No Open Door – zwischen Songwriting und Mental Health

10. Juli 2021

Ein Portraitfoto der Band „Margarita & The Boys“

Die hannoversche Rockband Margarita & The Boys gründete sich 2019

Psychische Probleme und Musik – passt das zusammen? Sehr gut sogar, zeigt die hannoversche Band „Margarita & The Boys“. Sängerin Margarita Luisa Maposse über Musik und mentale Gesundheit.

„Ich habe wahrscheinlich psychisch einen weg“, sagt die junge Musikerin lachend. Und genau aus diesem Umstand schöpft sie kreative Energie, die sie mit Hilfe von Musik kanalisiert: „Meine Gefühle sind immer sehr stark, ich fühle sie richtig im ganzen Körper und meine Songs sind der Ausdruck genau davon“, erzählt Margarita. „Das Ziel ist, dass die Emotion musikalisch sowie textlich so gut wie möglich ausgedrückt wird. Ich hoffe, das erreichen wir mit unserer Musik. Dass das Publikum auch was dabei fühlt.“

Eine Band in der Pandemie

Kennengelernt haben sich Margarita und „die Jungs“ durch ihr Popmusik-Studium in Hannover. Vor eineinhalb Jahren, im Wintersemester 2019, trafen die jungen Musiker:innen im Rahmen einer Kennenlernfahrt aufeinander und nennen sich seitdem eine Band. Ihre ersten Songs haben sie innerhalb weniger Wochen auf die Beine gestellt, sodass sie ihren ersten Auftritt (der gleichzeitig bislang auch ihr einziger war, wie Frontfrau Margarita bedauert) bereits im Dezember 2019 über die Bühne gebracht haben.

Margarita bei einem Auftritt im Kulturpalast im hannoverschen Linden

Aktuell probt und schreibt die Band hauptsächlich über die Videochatplattform Zoom. Dabei folgen die Musiker:innen ihrem altbewährten Konzept: Margarita schreibt das Grundgerüst, bestehend aus Text und Akkorden, und im Zusammenspiel mit der Band wird daraus ein fertiger Song, inklusive neuer Basslines, Riffs und Beats. Die Bandmitglieder schicken sich Sprachnachrichten hin und her, tauschen Ideen aus und am Ende werden aus dem scheinbaren Durcheinander aus Spuren und Demos Songs wie die kürzlich veröffentlichte Single „No Open Door“.

No Open Door – erste Single von Margarita & The Boys

Die gebürtige Chemnitzerin hat in ihrem Leben schon häufig erfahren, was es heißt, sich nirgendwo zu Hause zu fühlen. Schon seit sie zwölf Jahre alt ist, kämpft sie mit Depressionen und einem starkem Prämenstruellen Syndrom. „Mit 18 Jahren bin ich von zu Hause ausgezogen, ich habe viel mit meinen Eltern gestritten und mein Vater ist herzkrank, seit ich dreizehn bin. Er hat mir gesagt, dass er bald stirbt und ich die Familie nach seinem Tod finanziell versorgen muss. Das war einfach eine krass schwere Zeit für mich, da habe ich einfach den übelsten Druck verspürt“, berichtet Margarita. Parallel dazu erkrankte eine gute Freundin der Sängerin an Krebs und ein ungesundes Verhältnis mit einer alkoholkranken Person kam ebenfalls hinzu. Aus all diesen Gefühlen ist „No Open Door“ entstanden. Ein Song, den Margarita & The Boys inzwischen als Single veröffentlicht haben. „Den Song hat mein Teenie-Ich geschrieben, damals war ich noch viel wütender als ich es jetzt bin“, blickt die Sängerin zurück. 

Der Text entsprang einer Ohnmacht, Margaritas dauerhaft präsentem Gefühl, eben keine offene Tür, keinen Ausweg, kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. „In der Zeit habe ich viel geraucht und viel Alkohol getrunken. Ich habe zwar gearbeitet, war aber trotzdem fast jeden Abend in Bars“, berichtet sie. „Immer wenn ich nach Hause kam, fühlte sich alles so leer an. No Open Door hat da diese ganzen Situationen zusammengefasst, dieses Gefühl, da nicht herauszukommen. Es hat ganz lange gedauert, bis ich mich irgendwo zu Hause gefühlt habe.“ Doch erst die Zusammenarbeit mit der Band machte den Song wirklich vollständig: „Früher konnte ich den Text noch nicht richtig umsetzen, dann habe ich die Band gefunden“, erzählt Margarita. „Ich bin sehr happy, dass diese Gefühle jetzt endlich einen Platz haben und in Hannover fühle ich mich jetzt zum Glück zu Hause“, sagt sie und lächelt.

Margarita mit ihrem Kaninchen Yuki

Musik als Therapie

Für Margarita wirkt Songwriting therapeutisch: „Durch das Musik- und Texteschreiben kann ich meinen Gefühlen Raum geben, mit ihnen abschließen und sie wegpacken.“ Es sei bereits vorgekommen, dass sie bei Bandproben geweint habe oder dass das Gefühl, aus dem sie den betreffenden Song geschrieben habe, beim Performen wieder hochkomme. „Aber ich glaube, das ist wie bei traumatischen Erlebnissen: Je öfter man darüber spricht, desto einfacher wird es.“ Sie habe von klein auf einen Hang zur Emotionalität gehabt und sei generell nah am Wasser gebaut. „Früher hat mich das sehr gestört und ich habe auch lange nicht gewollt, dass das so rauskommt. Aber das ist einfach meine Art, Dinge zu verarbeiten, meine Art, auf eine schöne Weise zu weinen“, sagt sie und lächelt.

„Als sehr emotionale Person bekommt man oft gesagt, dass man nicht so emotional sein soll“, erzählt die Sängerin. Ihr suggeriert, dass Emotionalität eine Schwäche ist. Doch die Künstlerin hat gelernt, genau das zu ihrer Stärke zu machen: „Es ist eben auch das, woraus ich meine Kraft schöpfe.“ Eine Zeile, die diese Erkenntnis beschreibt, findet sich in „Walk On Glass“, einem ihrer noch unveröffentlichten Songs: „my biggest strength is my vulnerability“. Er erscheint am 23. Juli 2021.

Singles, EP, Album und mehr

Unveröffentlichte Songs habe „Margarita & The Boys“ zuhauf, so die Frontfrau. Sie schreibe jeden Monat mindestens einen Song und auch der Rest der Band sei mit viel Elan dabei. „Ich möchte auf jeden Fall so viele Songs wie möglich mit ihnen raushauen: Singles, EP, Album – das kommt alles und irgendwann wollen wir auf Festivals spielen und berühmt werden!“, blickt sie lachend in die Zukunft.

Autorin: Laureen Dreesch