„Hallo, Mama, ich bin wieder da!“

21. Juli 2020

Sachen packen und ab ins alte Kinderzimmer

In den USA ist das Phänomen schon länger bekannt: Boomerang-Kids. Was sich zunächst nach einem lustigen Sportgerät anhört, hat einen anderen Hintergrund.

Erwachsene ziehen in ihr ehemaliges Kinderzimmer zurück. Besonders aTüren knallen, Kinder schreien ihre Eltern an, Eltern schreien ihre Kinder an. Jeder hat sie noch vor sich, die Bilder aus der eigenen Pubertät. Doch auch wenn erwachsene Kinder wieder bei ihren Eltern einziehen, kann es zu solchen Szenen kommen. Boomerang-Kids werden diese jungen Erwachsenen genannt. Der Begriff stammt aus den USA, wo nach der Wirtschaftskrise 2008 viele junge Menschen trotz guter Ausbildung nicht auf eigenen Beinen konnten stehen und zurück in ihre alten Kinderzimmer zogen.

Nicht immer muss dies im Streit enden. Luna (20) und Karo (22) wohnen beide seit zwei Jahren wieder bei ihren Eltern. In einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion zog Luna erst mal bei ihrer Oma ein, drei Monate später dann zu ihren Eltern. Sie fühlt sich in dieser Konstellation wohl. „Also bei meiner Oma war es ein bisschen anstrengend. Bei meinen Eltern ist das aber eigentlich ganz chillig. Die haben sich gefreut, dass ich wieder da war.“ Auch Lunas Eltern sehen das so, vor allem „ist es viel einfacher, wenn die Aufgaben auf drei statt auf zwei verteilt werden.“

Home Sweet Home

Christiane Maurer hat schon Boomerang-Kids beraten, sie leitet die Psychologisch-Therapeutische Beratungsstelle aller Hochschulen in Hannover. Die Institution hilft Studierenden mit studienbezogenen Problemen und ist gleichzeitig erster Anlaufpunkt für Studierende mit psychischen Krankheiten. Die Diplom-Psychologin kann sich verschiedene Gründe vorstellen, warum sich Eltern freuen, wenn ihre Kinder wieder zurückkommen. Zum Beispiel ist für viele Paare ein Kind die Lebensaufgabe, zieht das Kind aus, müssen Eltern auch als Paar wieder funktionieren. „Und die tun sich dann sehr schwer mit dieser Aufgabe und sind eher glücklich darüber, wenn die gemeinsame Aufgabe, das Kind, wieder da ist.“

Auch Karo fühlt sich in ihrem alten Kinderzimmer sehr wohl. Manchmal streitet sie sich zwar mit ihrem Vater, sie hat aber Glück, dass ihr Bruder noch zu Hause wohnt. „Das macht es leichter, man hat noch einen Geschwisterpart, der irgendwie eine Rolle spielt. Da liegt der Fokus nicht so auf einem selbst.“ Luna lacht: „Das habe ich leider nicht, meine Schwester wohnt in Hamburg.“ Christiane Maurer berichtet, dass viele Eltern daran interessiert sind, ihre Kinder als Erwachsene zu erleben. „Eltern haben auch diese Selbstständigwerdung ihrer Kinder gar nicht mehr so richtig mitbekommen. Mit Drei-Tage-Besuchen zu Hause, da sehen Eltern nicht so klar, wie sich ihr Kind entwickelt hat.“

Während der Corona-Krise zogen besonders viele Studierende wieder zu den Eltern. „Jetzt, in der Corona-Krise, sind viele Studierende nach Hause gefahren, weil sie dann bei ihren Eltern sein wollten und nicht alleine in irgendeinem Studentenwohnheim“, weiß Maurer. Die Corona-Krise zeigt, dass ein Umzug in die Heimat nicht unbedingt zu Konflikten führt, sondern auch Trost spenden kann. In ihren Gesprächen hat die Diplom-Psychologin noch weitere Gründe für die Rückkehr ins alte Kinderzimmer ausgemacht: „Manchmal sind es konstruktive Gründe. Gibt es ja oft, dass jemand für einen attraktiven Praktikumsplatz oder einen Job vom Studienort zurück in die Heimat geht.“

Aus diesem Grund machte sich auch Michael Dick (26) auf den Weg in die Heimat. Für ein Praxissemester zog er aus Duisburg zurück in seine Heimatstadt Willebadessen. Für Michael war die Rückkehr ins alte Kinderzimmer eher „so ein bisschen business as usual. Weil es jetzt nicht irgendwie unverhofft kam.“ Schlagartig machte ihm dann aber die Corona-Krise einen Strich durch weitere Pläne, zurückkehren nach Duisburg ergab wenig Sinn. „Und weil das jetzt alles über E-Learning läuft, bin ich erst mal hiergeblieben. Und solange ich auch keinen triftigen Grund habe, wieder rüberzufahren, bleibe ich dann wahrscheinlich auch hier.“

„Meine Eltern haben sich getrennt, als ich eingezogen bin“

Das Statistische Bundesamt erhebt zwar Zahlen über Erwachsene, die mit ihren Eltern zusammenwohnen, dies schließt jedoch auch jene mit ein, die nie ausgezogen sind. Dafür gibt es andere Studien zu diesem Thema. Die London School of Economics zeigt in einer Studie, wie sehr sich das Leben der Eltern verändert, wenn ihr erwachsenes Kind zurück ins Nest kommt. Demnach sinkt die Lebensqualität der Eltern um 0,8 Punkte. Zum Vergleich: Dieser Wert wird auch erreicht, wenn sich die Mobilität durch eine altersbedingte Krankheit stark einschränkt. Mittlerweile gibt es dafür sogar einige Websites, die praktische Überlebenstipps geben.

Nach dem Abitur 2016 wollte Alex Kempe (26) eigentlich mit einer Freundin um die Welt reisen, dann ist ihre Freundin jedoch schwanger geworden und sie zog zurück in ihr Elternhaus.. Für Alex und ihre Eltern verlief ihre Rückkehr ins leere Nest dann nicht gerade glimpflich. „Meine Eltern haben sich getrennt in dem Moment, als ich quasi wieder eingezogen bin, was es superkompliziert gemacht hat.“ Nach 25 Ehejahren haben sich ihre Eltern auseinandergelebt. Alex wohnte dann ungefähr ein Jahr bei ihrem Vater, um Geld zu sparen. Als sie in ihre eigene Wohnung ziehen konnte, war Alex erleichtert. „Ich bin in so einem riesen Streit bei meinem Dad ausgezogen. Also wir haben uns richtig gefetzt. Aber im Endeffekt tat es mir sehr gut und auch der Beziehung zu meinem Dad. Jetzt verstehen wir uns wieder sehr gut.“

Houston, wir haben ein Problem

„Es gibt natürlich Paare, die sich dann sehr freuen und wieder zur Zweisamkeit finden, wenn die Kinder aus dem Haus sind und sich dann vielleicht eher wieder gestört fühlen, wenn eines der Kinder zurückkommt“, erklärt Christiane Maurer. Auch für die Boomerang-Kids sei es nicht immer leicht, wieder mit den Eltern zusammenzuleben. „Jemand, der lange selbstständig gelebt hat und einen eigenen Lebensrhythmus hatte, wird eher Schwierigkeiten haben, sich in den elterlichen Haushalt wieder einzufügen.“ Auch bei Michael konnten kleine Zankereien nicht vermieden werden, trotzdem ist das Leben mit seinen Eltern entspannt. „Wenn man länger hier ist, kommt so ein bisschen der Alltag. Und dann geht man sich schon mal auf die Nerven. Aber jetzt nichts Wildes.“

Die Gefühlswelt junger Erwachsener wird auf den Kopf gestellt. Der Umzug ins Elternhaus fühlt sich für Boomerang-Kids manchmal seltsam an. Christiane unterscheidet an diesem Punkt zwischen verschiedenen Gefühlen. Wenn jemand für konstruktive Gründe zurückkehrt, wie zum Beispiel ein Praktikum, dann fühlt sich das für Studierende anders an, „als wenn jemand sein Studium abbricht und mit einem Gefühl des Scheiterns nach Hause geht. Und in großer Unsicherheit wieder einzieht bei den Eltern“, berichtet die Diplom-Psychologin. Besonders in diesem Fall kann es zu Krach in der Familie kommen.

Köln – Handrup – Hannover

Was sich nach einer unmöglichen ICE-Strecke anhört, war für Katharina Stein (23) real. Nachdem ihre Lehrjahre in Köln beendet waren, wollte sie in Hannover studieren. Mit Zwischenstopp in der Heimat. „Insgesamt lief es eigentlich ganz gut. Ich habe mich manchmal nutzlos gefühlt, weil ich auch keinen Job hatte. Aber sonst allgemein von der Stimmung her hat es gut funktioniert.“ Katharina und ihre Mutter haben dafür auch einige Absprachen getroffen. Wer macht die Wäsche? Wer bringt den Müll raus? Wer kocht? Auch ihr kleiner Bruder hat sich über ihren Einzug gefreut. „Ich hatte bei meinem Einzug zu Hause Glück, weil meine Eltern konnten Gott sei Dank sehr gut akzeptieren, dass ich inzwischen erwachsen geworden bin.“ Als Katharina dann endlich in ihre WG ziehen konnte, hatte sie eigentlich erwartet, dass dies ähnlich emotional wird wie bei ihrem ersten Auszug. Am Ende war er dann aber, „als hätte ich zwei Monate mit meinen Eltern zusammen Urlaub gemacht. Und als hätten wir dann gesagt: Ich fahr dann wieder, tschau!“

Psychologisch-Therapeutische Beratungsstelle: https://www.ptb.uni-hannover.de/

Website mit praktischen Überlebenstipps: http://adultchildrenlivingathome.com/

Hallo Mama, ich bin wieder da!

Von Theresa Steffens

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

Journalismus Hannover Hochschule Kooperation