Wenn Nachbarschaftshilfe Grenzen hat

23. Juni 2020

Johanna, Aktivistin bei Solidarität statt Hamsterkäufe

Johanna ist in einer Nachbarschaftshilfe aktiv. Doch für sie muss sich mehr verändern. Credit: Leon Grüninger

Zum Ende der ersten Corona-Welle ziehen Nachbarschaftshilfen in Hannover Bilanz. Trotz der hohen Hilfsbereitschaft vieler Menschen ist diese teilweise ernüchternd.

Von Leon Grüninger

In der Corona-Krise die eigenen Großeltern unterstützen? Für Jonas Horn nicht möglich, sie wohnen zu weit entfernt. Trotzdem radelt der Fünfzehnjährige einmal die Woche los zum Einkaufen. „Wenn ich schon nicht meinen Großeltern helfen kann, dann dafür anderen Menschen aus der Risikogruppe.“ Seit drei Wochen kauft er nun schon für eine ältere Frau ein, nicht nur für ihn eine Umgewöhnung: „Für die Betroffene ist die Situation ziemlich schwer, einen Teil des Lebens, die eigene Selbstständigkeit abzugeben“, sagt Jonas. Doch für ihn sind die zwei Stunden zusätzliche Arbeit selbstverständlich. „Ich habe das Gefühl, ich muss das wirklich machen. Ich könnte nicht einfach zu Hause sitzen bleiben und nichts tun.“ Die Betroffene hat keine Bekannten in der Nähe und Angst vor Corona. „Deshalb“, sagt Jonas, „ist das Angebot der Einkaufshilfe so wichtig, denn sie kann einfach niemand anderen fragen.“

Jonas kauft einmal wöchentlich für eine ältere Frau ein. Credit: Leon Grüninger
Jonas kauft einmal wöchentlich für eine Seniorin ein. Credit: Leon Grüninger

Wollen wir es nicht einfach mal machen?“

Die Organisation, die Jonas vermittelt hat, ist die Einkaufshilfe Hannover, ein sechsköpfiges Team. Initiiert hat dieses Maria Ravvina: „Wir möchten das Ganze als Hilfsangebot anbieten, ohne politische Botschaft. Wir bieten einfach nur die Idee einer Gesellschaft an, die sich selbst hilft.“ Und das mit großer Resonanz. Nach drei Tagen hatten sie schon über tausend Registrierungen von Helfenden. Die Anfragen der Hilfesuchenden ließen jedoch auf sich warten. Neben Menschen mit Vorerkrankungen sind vor allem Senioren auf Hilfe angewiesen, die erst über Flyer und Medienberichterstattung erreicht werden konnten. „Am Tag, an dem wir das Telefon zum ersten Mal freischalteten, hat eine Person angerufen. Am Tag danach drei Personen, am Tag danach zehn. Dann klingelte das Telefon erst einmal Sturm.“ Insgesamt konnte die Einkaufshilfe Hannover so über 200 Patenschaften vermitteln, ein Fulltime-Job für die Organisierenden.

Wenn es eine zweite Welle gibt, können wir unser Projekt problemlos wieder hochfahren.

Maria – Einkaufshilfe Hannover
Maria, von der Einkaufshilfe Hannover, bei der Arbeit
Maria koordiniert in ihrer Freizeit die Einkaufshilfe. Credit: Maria Ravvina

Vorbereitet auf eine zweite Corona-Welle

Während immer weitere gesellschaftliche Lockerungsmaßnahmen beschlossen werden, zieht Maria ein Fazit: „Wenn man mit einer Person telefoniert, die unfassbar dankbar ist, dass sie nicht in den Supermarkt gehen muss, dann ist es ja schon bei einer Person sehr viel wert. Sie hat eine Sorge weniger, und das ist für uns ein Erfolg.“ Die Hilfe-Gesuche gehen indes immer weiter zurück. Zwar werden immer noch alle neuen Anfragen vermittelt, das Projekt hat Maria und ihr Team aber erst einmal heruntergefahren. Ihre Helfer_innen-Datenbank bleibt aber bestehen: „Wenn es eine zweite Welle gibt, können wir unser Projekt problemlos wieder hochfahren.“

Frauen auf dem Opernplatz in Hannover. Auf ihren Schildern steht: "Omas gegen Rechts"
„Omas gegen Rechts“: nicht nur am Telefon aktiv, wie hier am 8. Mai. Credit: Leon Grüninger

Ein Plaudertelefon für Einsame

Doch nicht nur materielle Hilfe ist wichtig. Die Sorge, dass aufgrund der Ausgangsbeschränkungen mehr Menschen einsam würden, veranlasste Uta Saenger, ein „Plaudertelefon“ zu gründen. Sie ist Aktivistin bei den „Omas gegen Rechts“, die normalerweise gegen die AfD auf die Straße gehen. Jetzt bieten sie Telefonate für Menschen an, die sonst niemanden haben. „Wir sind eigentlich Menschenrechtsaktivist_innen“, sagt Uta, „und das bedeutet, dass wir in Krisenzeiten Werte wie Solidarität und Würde hochhalten und denen helfen, die momentan auf psychische Weise unter der Corona-Krise leiden.“ Was sie tun können, ist „denen, die sich einsam fühlen, die Decke auf den Kopf fällt oder die neu nach Hannover gezogen sind und noch keinen sozialen Kontext haben, jemanden zum Unterhalten zur Seite zu stellen.“

Unsere Situation als Omas ist im Moment wenig hilfreich“

Die Möglichkeiten der „Omas gegen Rechts“, momentan aktiv zu werden, sind aufgrund von social distancing beschränkt. Auch ihre Enkel können sie momentan nicht hüten. „Unsere Situation als Omas ist im Moment wenig hilfreich. Da, wo wir gebraucht werden, können wir gar nichts machen“, sagt Uta. Dementsprechend viele Frauen meldeten sich auf ihre Idee hin zum Telefonieren. Einsame Menschen jedoch haben sich nur wenige gemeldet, oft aus Altenheimen. Für die, die anrufen, geht es darum, mal eine andere Stimme zu hören oder, so sagt Uta, auch um ganz praktische Probleme, wie um Rat bei einer defekten Nähmaschine: „So wie man es eben machen würde in einer Nachbarschaftshilfe.“

Johanna erklärt in 5 Minuten die Ziele von „SolistattHamster“. Credit: Leon Grüninger

Solidarität statt Hamsterkäufe

Nur praktisch zu helfen, reicht Johanna Thiemecke und ihrem Team nicht. Sie haben zeitgleich zur Einkaufshilfe ein weiteres Netzwerk in Hannover gegründet: „Solidarität statt Hamsterkäufe“. Auch sie vermitteln Helfende, die für Risikopatient_innen einkaufen, Botengänge erledigen oder mit dem Hund spazieren gehen. Auch sie waren von der Anzahl der Helfenden überrascht. Über 2.000 Menschen boten ihnen in den letzten zwei Monaten ihre Hilfe an. Doch auch Johanna musste feststellen, dass sich viele Senioren lieber auf sich selbst verlassen und weiterhin selbst einkaufen gehen, auch wenn sie sich damit einem erhöhten Risiko aussetzen.

Zusammenhalt gegen „neoliberalen Egoismus“

Besonders kritisiert Johanna die Hamsterkäufe, die zu Beginn der Pandemie für oftmals leere Regale in den Supermärkten sorgten. „Die Menschen haben leider den Blick füreinander verloren. Sie verhalten sich egoistisch und häufen Sachen an, die sie nicht brauchen.“ Dies sei sinnbildlich für einen gewissen neoliberalen Egoismus. Menschen würden dazu erzogen, sich selbst zu optimieren, das Aufeinander-Achten falle da leider eher weg.

Die Menschen haben leider den Blick füreinander verloren. Sie verhalten sich egoistisch und häufen Sachen an, die sie nicht brauchen.

Johanna – Solidarität statt Hamsterkäufe Hannover

In ihrem Engagement stoßen die Helfenden auch an eigene Grenzen: „Es melden sich sehr viele Personen bei uns, die sich natürlich staatliche Unterstützung gewünscht hätten und sich im Stich gelassen fühlen. Sie rufen bei uns an und leiden emotional sehr darunter“, sagt Johanna. Auch für sie ist es nicht leicht, täglich mit solchen Schicksalen konfrontiert zu werden. Entmutigen lasse sie sich davon aber nicht.

Es werden Menschen vergessen

Nachbarschaftshilfe bedeutet für Johanna und ihrer Mitstreiter_innen, auch über den eigenen Tellerrand zu schauen. Sie ist der Meinung, dass im öffentlichen Diskurs viel über die Interessen der Wirtschaft und wenig über Marginalisierte, wie Obdachlose oder Geflüchtete, gesprochen werde: „Ich empfinde das als sehr zynisch, dass hier in Deutschland hohe Bußgelder bei Missachtung der Abstandsregeln verteilt werden, während es gleichzeitig allen egal ist, wie die Situation in Geflüchtetenlagern in Deutschland, aber auch auf Lesbos aussieht.“ Eine Position, die Sigmar Walbrecht vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat teilt. Er beobachtet, dass in niedersächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen immer noch mehrere Menschen, die nicht einen Haushalt bilden, auf einem Zimmer wohnen oder sich Küche und Sanitäreinrichtungen teilen müssen. Er fordert die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten in den Kommunen, „sodass sie nicht gefährdet sind, angesteckt zu werden und auch nicht andere anstecken können.“ Für Johanna ist klar: Nachbarschaftshilfe kann nur funktionieren, wenn die Bedürfnisse aller Menschen in den Fokus gerückt werden.

Auch Jonas ist mit der aktuellen Situation unzufrieden. Ihn stört, dass viele Menschen im Supermarkt den vorgeschriebenen Abstand nicht einhalten. Er findet, man sollte mehr Respekt zeigen, denn es gibt auch Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören und trotzdem einkaufen gehen müssen. „Jeder denkt nur an sich selbst und nicht an andere, und das finde ich schade“, sagt er. Ein Grund mehr für ihn, weiter für andere einkaufen zu gehen, auch über Corona hinaus.

Weiterführende Links:

Omas gegen Rechts Hannover
Solidarität statt Hamsterkäufe
Freiwilligenzentrum Hannover
Flüchtlingsrat Niedersachsen

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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