Bergen-Belsen: Eine Spurensuche

24. Februar 2022 / Gesellschaft

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Der Weg über das Gelände mit dem Mahnmal und der Gedenkmauer im Hintergrund. | Foto: Klemens Ortmeyer

Der Ort Bergen-Belsen ist ein Symbol für die Gräueltaten der Nationalsozialisten: Über 70.000 Menschen kamen hier in den verschiedenen Lagern um. Bereits seit 1945 wird an das Leid der Inhaftierten und Gestorbenen aus ganz Europa gedacht. Ein Rundgang über einen ganz besonderen Friedhof.

Ein Waschbecken markiert auf der linken Seite den Eingang zu dem Gelände des Konzentrationslagers. „Hier können sich die Besucher*innen die Hände waschen, nein, sollen sie, denn so will es der jüdische Brauch, wenn ein Friedhof wieder verlassen wird“, erklärt Stephanie Billib, verantwortlich für Veranstaltungen und Kommunikation in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Dieser Friedhof ist ein besonderer. 30.000 Tote sind hier begraben. Markiert durch rechteckige Erhebungen, die mit hohem Gras bewachsen sind. Steintafeln geben Auskunft: Hier liegen 5.000 Tote, hier liegen 10.000 Tote. Zahlen, die in ihrer Dimension nicht vorstellbar sind. Der Blick schweift über das Gelände, Gräser wehen im Wind, die Sonne versteckt sich hinter einer grauen Wolkendecke, Birken stehen vereinzelt auf den Wiesen, ringsumher Wald, in dem Schneisen eingeschlagen sind. Bergen-Belsen. Alles scheint so friedlich zu sein, die Natur ist gleichgültig gegen das Grauen, das sich hier zwischen 1941 und 1945 abspielte. Wildschweine zerwühlen den Untergrund, ihre Fußabdrücke sind deutlich auf den Wegen erkennbar. Auf einmal wird die Stille von Detonationen erschüttert, das Ohr sagt: Schüsse. „Nebenan ist die Nato-Kaserne“, erklärt Stephanie Billib. Eine akustische Untermalung wie von einem Regisseur konstruiert – auf einmal bekommt die Stille zwischen den dumpfen Detonationen etwas Bedrohliches.

Beim Weitergehen tauchen Grabsteine auf, der berühmte von Anne Frank und ihrer Schwester Margot, im Hintergrund ragt im trüben Oktoberlicht ein hoher Obelisk auf. Das Mahnmal wurde anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte 1952 errichtet. Zwischen Anne Franks Grab und dem Obelisken fällt der Blick auf ein modernes Gebäude auf der linken Seite, da, wo der Wald das Gebiet begrenzt. Der Raum der Stille, entworfen von Ingema Reuter und Gerd Winner. Das silbrig schimmernde Gebäude wirkt fremd in der Natur. Beim Hineingehen durch den offenen Eingang ohne Tür kommt als erste Assoziation: ein Schiff – das Gebäude läuft spitz zu wie ein Bug. Und dann ergreift die Besucherin Schwindel. „Es ist so konzipiert, dass das Auge keinen Fluchtpunkt hat, an dem es sich orientieren kann“, bestätigt Stephanie Billib. In dem Raum, der wie ein Kirchenraum wirkt, stehen einfache viereckige Holzklötze als Sitzgelegenheiten. Von oben scheint in Streifen ein fahles Licht, das sich mit Abgrenzungen der aus Blöcken zusammengefügten Mauern kreuzt. Der Schwindel verstärkt sich, der Boden scheint zu schwanken. Luft holen und die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Ein Raum der Stille? Er ruft den Wunsch nach Flucht hervor, macht die Fragilität des Lebens erlebbar. Sich Hinsetzen und es Aushalten, nur für einen Moment.

Wieder draußen geht es weiter in Richtung Obelisk. Dahinter eine lange Mauer. „Den Opfern der Nationalsozialisten“ ist darauf zu lesen, in Hebräisch, Deutsch, Niederländisch, Jiddisch stehen dort Sätze, die daran erinnern, dass diese Verbrechen niemals vergessen werden dürfen. Kränze am Mahnmal, es kommen auch heute noch Verwandte der Opfer an diesen Ort. Davor liegen große Platten mit Inschriften verschiedener Nationalitäten.

Steine auf den Buchstaben der Inschrift an der Gedenkmauer zeugen von dem jüdischen Brauch des Totengedenkens. | Foto: Nora Steiner

Zurück geht es zum Hauptweg, der zwei der Lager voneinander trennt. „Wir haben eine virtuelle Darstellung per App eingerichtet, die zeigt, was damals hier existierte“, erklärt Stephanie Billib und hält ihr Tablet hoch. Zu erkennen ist die Küche, die für beide Lager – die der Austauschgefangenen und der aus anderen Konzentrationslagern hierher deportierten Menschen, hauptsächlich Juden und Jüdinnen – zuständig war. Auf dem Tablet erscheinen weitere Gebäude und Zäune, die sich gespenstig über die reale Umgebung legen. Vier Hektar sind es insgesamt, rechts vom Hauptweg waren die Austausch-Häftlinge untergebracht, links davon alle anderen. Der breite Hauptweg wurde hauptsächlich von Wachleuten betreten. „Zudem waren die einzelnen Lager strikt getrennt nach West und Ost-Insass*innen, damit keine Informationen über die Gräueltaten aus dem Osten in Bergen-Belsen verbreitet werden konnten“, erklärt Stephanie Billib. „Das Areal war prinzipiell groß genug, um alle Menschen ausreichend unterzubringen und zu versorgen, wurde aber dafür nicht genutzt.“ Es war eine andere Facette der breit angelegten Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten, durch mangelnde Hygiene, unzureichende Ernährung, kaum medizinische Versorgung. In dem Konzentrationslager wurden anfangs jüdische Geiseln untergebracht, die gegen im Ausland inhaftierte Deutsche ausgetauscht werden sollten, später kamen die anderen Lager hinzu, erst eines für kranke Häftlinge aus anderen Lagern, dann ein weiteres für Frauen, die ebenfalls aus anderen Lager nach Bergen-Belsen transportiert wurden. „Nur die Austauschhäftlinge hatten bessere Bedingungen“, erzählt Stephanie Billib. Aber auch sie hatten keine Beschäftigung, waren eng eingepfercht mit zu vielen Menschen auf zu kleinem Raum. „Gab es anfangs noch kulturelle Veranstaltungen, nahm die Verzweiflung und der Kampf um das eigene Leben zunehmend überhand, Auseinandersetzungen untereinander waren an der Tagesordnung“, berichtet Stephanie Billib. Nachdem ab 1944 zahlreiche weitere Gefangene aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen gebracht wurden, kam es in den ohnehin schon überbelegten Baracken zu katastrophalen Zuständen. „Als die Briten 1945 das Lager befreiten, lagen überall Leichen auf dem Gelände, die nicht mehr verbrannt worden waren, da das Krematorium nicht mehr funktionierte“, berichtet Stephanie Billib.

Die angrenzende Bundeswehrkaserne, die seit dem Abzug der Briten 2017 den Namen „Niedersachsen-Kaserne trägt“, ist Teil der Geschichte dieses Ortes. 1935 bis 1937 errichtete die Wehrmacht dort in Vorbereitung auf den geplanten Krieg den größten Truppenübungsplatz mit einer Größe von 280 Quadratkilometern, nach dem Überfall auf Polen wurden in den Baracken für die Arbeiter Kriegsgefangene untergebracht. Nach dem Krieg lebten hier 29.000 Menschen aus dem KZ Bergen-Belsen, die vorerst nicht nach Palästina oder in ein anderes Land reisen konnten. Erst 1952 wurde das „Displaced-Person-Camp“ endgültig aufgelöst. Einige Räumlichkeiten auf dem Bundeswehr-Gelände, die in Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen stehen, sind heute bereits zu besichtigen, es werden noch weitere hinzukommen. „Wir haben einen guten Austausch mit der Kaserne. Und veranstalten regelmäßig Workshops mit Bundeswehr-Auszubildenden in der Gedenkstätte“, berichtet Stephanie Billib. In der Ferne verhallen letzte Schüsse, das Gelände liegt wieder ruhig unter einem verhangenen Himmel. 

TIPP: Sonderausstellung

In dem 2007 errichteten Dokumentationszentrum, das auf anschauliche Weise die wechselvolle Geschichte Bergen-Belsens zeigt, ist noch bis Ende März 2022 die Sonderausstellung „Dimension eines Verbrechens: Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ zu besichtigen.

www.bergen-belsen.stiftung-ng.de

Links: Der Grabstein von Anne und ihrer Schwester Margot Frank wird von Besucher*innen regelmäßig mit Andenken und Blumen geschmückt.
Rechts: Im Raum der Stille sucht das Auge vergebens nach einem Fluchtpunkt, die Folge ist ein Gefühl der Verunsicherung. | Fotos: Nora Steiner

im gespräch mit dr. elke gryglewski

radius/30: Was reizt Sie besonders an Ihrer neuen Aufgabe, die Gedenkstätte Bergen-Belsen zu leiten?

Dr. Elke Gryglewski: Ich habe bis Ende 2020 in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz gearbeitet – ein Ort, der historisch von der Perspektive der Täter geprägt ist, als sogenannter Täterort bezeichnet wird. Ich betrachte es als große Chance, an einem Ort arbeiten zu dürfen, der die Perspektive der Verfolgten, der Opfer ins Zentrum stellt. Und es ist ein großer Unterschied, an einem Ort zu arbeiten, der gleichzeitig Tatort ist – und deshalb auch Friedhof. Zu lernen und erfahren zu dürfen, wie die jeweiligen Perspektiven die Arbeit prägen, sehe ich als Bereicherung meines beruflichen Werdegangs. Vor allem aber ist es ein großes Privileg, an einem Ort arbeiten zu dürfen, der noch in Verbindung zu vielen Überlebenden und Kindern des Displaced-Person-Camps steht.

Was übernehmen Sie von Ihrem Vorgänger Jens-Christian Wagner?

Mein Vorgänger und ich teilen viele Überzeugungen zum Umgang mit dem Nationalsozialismus, seinen Folgeerscheinungen und dem Umgang damit. Konkret kann ich ein Beispiel benennen: Er hat einen Antrag zu einer Sonderausstellung zu Täterschaft und Täterinnen im Kontext des Lagers Bergen-Belsen gestellt und bewilligt bekommen. Damit habe ich ein Projekt von ihm geerbt, das für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung ist. Die von Besucherinnen am meisten gestellte Frage lautet „Wie konnte das geschehen?“. Diese Frage lässt sich nicht aus der Perspektive der Verfolgten beantworten. Um sie zu beantworten, müssen wir uns mit den Täter*innen, ihren Motiven, ihren Überzeugungen und den Strukturen, in denen sie handelten, auseinandersetzen. Gleichzeitig kann die Geschichte von Täterschaft nicht ohne die Perspektive der Verfolgten vorgestellt werden. Dass die Dimension der Verbrechen nur über eine multiperspektivische Annäherung erfolgen und verstanden werden kann, teilen wir als Überzeugung.

Dr. Elke Gryglewski, Geschäftsführerin, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

Was machen Sie in Ihrer Arbeit anders?

Inhaltlich gibt es keinen Dissens. Ich komme aus der Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen und habe deswegen in der Regel bei jedem Text, Foto oder jedem Dokument sofort unser Publikum mit den dazugehörigen eigenen Erfahrungen oder Studien zu Rezeptionsverhalten im Blick. Vielleicht ist das ein Unterschied.

In welchem Kontext sehen Sie Ihre Arbeit für die Gedenkstätte Bergen-Belsen in Bezug auf den erstarkenden Antisemitismus in Deutschland?

Aktuelle antisemitische Erscheinungsformen knüpfen auf die eine oder andere Weise an tradierten antisemitischen Bildern an. Um dies zu verstehen, ist eine Beschäftigung mit historischem Antisemitismus wichtig. In den Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen steht der rassistische Antisemitismus im Zentrum, sollte aber in die Kontinuitätslinien eingeordnet werden. Wichtig sind dabei regelmäßige Fortbildungen und Reflexionsmöglichkeiten im Team, damit Prävention und Intervention wirklich tragen.

Erleben Sie ihn konkret in Ihrer Arbeit?

Da ich hier noch nicht mit Gruppen gearbeitet habe, fehlen mir die Erfahrungen in diesem Bereich. Aber ich habe anonyme Schreiben mitbekommen, die die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit dem Holocaust gleichsetzen, eines sogar, das die jetzige Situation als schlimmeren Holocaust benannte. Und natürlich steht unsere Arbeit im großen Kontext der derzeitigen antisemitischen und den NS-verharmlosenden Aussagen z. B. bei Querdenker-Demonstrationen insofern, als sie den demokratischen Rahmen in Frage stellen, in dem wir arbeiten.

Wie nutzen Sie die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten, um jungen Menschen die Geschichte Bergen-Belsens näherzubringen?

Meine Kolleg*innen habe sinnvolle digitale Angebote entwickelt – z. B. die App, mit der sich unser Publikum auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers orientieren oder Informationen zu den historischen Gebäuden in der Niedersachsen-Kaserne erhalten können. Hinzu kommen seit dem vergangenen Jahr diverse Online-Bildungsangebote. Wir beteiligen uns an Diskussionen, welche Angebote ansprechend und gleichzeitig angemessen die Annäherung an das historische Thema ermöglichen. Social Media Kanäle nutzen wir überwiegend, um auf unsere Angebote aufmerksam zu machen und mit Interessierten in den Dialog zu gehen. Dort können, wie am Infotresen in der Gedenkstätte, Fragen gestellt werden, die dann beantwortet werden.

Was sind Ihre Pläne für die kommenden zwei Jahre?

Das ist eine große Frage. Die Arbeit der Gedenkstätten in Niedersachsen – nicht nur der stiftungseigenen – ist wichtig und wird mit großem Engagement geleistet. Ich würde mich freuen, wenn es mir gelingt, ein stärkeres Bewusstsein für die historischen Beziehungen der verschiedenen Verbrechen zu schaffen, die sie jeweils abbilden, und für die Erinnerungskultur, die sie alle zusammen prägen.

Text und Interview: Sonja Steiner

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