Die Angst um den Kleingarten als zweites Zuhause

19. Juli 2021

Kleingarten VS Bauland.

Müssen die Kleingärten in Hannover früher oder später für Bauland weichen? | Foto: Marcus Lenk

„Die Hartgesottenen sind häufig hier, sie brennen für ihren Garten“, so Malte Walkowiak (33), erster Vorsitzender des Kleingärtnervereins „Grüne Aue e. V.“ in Hannover-Kleefeld. Was fasziniert an einem Kleingarten? Und warum fürchten Kleingärtnervereine zunehmend um ihre Existenz?

Im Jahr 1920 schlossen sich mehrere Gärten zu der Pächtervereinigung „Grüne Aue“ zusammen. Am 17. Dezember 1972 gründete sich aus dieser Kolonie der bis heute bestehende Kleingärtnerverein „Grüne Aue e. V.“ So heißt es auf der Vereinswebseite, die von Walkowiak ins Leben gerufen wurde. Nur eine der vielen Aufgaben des Kleingartenliebhabers, der seit sechs Jahren das Amt des ersten Vorsitzenden bekleidet. „Weil’s kein anderer machen wollte“ übernahm er die Stelle nach seiner Tätigkeit als Kassenwart. Er achtet darauf, dass die Gartenordnung der Stadt Hannover von allen eingehalten wird.

„In manchen Gärten herrscht ein absolutes Tohuwabohu, um es noch vorsichtig auszudrücken“, so Walkowiak. Kommt ein Gärtner seinen Arbeiten und Pflichten nicht nach, kann sein Vertrag gekündigt werden. Wenn es notwendig ist, auch mit juristischer Unterstützung. „So weit kommt es aber meistens nicht.“ Dabei schwebt immer die Angst, den Verein zu verlieren, im Hinterkopf. „Überspitzt gesagt: Je unansehnlicher und ungepflegter unser Kleingärtnerverein aussieht, desto leichter fällt es der Stadt, Bauland daraus zu machen.“

Das schwarze Brett und ein schöner Kleingarten.
Wer sich an die Gartenordnung hält, kann sich an einem schönen Kleingarten erfreuen.

Laut Frau Ernst vom Bauamt Hannover sind mehrere Bauprojekte auf Flächen von Kleingärtnervereinen geplant: „Die Kleingärtner erfahren nicht erst in der Zeitung, wenn sie von einer Räumung betroffen sind“. Über den Bezirksverband Hannover der Kleingärtner wird frühzeitig bekannt gegeben, wenn die Gärtner ihre Lauben räumen müssen. „Die Kleingärten sind die letzten Flächen, auf denen Wohnungen im Stadtgebiet gebaut werden können“, so das Bauamt.

Ein Verlust auf vielen Ebenen

Für die Zukunft wünscht sich Walkowiak, dass der Vertrag mit der Stadt, die Fläche für den Verein zu nutzen, verlängert werden würde, bevor er in ungefähr 15 Jahren ausläuft. „Verlieren wir unseren Verein, würde die Stadt Hannover auch viele weitere Verluste in Kauf nehmen.“ Sollte die komplette Fläche von 2,2 Millionen Quadratmetern zugeschüttet werden, um sie als Baufläche zu nutzen, gehe jede Menge Lebensraum für Pflanzen und Tiere verloren.

Vogelhäuschen und Hummel.
Sowohl das Vogelhäuschen als auch die Hummel in den Johannisbeerbüschen hätten keinen Platz mehr, wenn Bauprojekte auf der Fläche der Kleingärten realisiert würden.

Den größten Verlust befürchtet Walkowiak aber sozialer Natur: „Die Leute, die dann hier wohnen würden, wären von einem ganz anderen Schlag. Die Konstellation an Menschen, wie wir sie in unserem Verein haben, würde nie wieder in dieser Form zusammenkommen.“ Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, werden regelmäßig Events veranstaltet. „Unter normalen Umständen findet jährlich ein Osterfeuer, ein Sommerfest und je ein Weihnachtsfest für Groß und Klein statt.“ Neben den festlichen Veranstaltungen werden auch Workshops von den Gärtnern angeboten. Walkowiak erklärt in seinem Workshop, wie Vereinsmitglieder „Terra preta“-Erde nutzen können, einen aus dem Amazonasgebiet stammenden Boden. „So können wir gegenseitig voneinander lernen und noch mehr aus unseren Gärten herausholen.“

Warum ein Kleingarten begeistert und verpflichtet

Selbstverständlich pachtet auch Walkowiak einen der 149 Gärten. Wie in jedem Garten verpflichtend steht auch auf seinem Grundstück eine Gartenlaube. Diese dürfen laut der Gartenordnung eine Grundfläche von 24 Quadratmetern nicht überschreiten und darüber hinaus nicht zum dauerhaften Wohnen geeignet sein. Mit 380 Quadratmetern gehört sein Kleingarten zu den größeren des Vereins. Jeder der Kleingärten ist mit einem eigenen Anschluss an das Stromnetz angeschlossen. Grundwasseranschlüsse und Schornsteine mit Kamin sind nur in vereinzelten Gärten vorhanden. Lediglich das auf dem Gelände liegende Vereinsheim besitzt einen Anschluss für Trinkwasser.

„Ich bin als Entwickler tätig und nutze meinen Kleingarten aktuell vor allem für meine Arbeit im Homeoffice“, erzählt Walkowiak. Im Sommer besucht er seinen Kleingarten auch öfter mit Frau und Kindern. Dann hat er auch Zeit und Lust, in und an seinem Garten zu arbeiten. Ein Projekt für dieses Jahr: Terra preta benutzen. Auch der Teich muss wieder für den Sommer aufbereitet werden. „In dem Teich sind zwar Fische, die Kinder erfreuen sich aber vor allem an den Fröschen.“ Wenn er nicht in seinem Garten tätig ist, kann der Kleingarten für einen gemütlichen Grillabend mit Freunden genutzt werden. „Das fühlt sich hier dann manchmal mehr nach Zuhause an als mein richtiges Zuhause.“

Der Kleingarten von Walkowiak.
Der Kleingarten von Walkowiak inklusive des Teichs mit den Fröschen.

Der Kleingarten erfüllt den Wunsch nach einem eigenen Garten, der in der Stadtwohnung oft fehlt. Er wird neben der Gartennutzung auch für gemeinschaftliche Zwecke genutzt, um dort gemütliche Sommertage mit Familie und Freunden zu genießen. Dafür nehmen die Kleingärtner gerne einen weiten Weg auf sich. „Wir haben hier Mitglieder, die ihren Hauptwohnsitz in Celle haben.“

„Viele unterschätzen aber schlicht und ergreifend, wie viel Arbeit solch ein Kleingarten mit sich bringt. Sie kündigen die Pacht hauptsächlich wegen dieser Überforderung.“ Das Bundeskleingartengesetz schreibt vor, dass mindestens ein Drittel der Fläche eines Kleingartens zum Anbau von Gartenerzeugnissen für den Eigenbedarf zu nutzen ist. Dazu zählen Obst und Gemüse wie beispielsweise Apfelbäume oder Tomaten. „Wir haben hier im Jahr eine Fluktuation von 20 bis 30 Prozent.“

Tomatenpflanzen in einem Kleingarten.
Hier wachsen jeden Sommer Tomaten und mehr.

Wie man sich um einen Platz bewirbt

Aktuell stehen laut Walkowiak ungefähr 30 Leute auf der Warteliste für einen eigenen Kleingarten und somit eine Mitgliedschaft bei „Grüne Aue e. V.“. „Der erste Schritt ist, die Bewerbung auf unserer Webseite auszufüllen und an uns zu schicken.“ Telefonisch wird geklärt, inwieweit die Person passt und ob sie auch weiß, welcher Aufwand mit einem Kleingarten einhergeht. Wird ein Garten frei, bekommt die erste Person aus der Warteliste den Zuschlag, sofern ihr der Garten zusagt. Malte Walkowiak motiviert zum Bewerben: „Wer einmal in den Genuss eines Kleingartens gekommen ist, möchte diesen nicht mehr missen.“

Autor: Jascha Kolberg