Soziale Stadtrundgänge – wo Wohnungslose keine Randgruppe sind

16. Juni 2026 / Gesellschaft

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Bild: Stefan Kohl

Text: Stefan Kohl

Früher haben sie selbst hier gelebt, heute erzählen sie anderen, was das heißt. Die Backstreet Guides des Straßenmagazins Asphalt zeigen die Straßen und Plätze rund um Hannovers Hauptbahnhof als Wohnort der vielen Menschen, die kein eigenes Zuhause haben.

„Die Nacht ist gefährlich hier in Hannover“, sagt Uwe. Er steht vor dem Kontaktladen Mecki am Raschplatz, einer Anlaufstelle für Menschen in sozialen Schwierigkeiten hinter Hannovers Hauptbahnhof. Der 71-Jährige weiß, wovon er spricht. 44 Jahre lang war er Teil der Trinkerszene, übernachtete in Männerwohnheimen und Notunterkünften. Jetzt erzählt er einer Gruppe junger Erwachsener von dem Obdachlosen, der hier von Gästen des benachbarten Clubs erschlagen wurde.

Uwe ist einer der drei Backstreet Guides, die bei ihren sozialen Stadtrundgängen Menschen einen authentischen Eindruck vom Leben auf der Straße vermitteln. „Weg aus Suff mit Selters“ heißt seine Tour. Sein Weg aus dem Suff hat lange gedauert. Erst nach drei erfolglosen Langzeittherapien hat er es endlich geschafft. Davor hatte er sich neun Jahre lang betrunken als Verkäufer beim Straßenmagazin Asphalt durchgemogelt, obwohl Alkohol dort verboten ist. Erst nach einem ernsten Gespräch mit dem damaligen Chef der Einrichtung entschied er sich für einen kalten Entzug. Seither ist der sechsmal wöchentliche Besuch im Fitnessstudio seine einzige Droge.

Persönliche Erfahrungen

Die persönlichen Erfahrungen und Geschichten sind es, die die Stadtrundgänge von Asphalt so intensiv wirken lassen. Lösungen für die Obdachlosenproblematik können sie nicht anbieten, aber Empathie erzeugen für die Menschen auf der Straße und so die häufig erlebte Diskriminierung und Gewaltbereitschaft ihnen gegenüber abbauen. Genauso wichtig für Uwe: Jugendliche vor den Gefahren des Alkohols zu warnen und ihnen zu vermitteln, wie schleichend und verheerend sich die Abhängigkeit entwickelt.

Erste Station des Rundgangs ist die Containeranlage „bed by night“ an der Celler Straße. Hier stehen 10 Betten und Notmatratzen für Straßenkinder bereit. Die Mitarbeitenden finden sie abends an den Bahnhofsausgängen, bieten ihnen Unterkunft und Verpflegung an. Und Zeit, zur Ruhe zu kommen. „Erst nach drei Tagen werden Fragen nach den Hintergründen der Obdachlosigkeit gestellt und Lösungen gesucht.“

Im Bunker nebenan hat Uwe selbst auf Feldbetten übernachtet – seiner Erzählung nach zusammen mit 130 anderen oft gewaltbereiten Wohnungslosen, Alkoholikern und Drogenabhängigen, eingeschlossen hinter dicken Stahltüren und mit viel zu wenig Aufsichtspersonal. „Eine brenzlige Situation“, erinnert er sich. „Einer meiner Trinkkumpane wurde hier für ein paar Schlucke Wodka getötet.“ Und das sei nicht der einzige Todesfall gewesen. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bezeichnete den Bunker als den mit Abstand schlimmsten Ort für Obdachlose, den er bei seinen Recherchen erlebt hat. 2011 wurde die Einrichtung geschlossen, heute proben hier junge Bands.

Christliche Drogenhilfe

Weiter geht’s zu den Anlaufstellen der christlichen Suchthilfe Neues Land in der Oststadt. In der Wohngemeinschaft in der Steintorfeldstraße ist Platz für neun Männer und drei Frauen sowie ein Mitarbeiterteam, das sich um sie kümmert. Backstreet Guide Guido, der wegen eines Bandscheibenvorfalls im Moment außer Gefecht gesetzt ist, wurde hier in der Therapieeinrichtung und während der Nachsorge nach seinem Drogenentzug fünf Jahre lang gefestigt. Gekocht wird hier zusammen mit Ehrenamtlichen auch für den Bauwagen unter der Raschplatzhochstraße und für den Bollerwagen, mit dem Nachtengel Martina unterwegs ist. Sie versorgt Obdachlose in der Innenstadt mit Essen, Getränken und warmer Kleidung. Das benachbarte SOS-Bistro ist ein Tagestreff für Süchtige und Obdachlose. Hier gibt es Speisen und Getränke zum Selbstkostenpreis oder gegen von Spendern bezahlte Gutscheine, außerdem Duschmöglichkeiten, Waschmaschinen, eine Kleiderkammer sowie Beratungs- und Gruppenangebote.

Probleme nur verlagert

Am nahe gelegenen Weiße-Kreuz-Platz hat Uwe früher immer mit seinen Kumpanen gesessen. Trotz regelmäßiger Polizeikontrollen war der Platz beliebt bei Trinkern, vor allem wegen seiner Nähe zu einem Discounter mit billigem Alkohol. Dass der Platz dann auf Betreiben der Geschäftsleute verschönert und die Trinker vertrieben wurden, nimmt Uwe den Stadtoberen übel. „Irgendwo müssen sie doch hin.“ Deshalb sieht er auch die geplante Aufwertung des Raschplatzes kritisch. Dass solche Lösungen meist nicht von Dauer sind, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich die Trinker die ersten Bänke am Weiße-Kreuz-Platz wieder zurückerobert haben. Andere sind zuerst ins Justizviertel und dann – wieder mal auf Druck – zur sogenannten Oettingerwiese zwischen Hauptbahnhof und ZOB umgezogen. Die Probleme wurden also nur verlagert.

Zurück zum Raschplatz, wo gerade vor dem Kontaktladen Mecki Essen ausgegeben wird. Heute sind die Schlangen besonders lang, bietet doch die darüber liegende Straße etwas Schutz vor dem anhaltenden Regen. Die Einrichtung platzt aus allen Nähten, weshalb gerade ein Neubau in der Augustenstraße entsteht – der nächsten Station des Rundgangs. Die letzte ist das dahinter liegende Stellwerk, ein Konsumraum für Süchtige mit medizinischer Ambulanz und zahlreichen sozialen Angeboten.

Deutschlands Drogenhauptstadt

Gegenüber trifft Uwes Gruppe dann auf die von Guide Thomas. Bei seiner Tour „Weg vom Schein zur Menschlichkeit“ stehen Drogenabhängige im Mittelpunkt. Thomas erzählt von seinem sozialen Abstieg und seiner schweren Suchterkrankung: Vor seiner Zeit auf der Straße arbeitete Thomas mehr als 25 Jahre lang in der gehobenen Gastronomie – als Kellner und Oberkellner in Sterne-Restaurants und Luxushotels in Berlin und Irland. In die Obdachlosigkeit rutschte er, als sein Lebensgefährte starb, den er jahrelang gepflegt hatte, und er die Wohnung verlor. Auch er wurde Opfer von Gewalt. Nach mehreren Notoperationen bekam er gegen seine Angststörungen Medikamente, von denen er schwerstabhängig wurde. Erst nach drei Entzügen und einer Langzeittherapie schaffte er den Absprung und ist nun seit 11 Jahren clean und seit 10 Jahren Stadtführer.

„Hannover ist gemessen an der Einwohnerzahl Deutschlands Drogenhauptstadt“, berichtet er. Die Stadt werde mit neuartigen, sehr schnell abhängig machenden und extrem gesundheitsschädlichen Substanzen wie Fentanyl und Krokodil überschwemmt, ebenso mit Kokain. Viele junge Leute würden die Drogen konsumieren, um cool zu sein. „Doch letztlich führt das zu massiver Verelendung und Verwahrlosung.“ Das zu verhindern, ist sein Hauptanliegen: „Wenn ich durch meine Stadtrundgänge einen davor bewahre, hat es sich gelohnt.“ Tatsächlich weiß er, dass ihm das bei viel mehr Jugendlichen gelungen ist. Rund 7.500 von ihnen hat er bereits erreicht und dabei Wissen und eigene Erfahrungen vermittelt, die Schulpädagogen bestenfalls aus zweiter oder dritter Hand bieten könnten.

Den vollständigen Artikel …

… finden Sie in der radius/30 Ausgabe Juni/Juli/August.

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