In Peru bleiben während der Pandemie?

18. Juni 2020

Kakteen auf Perus Straßen?

Janna Kliesch wollte noch bis August ihren IJFD (Internationaler Jugendfreiwilligendienst) in Peru als Mitarbeiterin in Diospi Suyana absolvieren. Das Missionarskrankenhaus liegt in der Andenstadt Curahuasi auf fast 3.000 Metern Höhe. Doch seit dem 16. März und noch bis zum 30. Juni gilt in Peru der Ausnahmezustand. Im April ist Janna aus dem Ausland zurückgekehrt. Hier erzählt sie von ihrem Abenteuer in Peru während der Coronakrise.

Von Marilyn-Luise Utke

Nachbarschaftshilfen, Gelder vom Staat und Applaus für Ärzte und Pfleger – so hält Deutschland zusammen. Gibt es sowas auch in Peru? 

Teilweise, der Staat soll Hilfsgelder austeilen. Nachbarschaftshilfen sind hier nicht so populär, denn die Peruaner helfen sich eher innerhalb der Familie. Zudem können sie, wenn sie für ihre Verwandten einkaufen gehen müssen, eine Erlaubnis von der Polizei bekommen. Meine peruanischen Freunde und ich haben für die ärmeren Leute eingekauft und bekamen dafür von der Polizei eine Erlaubnis. 

Hast du Rassismus aufgrund des Virus erlebt?

Ich persönlich habe keinen Rassismus erlebt. Aber es kursieren Gerüchte, dass wir Gringos (Europäer) das Virus in den Genen hätten. Die Dorfältesten im pueblo de montana (span. für Bergdorf) Antilla haben schon im März alle Europäer aus ihrem Dorf verbannt – aus Angst vor dem Virus. 

Gab es lustige Momente in der Quarantäne in Peru? 

Ich musste am Montag vor der Abreise dringend einkaufen – am Tag der Männer. (Denn im April durften Frauen und Männer nur getrennt, an ihnen speziell zugewiesenen Tagen, einkaufen gehen.) Das erste Mal in meinem Leben durfte ich nicht einkaufen gehen, weil ich eine Frau bin. Kurz habe ich mir überlegt, mich einfach als Mann zu verkleiden … Außerdem munkelt man, dass die Regierung Kakteen auf den Straßen verteilt hat, damit die Leute nicht ausreisen können.

Am Anfang der Krise machten viele Deutsche Hamsterkäufe. Was wurde in Peru gehortet? 

Meist wurden Mehl, Zucker, Reis und Kartoffeln eingekauft. Jedoch gab es keine Hamsterkäufe und Lebensmittel wurden auch nicht knapp. Auf Perus riesigen Straßenmärkten konnte man viel Obst und Gemüse, aber auch Fleisch einkaufen, wie zum Beispiel Schweineköpfe. Im Gegensatz zu den Einkaufsläden wurde der Straßenmarkt bis zum 10. Mai verboten. Das war problematisch für die meisten Peruaner, weil sie bei diesem Markt Gemüse und Obst besonders günstig einkaufen können. Viele Menschen aus den Bergdörfern müssen sich an die Missionare wenden, da sie nichts mehr zum Essen haben.

Was ist in Peru anders als in Deutschland?

Ich habe gemerkt, dass man viel freier in Deutschland ist. Die Deutschen halten sich an die Vorschriften, weil sie Angst vor dem Virus haben. In Peru hingegen hältst du die Vorschriften ein, weil du Angst vor der Polizei hast. Außerdem haben die meisten Bauern kein internetfähiges Handy, wodurch sie die Informationen erhalten können. Die Regeln erfahren sie erst auf der Straße durch die Polizei.

Welche Probleme gab es bei der Ausreise?

Als wir von Curahuasi nach Cusco zum Flughafen fahren wollten, wurden wir mindestens sechs Mal vom Militär und von der Polizei kontrolliert. Die standen da mit ihren langen Gewehren! Sie wollten uns nicht durchlassen, obwohl wir von der deutschen Botschaft eine Permiso (span. für Erlaubnis) hatten. Wahrscheinlich wollten sie ihre Macht demonstrieren und vielleicht haben sie sogar auf ein Bestechungsgeld gehofft.

Nach langem Hin und Her haben wir Unterstützung von Polizisten bekommen. Die haben uns mit Blaulicht überholt und uns bis zum Flughafen in Cusco begleitet. Das war sehr lustig, weil die Polizei sich nicht an rote Ampeln oder die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten hat. Am Flughafen gab es keine Probleme. Da hat man gemerkt, dass die deutsche Botschaft alles gut organisiert hat. Wir mussten auf den Parkplätzen vor dem Flughafen unser ganzes Gepäck mit Abstand abstellen. Polizisten haben mit ihrem Hund die Taschen kontrolliert.

War es die richtige Entscheidung abzureisen?

Zuerst kam es mir sinnlos vor, weil es in Deutschland augenscheinlich viel mehr Corona-Infizierte gab. Im Nachhinein war es aber vernünftig abzureisen. Denn in Deutschland gibt es natürlich eine bessere gesundheitliche Versorgung als in Peru. 

In diesem Missionarskrankenhaus hat Janna in der Logistik gearbeitet.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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