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GUT AUF DEM PLATZ, GUT AN DER KONSOLE? TEIL 1

Wie lassen sich Kinder im digitalen Zeitalter wieder für Sport begeistern? Wie kann in der Nachwuchsförderung der Breiten- vom Spitzensport profitieren – und umgekehrt? radius/30 begab sich auf die Reise in die Region zu vier Vereinen, bei denen Jugendarbeit – Spitzen- wie Breitensport – großgeschrieben wird. Genauer: bei den Grizzlys, den Scorpions, den Recken und den Roten.

Volleyball
Unsere erste Station führt in den Süden der Region – nach Giesen. Noch nie gehört? Dabei ist das Städtchen mit seinen 3.000 Einwohnern (Stand 2008), idyllisch zwischen Sarstedt und Hildesheim gelegen, Heimatstadt eines Bundesligisten. Zum Redaktionsschluss belegt der TSV Giesen Platz 10 der 1. Männerbundesliga im Volleyball. 1.300 bis 1.400 Zuschauer besuchen im Schnitt die Heimspiele der Helios Grizzlys. In dem mit 1.400 Mitgliedern in sechs Sparten stark breitensportorientierten Verein nimmt die Volleyballabteilung seit ihrer Gründung im Jahre 1981 einen besonderen Stellenwert ein. Mit 340 Mitgliedern ist die stetig wachsende Volleyballsparte die größte in Niedersachsen. „Wir haben seit Jahrzehnten ein besonderes Auge auf die Jugendförderung“, betont der sportliche Leiter der Herrenmannschaft, Claas Blume. „Unsere Speerspitze aber ist der Spitzensport. Wir arbeiten mit einem sechsstelligen Etat und mit Profisportlern, die aus der Slowakei, Slowenien, Tschechien, den USA und sogar aus dem Kongo kommen. Sie sind Vorbilder, die dafür sorgen, dass sich Jugendliche für den Sport begeistern und ihn in unserem Verein betreiben. Es ist ein Sport, der ein gewisses Durchhaltevermögen erfordert. Volleyball ist technisch sehr anspruchsvoll, es braucht seine Zeit.“

Blume ist bewusst, „dass unsere Leistungsspitze nicht auf der Jugend liegt, aber alle vier, fünf Jahre bekommen wir es hin.“ Die Bundeskaderschmieden sind an anderen Stützpunkten. Dennoch versucht der Verein neben dem Breitensport (in der Volleyballsparte sind sechs Herren-, fünf Frauen- und elf Jugendmannschaften aktiv), Jugendspieler an das Bundesliganiveau heranzuführen. „Über die Qualität der Trainer bekommen wir das hin“, sagt Blume. Finanzielle Unterstützung allerdings bekommen jugendliche Volleyballer nicht. Vom Etat müssen die Trainer bezahlt werden. Ab und an gibt es Zuschüsse für Auswärtsfahrten. „Ihre Trikots aber müssen sie schon selber waschen“, sagt Blume. Und schmunzelt. Aber es werde immer schwerer, Kinder für den aktiven Sport zu begeistern, weiß Blume – „auch wenn es im ländlichen Bereich besser klappt als in der Stadt.“ Ein weiterer Aspekt ist, dass in der Region Hildesheim die Grizzlys als Bundesligist die am höchsten spielende Mannschaft sind. Dennoch hängt die Verantwortung bei der Jugendarbeit auf den Schultern vieler Ehrenamtlicher und der Eltern. Aber es werden immer weniger. „Wir versuchen diese Entwicklung durch einen FSJler aufzufangen. Und hoffen, dass sich dies langfristig auswirkt.“ Um Kinder und Jugendliche für den Sport zu begeistern, veranstaltet der TSV Giesen sogenannte Smash Camps in den Ferien für Anfänger und Beachvolleyballcamps. Zusätzlich bietet der Verein AGs an vier Schulen im Umkreis an.

Eishockey
Vom Süden führt unsere Reise in den Norden der Region – nach Mellendorf. Im dortigen Eisstadion, aktuell Hus de Groot Eisarena, residieren die Hannover Scorpions, der deutsche Eishockeymeister von 2010. Aktuell spielen die Hannover Scorpions nach einer Odyssee mit verschiedenen Gesellschaftern wieder in ihrer alten Heimat in der Oberliga Nord. Anders als bei den Grizzlys ist die Profiabteilung als Gesellschaft vom Verein ESC Wedemark, der Breitensport betreibt, abgekoppelt. Eine Entwicklung, die sich eher zufällig ergab. „Der ESC wurde 2008 als reiner Nachwuchsverein gegründet“, erklärt Ingo Haselbacher, Stadionchef, Geschäftsführer und gleichzeitig Schriftführer beim ESC (Vater Jochen ist Vereinspräsident, Bruder Eric Teammanager und Schwester Kathrin Kassenwartin). „Aber irgendwann wurden die Nachwuchsspieler groß. Wir brauchten ein Auffangbecken für sie – eine Herrenmannschaft.“ Die (erneute) Entwicklung vom Breiten- zum Spitzensport verlief in kleinen Schritten. Die Eishalle in Langenhagen ging Pleite, die dort spielenden Hannover Scorpions fusionierten mit den Wedemark Scorpions. Und klopfen mittlerweile als Hannover Scorpions mit Spielort Mellendorf an der DEL2 an, der zweithöchsten deutschen Liga. Das Ziel soll mit einer Mannschaft erreicht werden, die bis auf das Eigengewächs Noah Janisch aus Kanadiern und vorwiegend in Bayern ausgebildeten Spielern besteht. „Ganz klar, der Süden Deutschlands hat einen Standortvorteil. Und es gibt dort viel mehr gut ausgebildete Trainer. Aber wir sind auf einem guten Weg. In den letzten drei Jahren hat sich die Qualität des Trainings enorm verbessert. Wir haben vom DEB mittlerweile unseren ersten Stern bekommen. Da sind wir stolz darauf“, sagt Haselbacher.

Besonders stolz aber ist er auf die Kooperation mit dem Stadtrivalen Hannover Indians. (Fast) alle Jugend-Mannschaften bestreiten mit einer gemeinsamen Mannschaft den Ligabetrieb. „Das ist so, als ob Hannover 96 und Eintracht Braunschweig kooperieren würden“, urteilt Haselbacher. Über die U7- (eine reine Laufschule ohne Spielbetrieb) kooperieren beide Vereine bis zur U15-Mannschaft und stellen oft sogar zwei Teams für die Liga. Die U17 tritt als einzige Mannschaft nur für die Hannover Indians an. Bei der U20 besteht sogar eine Dreier-Koop mit den Indians und Nordhorn. Da aber Eishockey eine Sportart ist, die einen exklusiven Spielort und mehr an Ausrüstung braucht als Turnschuhe, eine Turnhose und ein Trikot, ist das Engagement der Eltern gefordert. „Die Eltern werden schon hart gefordert“, weiß Haselbacher zu berichten. „Einige haben zwei Kinder bei uns. Der eine spielt bei der U13, der andere bei der U11. Bei dem einen ist Sonntagmorgen um 7 Uhr früh Anpfiff in Hamburg, der andere spielt mittags in Rostock.“ In der Woche finden zwei bis vier Mal Trainingseinheiten entweder in Mellendorf oder im Eisstadion am Pferdeturm statt. „Das ist schon anspruchsvoll, aber es klappt gut“, sagt Haselbacher. Und wo liegt mittlerweile der Schwerpunkt – beim Spitzen- oder beim Breitensport? Haselbacher: „Beides befruchtet sich. Du kannst nur in die Spitze kommen, wenn du in die Breite gehst. Tatsächlich baut eine erfolgreiche 1. Mannschaft den höchsten Sog auf, um Nachwuchs zu ziehen. Da läuft vieles von alleine. Punkt zwei ist, dass wir viele Kooperationen mit Grundschulen, etwa in Elze, haben. Zudem haben wir die Eislaufschule, in der Talente entdeckt werden. Das ist jetzt kein riesiges Scoutingsystem, aber immerhin.“ Beim Training des Nachwuchses sind auch die Profis eingebunden. Topscorer Björn Bombis ist fast immer bei der Laufschule für die ganz Kleinen dabei. Torhüter Enrico Salvarani ist fest im Jugendtrainerbereich tätig. „Besonders gut angenommen wird zweimal im Jahr der DEL Kids On Ice Day. Da laden Kinder aus dem Verein einen Freund ein, der noch nie Eishockey gespielt hat. Das läuft ohne Drill. Profis wie Bombis, Dennis Schütt oder Sebastian Lehmann haben viel Spaß mit den Kindern. Von den 30 Teilnehmern bleiben stets drei bis fünf dem Sport erhalten.“ Über ein Nachwuchsproblem im digitalen Zeitalter will Haselbacher nicht klagen. „Der Zuspruch ist so groß wie nie zuvor. Wir haben jedes Jahr 30 neue Kinder, die anfangen. Da ist die Kapazitätsgrenze fast erreicht. Meine Meinung ist: aktiv Sport zu treiben und am Computer zu zocken schließen sich nicht aus. Oft sind die besten Spieler auf dem Eis auch die besten an der Konsole.“


Text: Bernd Schwope