Corona-Krise: Gelegenheit macht Diebe

17. Juli 2020

Bild: fsHH

Corona sorgt für einen Rückgang an Straftaten. Doch Kriminelle finden immer neue Wege, um ihre Opfer hinter’s Licht zu führen.

Von Cäcilia Mehler

Den 9. April wird Egmar H. aus Hamm nicht so schnell vergessen. Als der 78-Jährige auf dem Heimweg von seinem Einkauf ist, ahnt er nichts Übles. Ein freundlicher Helfer bietet ihm an, seine Taschen heim zu tragen. „Ich sagte ihm: Brauchen Sie nicht. Ich bin schon fast zu Hause“, erinnert sich der Senior. Doch nach ein paar weiteren, scheinbar zufälligen Begegnungen mit dem Unbekannten macht dieser Egmar H.s Wohnung ausfindig.

Wenige Tage später steht der Fremde vor seiner Tür. Der scheinbare Grund für den unerwarteten Besuch: Besprechung einer zukünftigen Einkaufshilfe. In einem unbeobachteten Moment entwendet der Dieb Egmar H. 80 Euro aus dem Portemonnaie. Unter einem Vorwand verschwindet der Täter mit seiner Beute. „Ich war jahrelang Direktor im Versicherungswesen. Ich habe über 150 Mitarbeiter betreut. Ich habe die tollsten Geschichten in meinem Leben schon erlebt und erzählt bekommen. Und trotzdem fällt man noch rein! Ich hab’s ja erlebt!“, erzählt Egmar H.

Egmar H.s Geschichte ist längst kein Einzelfall. Betrüger lassen sich von dem Stillstand im Land nicht aufhalten. Zwar sinkt laut einer SPIEGEL-Umfrage von 16 Landeskriminalämtern die Zahl der Verbrechen. Doch schafft die Not auch neue Gelegenheiten für Straftaten: Die Art der Kriminalität bekommt ein neues Gesicht. Neben Enkeltrick, Vorschussbetrug und Phishingmails tauchen immer wieder neue Abzock-Maschen auf.

Falsche Covid-19-Tests an der Haustür

Betrüger nutzen die durch Corona hervorgerufene Unsicherheit der Bevölkerung aus. Nach Aussage des Bundeskriminalamtes führen Kriminelle jetzt sogar vermeintliche Covid-19-Tests an der Haustür durch. Dabei kommen sie als Amtspersonen verkleidet und wollen sich damit Zutritt zu den Wohnungen ahnungsloser Bewohner verschaffen. „Dies ist eine Variante des Handwerker-Tricks. Die Täter versuchen so, in die Wohnung zu gelangen. Eine Person versucht, das potenzielle Opfer abzulenken, während die andere Person nach Wertgegenständen sucht“, beschreibt Katrin Gladitz vom Landeskriminalamt Niedersachsen das Vorgehen. Ziel der Betrüger ist es, Bargeld, Schmuck oder andere Wertsachen zu entwenden. Was viele Bürger offenbar nicht wissen: Behörden dürfen niemals unangekündigte Tests durchführen.

Auf dem Bild ist ein Corona-Test zu sehen.
Miese Masche: Als Amtsperson verkleidet führen Betrüger Covid-19 Tests durch.
Credit: fernando zhiminaicela

Eine weitere Betrugsmasche tritt in leicht abgewandelter Form in Erscheinung. Katrin Gladitz vom Landeskriminalamt Niedersachsen erzählt: „Die Täter geben bei einem Anruf vor, Mitarbeiter des zuständigen Gesundheitsamtes zu sein. Die Betroffenen sollen für viel Geld – oft mehrere Hundert bis Tausende Euro – einen Corona-Test kaufen und durchführen lassen. Für die Bezahlung und Durchführung wird dann ein angeblicher Mitarbeiter in Kürze vorbeischauen.“ Auch hier muss man wissen: Flächendeckende Tests werden nicht durchgeführt. Corona-Tests müssen vom Erkrankten beantragt werden. Nur in diesem Falle kommen Mitarbeiter des Gesundheitsamtes an die eigene Haustür. Alle Tester können sich ausweisen. Ein ärztlich verordneter Test ist außerdem kostenfrei. „Solange die Echtheit nicht bestätigt ist, sollte man keine Person in die Wohnung lassen. Hier sollte man sich auch nicht unter Druck setzen lassen. Fordern Sie die Person auf, zu einem anderen Zeitpunkt, etwa, wenn eine Vertrauensperson da ist, wiederzukommen. Im Zweifel können Sie auch die örtliche Polizei informieren“, empfiehlt Katrin Gladitz.

Vorsicht vor gefälschten Medikamenten und medizinischen Produkten

Auch die Knappheit von Medizin-Artikeln spielt Betrügern in die Hände. Die Auch die Knappheit von Medizin-Artikeln spielt Betrügern in die Hände. Die Nachfrage nach medizinischem Mund-Nasen-Schutz ist hoch, das Angebot gering. Desinfektionsmittel oder Einweghandschuhe sind bereits in vielen Shops ausverkauft. „Viele Produkte werden nur in knappen Mengen, aber gerade noch verfügbar angeboten, sodass dem potenziellen Käufer wenig Zeit zum Überlegen bleibt. Bevor das Produkt ausverkauft ist, wird schnell eingekauft“, erklärt Katrin Gladitz, Pressesprecherin des Landeskriminalamtes Niedersachsen, die Situation.

Das Bild zeigt einen Onlineshop von Betrügern. Sie setzen medizinische Artikel als Lockmittel ein.
Solche oder ähnliche Fake-Shops nutzen Betrüger, um gefälschte medizinische Produkte zu vertreiben. Credit: LKA Niedersachsen

Kriminelle nutzen diese Notlage der Menschen, um daraus Profit zu schlagen. Online bieten sie gefälschte Medikamente und medizinische Produkte an, die gegen das Corona-Virus schützen sollen. Diese schmerzen nicht nur die eigene Brieftasche, sondern schaden im schlimmsten Fall auch der eigenen Gesundheit. „Falsche Medikamente können für die Person, die diese einnimmt, schwere gesundheitliche Folgen haben, da nicht sicher ist, was für ein Wirkstoff eingenommen wird“, betont Katrin Gladitz. Zudem bergen illegale Medikamente das Risiko von falsch dosierten Wirkstoffen. Aber auch nicht vorhandene oder nicht angegebene Inhaltsstoffe können eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten.

Schutzimpfungen und Arzneimittel sind für das neuartige Corona-Virus noch nicht erhältlich. Dennoch wollen sich die Menschen schützen. Viele kaufen Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention. Kriminelle nutzen selbst das für ihre Zwecke und betreiben eigene Portale im Netz, auf denen sie Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate verkaufen. Anders als seriöse Anbieter versprechen sie durch ihre Mittelchen sogar Heilung oder Schutz vor dieser Krankheit. Eine dreiste Lüge, die mit der Angst der Leute spielt.

Nicht weniger gefährlich sind gefälschte medizinische Artikel. Sie versichern ihren Kunden einen gewissen Schutzstatus. Dieser kann aber aufgrund von Mängeln an der Ware oder Fälschungen nicht gewährleistet werden. Die Käufer wiegen sich so in falscher Sicherheit. Auch Katrin Gladitz vom Landeskriminalamt Niedersachsen mahnt zur Vorsicht: „Geht die Person von einem entsprechenden Schutz aus, besteht die Gefahr der eigenen Ansteckung mit Covid-19 und weiteren Übertragung auf andere zu einem späteren Zeitpunkt.“

Ein Fake-Shop verwendet gestohlene Echtdaten.
Um seriöser zu wirken, stehlen Fake-Shops Echtdaten.
Credit: LKA Niedersachsen

Die gefälschte Ware vertreiben Kriminelle in Onlineshops oder als Spammail. Mit gestohlenen Firmennamen wirken sie auf den ersten Blick sogar glaubwürdig. „Auf den Webseiten, wo solche Produkte angeboten werden, wird viel behauptet und durch zusätzliche Grafiken, angebliche wissenschaftliche Tests oder Studien, Gütesiegel, zufriedene Kunden und vieles mehr untermauert“, beschreibt Gladitz die Tricks der Betrüger.

Betrug an Corona-Soforthilfe

Immer mehr Bürger geraten durch Corona in eine finanzielle Krise. Selbst Immer mehr Bürger geraten durch Corona in eine finanzielle Krise. Selbst daraus wissen Betrüger noch Kapital zu schlagen. So stellen die Landesregierungen Corona- Soforthilfen bereit. Diese können aber ausschließlich auf den jeweiligen Websites der Landesregierungen beantragt werden.

Doch auch Fake-Seiten werben mit Soforthilfe. „Täter verschicken im Namen offizieller Stellen Mails mit Anträgen, Dokumenten oder Ähnlichem und fälschen sogar offizielle Webseiten mittels einer nahezu identischen Kopie im Netz“, berichtet Katrin Gladitz weiter. Die dubiosen Seiten werden von Betrügern prominent über Werbeanzeigen in Suchmaschinen platziert. Es sollen hohe Summen ausgezahlt werden. Die Bezahlung geschehe schnell, Rückzahlungen seien nicht nötig. Was damit eigentlich bezweckt werden soll: das Abgreifen von personenbezogenen Daten.

Das Bild zeigt die offizielle Website des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen für Corona Soforthilfe Anträge.
Um sich vor Betrug zu schützen, empfehlt es sich die offiziellen Seiten der Landesregierungen zu nutzen.
Credit: Von Cäcilia Mehler aufgenommener Screenshot der Seite soforthilfe-corona.nrw.de

Das Landeskriminalamt Niedersachsen empfiehlt daher, nur die Internetseiten der offiziellen Landesstellen zu nutzen. „Ist man sich nicht sicher, ob diese Schreiben echt sind, kann bei den offiziellen Stellen nachgefragt werden. Solange sollte vermieden werden, auf diese Mails zu reagieren oder Links oder Dateien zu öffnen“, rät die LKA-Sprecherin. Des Weiteren sei ein Blick auf Datenschutzerklärung und Impressum hilfreich. Bei einer gefälschten Seite werden entweder ausländische Adressen verwendet oder ganz auf diese verzichtet.

Ende gut, alles gut

Doch nicht alles nimmt ein schlechtes Ende. Manchmal siegt die Solidarität. So nimmt auch die Geschichte des Rentners Egmar H. aus Hamm, der auf die vermeintliche Einkaufshilfe hereinfiel, noch eine positive Wendung. Eine Dame aus Bönen liest von seinem Schicksal in der Zeitung. Sie ist empört von der Hinterlist der Betrüger. Deshalb will sie ihm einen Einkauf spendieren und sogar vor die Tür bringen. Noch misstrauisch nach dem letzten Hilfsangebot lehnte der Geschädigte zunächst ab. „Das ist zwar lieb, aber sie kann mir nicht helfen. Sie müsste ja von Hamm wieder nach Hause kommen!“ Ein sehr herzliches Telefonat mit ihr bricht schließlich das Eis.

„Das war einer der überraschendsten und schönsten Gespräche, die ich je gehabt hab! Es ist unwahrscheinlich, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Mit 78 Jahren hat man schon die tollsten Sachen erlebt. Sowas Positives habe ich überhaupt noch nicht erlebt! Das ist für mich neu und erfrischend ohne Ende! Das war sehr, sehr schön!“ Der alleinstehende Rentner lud sie mit ihrem Mann zu sich zum Kaffeetrinken ein. Während er für Kaffee sorgte, brachte sie Kuchen und Zigarren mit. Sogar an Egmars Hund hatte die Bönenerin mit einem kleinen Geschenk gedacht: „Sie war unwahrscheinlich lieb!“

Auch ein zweites und drittes Treffen wurden schon vereinbart. Nach Ende der Pandemie möchte Egmar H. sogar einen Gegenbesuch wagen. „Und wir bleiben in Kontakt miteinander. Ich gehe mal davon aus, dass wir auf Dauer vielleicht sogar eine nette Freundschaft führen“, freut sich Egmar H. „Irgendwo kann man nichts ausschließen im Leben. Und deswegen ist das positive Erlebnis das schönste an der ganzen Geschichte!“.

Es ist eine Phishing-Checkliste der Polizeilichen Kriminalprävention zu sehen.
Die Phishing-Checkliste der Polizei hilft, sich auch in Zukunft vor Straftaten zu schützen.
Credit: Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Weiterführende Links:

https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Warnhinweise/200317_CoronaEnkeltrick.html

https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/betrug/scamming/

https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gefahren-im-internet/phishing/

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

Journalismus Hannover Hochschule Kooperation