Von Syrien nach Hannover: Journalismus-Studentin Haifaa Alo

2. Juli 2021

Haifaa Alo vor dem neuen Rathaus in Hannover

Mein Name ist Haifaa, ich bin 26 Jahre alt, komme aus Hassake in Syrien, bin Anfang 2016 nach Deutschland gekommen und studiere Journalismus an der Hochschule Hannover. Es war für meine Familie und mich sehr schwierig, unsere Heimat zu verlassen, aber wir lebten im Krieg unter schwierigen Umständen.

Bevor meine Familie und ich von Syrien nach Hannover kamen, hatte ich mein Abitur gemacht, allerdings unter etwas anderen Bedingungen, als alle vielleicht kennen, denn während der Prüfung hörten wir Explosionsgeräusche. Die Prüfer versuchten, uns zu beruhigen, und sagten, dass die Stimmen und£ der Lärm, den wir hörten, weit weg seien und wir weiterschreiben sollen. Ich hatte große Angst und wollte weglaufen. In diesem Moment wusste ich, dass wir woanders nach Sicherheit suchen müssen. Dann entschieden wir uns dafür, nach Hannover zu gehen, weil es ein zu großes Risiko gewesen wäre in Syrien zu bleiben, und Deutschland ein sicheres Land ist, das Flüchtlinge aufnimmt.

Wir mussten aber die türkische Grenze überqueren. Diese Momente waren einige der schwierigsten Momente meines Lebens, denn die Angst, die wir hatten, als wir durch die Dunkelheit rannten, kann ich nicht beschreiben. Plötzlich befindet man sich in einem anderen Land. In der Türkei fühlte ich mich einsam und fremd und wir, meine jüngere Schwester und ich, wurden dort von unserer Familie getrennt und konnten nicht mit ihr nach Deutschland gehen, weil wir volljährig waren. Als wir uns von unserer Familie verabschiedeten, hatte ich das Gefühl, dass ich sie nie wiedersehen würde. Wir fühlten uns nicht sicher und trauten uns nicht, nach draußen zu gehen, weil die Lage der Flüchtlinge nicht gut war. Wir haben wechselseitig bei unserer Großmutter gewohnt und warteten und hofften, dass wir nach Deutschland gehen können. Nach einem Jahr hat meine Familie es geschafft, die nötigen Formalitäten erledigt und wir konnten Anfang 2016 ganz offiziell nach Deutschland kommen. Natürlich gab es Schwierigkeiten, vor allem am Anfang habe ich mich oft sehr einsam gefühlt. Ich wollte mir eine neue Zukunft aufbauen und neue Menschen kennenlernen. Hier begann ich, positiv zu denken, um einen Weg zu finden, mich in die Gesellschaft zu integrieren.

Erste Schritte in der neuen Heimat

Mein erster Schritt war die Sprache. Wir sollten die Fähigkeit haben, alles zu akzeptieren, andere zu respektieren und tiefer in diese Kultur einzutauchen, denn Integration bedeutet für mich einfach, dazu zu gehören. Man muss nur offen sein und andere Menschen akzeptieren, dann funktioniert das Zusammenleben viel einfacher. Während meines Asylverfahrens, das ein Jahr gedauert hat, durfte ich nicht an offiziellen Sprachkursen teilnehmen und auch nicht arbeiten. Während dieser Zeit versuchte ich, die Sprache selbst von zu Hause aus zu lernen, wofür ich mir viele Lehrvideos auf YouTube angeschaut habe. Außerdem konnte ich gut Englisch und das hat mir auch sehr geholfen. Nach einem Jahr konnte ich an verschiedenen Sprachkursen teilnehmen und bekam auch Unterstützung von der Stadt.

Ich beschloss zu arbeiten und habe als Kellnerin in einem Café gearbeitet. Das war damals eine Herausforderung für mich, weil ich neu war und anfing, die Sprache zu lernen. Ich konnte nicht gut Deutsch sprechen und hatte Angst, nicht alles zu verstehen. Dann wollte ich mich für ein Studium bewerben, aber um für das Studium angenommen zu werden, musste ich viele Anforderungen erfüllen. Natürlich gab es Momente, in denen ich mir wünschte, alles wäre einfacher und das Studium würde beginnen, aber trotz allem gab ich nie auf. Ich habe ein paar Sprachkurse besucht und nebenbei weiter als Kellnerin in mehreren Restaurants gearbeitet.

Dann habe ich bei der Redaktion Marktspiegel in Burgdorf gearbeitet. Diese Zeit war eine der schönsten und schwierigsten Zeiten meines Lebens. Es war schwierig, weil alles in einer anderen Sprache als meiner Muttersprache war und ich noch Probleme mit der Sprache hatte. Und schön, weil ich in einem Bereich gearbeitet habe, den ich liebe und den ich studieren werde und womit ich endlich etwas anfangen konnte.

Von Syrien nach Hannover
Hannover ist mein neues Zuhause

Als junge Frau aus Syrien in Hannover: die kulturellen Unterschiede

Die Kulturen unterscheiden sich von Land zu Land und jedes Land hat seine eigene Kultur. Hier bemerkte ich viele Unterschiede in verschiedensten Bereichen, zum Beispiel im Privatleben, bei der Arbeit, in der Ehe und in der Familie. Es gibt viele Dinge, von denen ich mir wünschte, dass sie in meinem Land genauso laufen würden wie hier in Hannover, besonders, wenn es um Frauen geht, denn Frauen haben hier mehr Freiheiten und Rechte als in Syrien. Dort sind die Frauen in ihrer Freiheit eingeschränkt. Ich bin dankbar, dass ich in einer offenen Familie aufgewachsen bin. In meiner Familie kann ich jede Entscheidung selbst und frei treffen, sie werden respektiert und unterstützt. Leider gilt das nicht für alle Frauen in Syrien, denn Frauen wachsen in meinem Heimatland unter verschiedenen Lebensbedingungen auf.

Manche wachsen in sehr offenen Familien auf, andere stammen aus einem religiös-fanatischen Umfeld. Es gibt Frauen, die gut ausgebildet sind und die arbeiten gehen, andere bleiben zu Hause. Es gibt auch Unterschiede zwischen Städten und Dörfern. Das Leben im Dorf ist für die Frauen meistens schwerer, weil Frauen hier besonders stark von Männern unterdrückt werden. Ich habe gesehen, welche Chancen und Möglichkeiten und Freiheiten wir Frauen in Deutschland haben. In Syrien kümmern sich Frauen um Hausarbeit und Kinder, auch wenn sie arbeiten oder studieren. Natürlich gibt es Männer, die auch helfen und die Hausarbeit erledigen, aber das ist in den arabischen Ländern sehr selten. Hier in Deutschland ist das ganz anders, die Männer haben mehr Verständnis und helfen ihren Frauen bei der Kindererziehung und Hausarbeit.

„Viele Deutsche glauben, dass wir in Syrien in Zelten leben und Kamele züchten.“

In Syrien herrschen außerdem strenge Moralvorstellungen. Sex vor der Ehe gilt öffentlich als Schande, vor allem für Frauen. Alle Frauen haben Angst, zum Beispiel die Angst vor den Eltern oder die Angst vor der Gesellschaft, denn sie werden wegen ihrer Entscheidungen beurteilt. Wenn es um die Ehe geht, kann eine große Anzahl von Frauen ihren Ehemann nicht frei wählen, da dies in den meisten arabischen Ländern leider immer noch mit der Religion zusammenhängt. Sie dürfen nur innerhalb ihrer Religion heiraten. Ich habe erlebt, dass es Missverständnisse in Bezug auf das Leben von Frauen in meinem Land gibt. Mir wurde erzählt, dass in Syrien Frauen kein Auto fahren dürften. Dies betrifft nur Frauen in Saudi-Arabien, in Syrien ist das normal und es gibt sowohl Männer als auch Frauen, die Auto fahren.

Als ich anfing, Menschen in Hannover kennenzulernen, ist mir aufgefallen, dass viele Deutsche glauben, dass wir in Syrien in Zelten leben und Kamele züchten. Ich bin in Syrien aufgewachsen, habe zwanzig Jahre dort gelebt und noch nie in meinem Leben ein Kamel gesehen. So wie ich neu hier war und nichts über das Leben hier wusste, wusste niemand etwas über unser Leben. Manchmal stellten mir einige Freunde Fragen, die ich seltsam fand. Ich hatte eine Freundin, und als wir uns unterhielten, gab ich ihr ein Stück Schokolade. Sie fragte mich, ob es in Syrien Schokolade oder Nutella gebe oder ob ich sie hier kennengelernt habe. Ich muss immer lachen, wenn ich mich daran erinnere. Natürlich gibt es in Syrien auch Nutella und Schokolade. Ich habe mich an das Leben hier gewöhnt, aber manchmal vermisse ich diese Atmosphäre, das Zusammensein und mehr Zeit füreinander zu haben. In Syrien hatten wir mehr Zeit füreinander und verbrachten mehr Zeit miteinander. Es ist sehr kompliziert und schwierig, hier ein Treffen zu planen.

Das Leben schenkt uns immer eine zweite Chance  

Aus meiner Erfahrung habe ich gelernt, dass jede Kultur ihre schlechten und guten Seiten hat und wir niemanden nur nach seinem Aussehen oder seiner Herkunft beurteilen sollten, denn wir sind alle sehr unterschiedlich und für mich ist diese Mischung aus beiden Kulturen einfach das Beste. Man kann von jeder Kultur etwas lernen und aus jeder Kultur das Beste herausnehmen.

Ich wohne jetzt mit meiner Familie in Hannover zusammen und versuche, immer einen Schritt weiterzugehen und glücklich zu sein. Wir müssen positiv denken und dankbar sein für das, was wir haben und jede Gelegenheit nutzen, um unser Leben zu verbessern. Das Leben schenkt uns immer eine zweite Chance. Nach Deutschland zu kommen, war meine zweite Chance, nachdem ich im Krieg die Hoffnung verloren hatte. Hier fühle ich mich sicher, geschützt und frei, das zu tun, was ich will. Vielleicht beginnt unser Leben erst dann wirklich, wenn wir den Mut finden, einem Traum zu folgen. Wenn wir etwas tun, obwohl anscheinend alles dagegenspricht.

Autorin: Haifaa Alo