Digitale Formate: Theater auf Distanz

2. Juli 2020

Zu sehen ist der Speisebereich des Staatstheaters Hannover. Der Raum ist menschenleer.Der Raum wird von einer großen, spiralförmigen Lampe ausgeleuchtet.

Im Staatstheater Hannover ist es zu Zeiten der Corona-Pandemie menschenleer. Den Schauspielern begegnet man gerade digital. Copyright: Kerstin Schomburg

Staatstheater Hannover präsentiert in der Corona-Krise Angebote im Netz

Das Staatstheater Hannover hat sich Einiges überlegt, um in der Corona-Krise nicht in Vergessenheit zu geraten. Die Schauspieler sehen die aktuelle Lage nicht nur als Krisensituation mit vielen neuen Aufgaben an, sondern auch als Chance.

Von Franziska Hubl

„Wir sind schon seit Jahren in den sozialen Medien aktiv. Deren Bespielung ist kein Neuland für uns. Deswegen verstärken wir jetzt unser Onlineangebot massiv“, berichtet Nils Wendtland, Pressesprecher und Leiter des Bereiches Kommunikation und Marketing im Staatstheater Hannover. Unter dem Label „Schauspiel Hannover on Air“ produzierte das Staatstheater bereits zahlreiche Reihen verschiedener Audio- und Videoformate, darunter Podcasts, Interviews und Videoinszenierungen. Samstags zeigt ein Livestream aufgezeichnete Theateraufführungen aus Zeiten vor Corona. Das Theater veröffentlicht auf der Website, aber auch auf Facebook, Instagram, Twitter, Spotify und YouTube.

Finanzielle Einbußen und neue Ideen im Homeoffice

Die Corona-Krise ist für das Staatstheater nicht leicht zu bewältigen, schließlich fehlen die Einnahmen. „Das Staatstheater Hannover rechnet mit Einnahmeverlusten von etwa zwei Millionen Euro“, erklärt Wendtland. „Ein Großteil festangestellter Mitarbeiter, es sind circa 1.000, befinden sich seit Mitte März in Kurzarbeit“, berichtet Wendtland. Die Gehälter stocke man teilweise durch das Staatstheater auf, vor allem die niedrigen.

Das Theater arbeitet kontinuierlich an neuen Ideen, die über das Homeoffice realisiert werden. „Wir sind natürlich Zuhause nur begrenzt technisch ausgestattet“, erklärt Wendtland. „Teilweise müssen daher die Mikrofone und andere Ausrüstung per Post hin- und hergeschickt oder den anderen vorbeigebracht werden. Das ist alles nicht so einfach.“ Trotzdem ist er zuversichtlich, dass das Theater weiterhin für die Dauer der Schließung Angebote online präsentieren wird.

Chancen und Herausforderungen der Pandemie

Laut Wendtland sind die Online-Angebote bislang sehr erfolgreich genutzt Laut Wendtland sind die Onlineangebote bislang sehr erfolgreich genutzt worden. So beliefen sich die Klickzahlen vor allem für die Videostreams auf 2.000 bis 3.000 Klicks. Feedback in Form von Applaus gibt es momentan allerdings nicht. Den beiden Schauspielern Seyneb Saleh und Kaspar Locher fehlt das. „Feedback ist nur in Form von Klickzahlen, Likes und Kommentaren für uns spürbar. Das ist nicht mit dem direkten Feedback bei einer Theatervorstellung vergleichbar“, erklärt Saleh

Abgesehen von den erfreulichen Klickzahlen sei die Corona-Zeit besonders für die Schauspieler sehr kompliziert, meint Wendtland. „Das Theater ist ein analoges Medium, das vor allem auf sozialer Interaktion und Nähe, auf Unmittelbarkeit und auf einem Live-Erlebnisvorgang beruht. Es ist sehr schwierig, dass wir uns nur auf digitalem Weg begegnen können“, erklärt er.

Trotz aller Schwierigkeiten sieht Wendtland aber auch Vorteile, die sich aus der Situation ergeben. „Die aktuelle Situation hat viel kreative Energie hervorgebracht und auch die Lust, sich den neuen Herausforderungen zu stellen.“ In diesem Prozess entstünde sehr viel Neues und Ungewohntes, was aller Voraussicht nach auch nach Corona weiterhin bestehen würde.

Wie Schauspieler die Corona-Zeit erleben

Ähnlich sehen es auch Seyneb Saleh und Kaspar Locher. Sie haben zusammen Videos für die Reihe #wieesgewesenwäre gedreht. In diesem Online-Format stellen die Schauspieler künstlerisch dar, was die Zuschauer auf der Bühne erwartet hätte. „Das ist sehr spannend, denn man kann viel auf Eigeninitiative kreativ sein“, erklärt Seynab Saleh. „Man ist sonst als Schauspieler an Vorgaben des Regisseurs und der Autoren gebunden. Die Online-Formate geben uns die Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln und dann auch umzusetzen.“ Auch Wendtland betont die Vielfalt an Ideen, die die Schauspieler umgesetzt haben: „Manche Schauspieler haben einen fiktiven Liebesbrief an ihre Figur vorgelesen und andere haben ein kleines Brokkoli-Theater inszeniert“, erzählt er.

Die beiden sehen noch andere Vorteile in der aktuellen Situation: „Wir können im Moment die Gesellschaft intensiv beobachten. Das ist auch Teil der schauspielerischen Aufgabe“, erklärt Kaspar Locher. „Gerade in einer Krisensituation ist es spannend zu sehen, was für Verhaltensweisen sich herausbilden und was die Krise nachhaltig für das Zusammenleben bedeuten könnte“, berichtet er. Die Schauspieler würden außerdem viel über die Medien erfahren, die sie zum Dreh einsetzen. „Das Schneiden und Bearbeiten von Videos mit dem Smartphone ist wie ein kleiner Crashkurs, in dem man sich selbst alles aneignen muss“, sagt Locher. „Beim Dreh der Videos haben wir viel über Ton, Licht und Schnitt gelernt. Man wird mit jedem Video ein bisschen besser.“

Schauspielerin Seyneb Saleh zeigt in der Reihe #wieesgewesenwäre Iphigenie in Quarantäne.
Copyright: Schauspiel Hannover

Proben mit Sicherheitsabstand

Seit dem 11. Mai laufen die Proben unter Einhaltung der Hygienevorschriften wieder. Darüber freuen sich Saleh und Locher: „Ich habe mich nach Probenabbruch in einen Zustand zurückgeworfen gefühlt, in dem ich, abgesehen von den Online-Formaten, nur die nächste Probenzeit intensiver vorbereiten konnte“, erklärt Saleh. „Die Proben unter Corona-Bedingungen stellen uns vor neue Herausforderungen. Wir müssen herausfinden, wie wir damit umgehen können, dass wir uns nicht berühren dürfen, denn das ist eigentlich existenziell auf der Bühne“, ergänzt Kaspar Locher. Das sei bei manchen Stücken leichter umsetzbar, bei anderen könne man die Inszenierung nicht richtig umsetzen, wenn man die Nähe nicht zulassen dürfe.

Zudem sei es schwierig, mit der ungewissen Probensituation umzugehen. „Wir können unsere Proben nicht darauf ausrichten, wann wir Premiere haben, wie viele Zuschauer da sein werden und wo das Stück überhaupt aufgeführt wird“, meint Locher. Parallel zu den Proben, die wieder auf direktem Wege stattfinden können, werden weitere Onlineangebote aufbereitet. Die Schauspieler begegnen sich viel auf digitalem Wege. Das ist für sie aber nicht mit dem direkten Kontakt vergleichbar. „Die Tonqualität bei Videoanrufen ist katastrophal. Wir können zum Beispiel bei Leseproben gar nicht richtig auf unsere Schauspielkollegen reagieren, weil die Stimme verzögert eintrifft. Außerdem entgeht uns, wenn jemand zum Reden ansetzen will“, bemängelt Locher.

Wenn alles wieder normal wird …

Die Schauspieler vermissen das Spielen vor Publikum: „Wir sind der Meinung, dass unsere Hauptaufgabe der direkte Kontakt mit dem Zuschauer und das Livemoment ist. Das ist eigentlich nicht zu ersetzen“, erklärt Locher. Saleh sieht das ähnlich: „Es war schmerzhaft zu spüren, dass die Bühne als gemeinsamer ‚Denkraum‘ für Schauspieler und Zuschauer einfach weggebrochen ist.“ Umso mehr freuen sie sich, wenn es wieder losgeht. „Ich glaube, dass das ein sehr berührender und starker Moment für alle Beteiligten wird, wenn man wieder Veranstaltungen besuchen und gemeinsam etwas erleben kann“, meint Locher.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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