die links und rechts vom Spielfeldrand mitreiten, um auf Spielhöhe genau zu sehen, was passiert. Ziel des Spiels ist es natürlich, möglichst viele Tore zu erzielen. Der Ball – aus Gummi mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern und einem Gewicht von 150 Gramm – wird dabei (anders als beim Polo) nicht geschlagen, sondern im Netz des Schlägers aufgenommen und getragen oder einem Mitspieler zugeworfen. Dabei ist es erlaubt, dem Gegner den Ball aus dem Schläger zu schlagen oder ihn abzudrängen, um ihn am Torwurf zu hindern. Das Spielfeld ist in drei Teile unterteilt, wobei der Spieler mit der Nummer eins in der Mitte und vorn spielen darf, der Spieler mit der Nummer zwei lediglich in der Mitte, der Spieler mit der Nummer drei sowohl in der Mitte als auch hinten am Tor. Schläger und Bälle werden von allen wie das eigene Augäpfelchen gehütet, denn sie gibt es bis heute nicht in Deutschland zu kaufen, sie müssen aufwändig im Ausland bestellt werden. Gerne verleiht der Polocrosse Verband Deutschland deshalb gegen Gebühr Schläger und Bälle an Reiterinnen und Reiter anderer Vereine, die den Sport einmal ausprobieren möchten – am besten mit ein oder zwei Unterrichtsstunden zur Probe, die eine/r der erfahrenen Polocrosse-SpielerInnen geben kann.


Text: Katja Banik