U-Bahn-Stationen in Hannover: Begehbare Baukunst

17. August 2021

Kunstvoll, modern, klassisch-elegant oder bunt und wild: Jede einzelne der 19 U-Bahn-Stationen in Hannover ist – anders als in vielen anderen Großstädten – ein Unikat. Die Stationen sind Kunstwerke, die mit ihrer Gestaltung Bezüge aus dem darüberliegenden Straßenraum aufgreifen und so die Orientierung der Fahrgäste unterstützen. Auch die Anpassung an den jeweiligen Baustil der Entstehungsjahre lässt sich an den Stationen erkennen. Inzwischen sind einige U-Bahn-Stationen in Hannover wie Markthalle, Sedanstraße/Lister Meile und Kröpcke von bekannten Designern komplett neu gestaltet und entsprechen damit der zeitgenössischen Architektursprache.

Kunst im öffentlichen Raum hat in Hannover Tradition. Das Nahverkehrssystem in Hannover zählt zu den modernsten und schönsten der Welt. Nicht nur die U-Bahn-Stationen, sondern auch avantgardistische BUSSTOPS, modern gestaltete Bahnen und Busse gewannen zahlreiche Preise. Für den Architekturfotografen und Buchautor Hartmut Möller geht aufgrund des individuellen Designs von den U-Bahn-Stationen Hannovers eine ganz besondere Faszination aus. Die Corona-Epidemie im Frühjahr 2020 und die damit einhergehenden menschenleeren Bahnhöfe weckten in ihm den schon länger gehegten Wunsch, die Stationen zu fotografieren. Damit möchte er für diese Schmuckstücke sensibilisieren und den Blick der durcheilenden Passanten auf die Schönheit der Stationen lenken.

Im Gespräch mit Hartmut Möller

Haben Sie eine „Lieblingsstation“ und falls ja, was macht sie zu Ihrer Lieblingsstation?

Mir gefällt die U-Bahn-Station Hauptbahnhof besonders gut. Sie verfügt über zwei rund 10 Meter breite Mittelbahnsteige, weil sich hier die Linien A auf den innenliegenden Gleisen und B auf den außenliegenden Gleisen treffen. Somit ist ein barrierefreier Umstieg zwischen den Strecken in nördlicher beziehungsweise südlicher Richtung möglich. Außerdem zieren statt der üblichen Werbung zwei bahnsteiglange Friese ihre Außenwände. Deren Entwurf stammt vom französischen Künstler Jean Dewasne, der sich von Kathedralen und Fenstern seiner Heimat inspirieren ließ. Die konstruktivistisch wirkenden Wandbilder weisen Richtung Süden immer wärmer werdende Farben auf, um Tageslicht zu simulieren.

Ansonsten mag ich sämtliche Gestaltungen jeder einzelnen Station, die ja allesamt als Unikate mit dem darüberliegenden Stadtraum korrespondieren. Für mich hervorstechend sind dabei Braunschweiger Platz (Tierärztliche Hochschule), Altenbekener Damm (Gilde Brauerei), Königsworther Platz (Großer Garten) oder auch die neueren Stationen mit ganz offensichtlichem Bezug: Christuskirche und Kopernikusstraße. Werderstraße überzeugt neben den Applikationen der Conti durch ihr Pop-Art-Design. Die Station Markthalle/Landtag erzeugt durch ihre enorme Raumhöhe eine sakrale Atmosphäre, auch ihre Backsteinverkleidung ist eine Reminiszenz an die Marktkirche. Sie merken, es fällt mir gar nicht leicht, mich festzulegen.

Welche Station ist denn in Ihren Augen architektonisch herausragend?

Ingenieurtechnisch finde ich die Station Lister Platz äußerst interessant. Deren Besonderheit liegt in der übereinanderliegenden Anordnung der Bahnsteige aufgrund beengter Straßenverhältnisse und der Absicht, ausschließlich unter öffentlichem Straßenraum zu bauen. Zur Orientierung dominieren grüne Fliesen die obere stadtauswärts führende Ebene beziehungsweise blaue Fliesen die untere Ebene Richtung 
Innenstadt.

Haben Sie die Bilder tatsächlich alle zu Zeiten gemacht, in denen keine Passanten unterwegs waren?

Die Aufnahmen entstanden alle in der Zeit des ersten Lockdowns, das heißt, es gab insgesamt sehr wenig Publikum. Natürlich ist Geduld und Hartnäckigkeit gefragt, um einen völlig menschenleeren Raum zu erwischen wie beispielsweise unmittelbar nach der Zugabfahrt. Da die Aufnahmen ohne Blitzlicht gemacht wurden, betrug die Belichtungszeit rund 30 Sekunden, in dieser Zeit durfte also niemand ins Bild laufen. Zudem hatte ich von der ÜSTRA (die mir freundlicherweise die Fotogenehmigung einräumten) ein bestimmtes Zeitfenster pro Station vorgegeben, um den dennoch laufenden Verkehr nicht zu stören.

U-Bahn-Station Christuskirche

Christuskirche

Die U-Bahn-Station Christuskirche liegt direkt bei der evangelisch-lutherischen Christuskirche. Ihre Gestaltung erinnert daher an eine Kathedrale. Die Station kommt völlig ohne Stützen aus. Die Decke ist gewölbt und die Außenwände sind – wie neogotische Kirchen – mit schlichten roten Ziegeln verkleidet. Vertikal angeordnete Mauerwerksfelder und -linsen sind in der gesamten U-Bahn-Station angebracht. Spiegel in den Aussparungen lassen sie größer erscheinen. Besonders der Boden ähnelt einer Kirche: Er besteht aus einem sandsteinfarbenen Terrazzo-Plattenbelag.

Braunschweiger Platz

Der Bezug zur Oberfläche ist am Braunschweiger Platz ganz deutlich: die Tierärztliche Hochschule. Die Wände der Station sind wie große Teile der Hochschule auch mit roten Backsteinen verkleidet. Vier Sandsteinreliefs zieren die Treppen zur Bahnsteigebene: Darauf sind eine Geburtshilfeszene aus dem alten Ägypten, das Wappen der Tierärztlichen Hochschule, der Gründer der Tierärztlichen Hochschule, Johann Adam Kersting, sowie ein Pferd dargestellt, bei dem ein Aderlass durchgeführt wird. An den Eingängen sind über die ganze Station schmiedeeiserne Gitter aus dem 19. Jahrhundert verteilt. Diese stammen von einem ehemaligen Schlachthof, der sich in der Nähe der U-Bahn-Station befand.

Werderstraße

An der Vahrenwalder Straße entstand 1912 das Verwaltungsgebäude der Continental-Caoutchouc & Gutta-Percha-Compagnie. Daran erinnern die Gummiformen an den Wänden der U-Bahn-Station Werderstraße, die zur Herstellung von Autoreifen benötigt werden. Außerdem wird in der Station an die Rote-Punkt-Aktion erinnert: Im Juni 1969 demonstrierten Bürgerinnen und Bürger gegen die Fahrpreiserhöhung der ÜSTRA. Sie organisierten einen alternativen öffentlichen Verkehr, indem sie rote Punkte verteilten. Autofahrer mit diesem Aufkleber auf der Windschutzscheibe waren bereit, andere Personen mitzunehmen.

U-Bahn-Station Hauptbahnhof

Hauptbahnhof

Die U-Bahn-Station Hauptbahnhof ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte im U-Bahn-System Hannovers. Hier treffen sich die A- und B-Strecke. Die Außenwände wurden 1975 großflächig im Stil des abstrakten Konstruktivismus nach Entwürfen des französischen Künstlers Jean Dewasne gestaltet. Das Kunstwerk „Jet-Underground“ soll Bewegung, Geschwindigkeit und Technik ausdrücken und wurde mit Autolack auf Sperrholzplatten gesprüht. Es soll auch bei der geplanten Modernisierung der U-Bahn-Station Hannover-Hauptbahnhof 2022 erhalten bleiben.

Bildband über die U-Bahn-Stationen von Hannover

In dem Buch von Hartmut Möller sind alle 19 U-Bahn-Stationen in Hannover abgebildet. Die Aufnahmen rahmt ein geschichtlicher Abriss zur Entwicklung des schienengebundenen Nahverkehrs sowie ein Interview mit Prof. Klaus Scheelhaase, dem Leiter des 1967 eigens gegründeten U-Bahn-Bauamtes, ein. Kurze Texte erläutern die Namensgebung und Gestaltung jeder Station. ISBN: 978-3938769348

Text: Susanne Bührer
Bilder: Hartmut Möller