Benjamin Kahnt und Björn Stack: 100 % auf 100,0

11. September 2026 / Im Gespräch

Featured image for "Benjamin Kahnt und Björn Stack: 100 % auf 100,0"
Bilder: Roland Schmidt

Text: Bernd Schwope

Seit 2016 sendet Radio Hannover als erster kommerzieller Stadtradiosender im Großraum Hannover – und füllt damit mehr als nur eine Nische. radius/30 sprach mit Geschäftsführer Benjamin Kahnt und Programmdirektor Björn Stack über die Veränderungen der Medienbranche, das Selbstverständnis als Lokalsender und wie man es schafft, keine Abschaltimpulse zu setzen.

radius/30: Stellen Sie sich vor, an meiner Stelle würde jetzt ein Zugereister aus einer Ecke Deutschlands sitzen, der vielleicht von landesweiten Radiosendern gehört hat, aber noch nie von Radio Hannover. Was antworten Sie ihm, warum es Sie gibt und was Sie eigentlich machen?

Benjamin Kahnt: Wir machen das, was draufsteht: Radio Hannover. Radio für Hannover, 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Da sind eigentlich alle Fragen erst mal gelöst.

Björn Stack: Wir sind die Stimme der Stadt, berichten aus der Region und der Stadt Hannover für die Menschen, die hier leben, aus allen Bereichen: Gesellschaft, Politik, Sport, Wirtschaft, Kultur. Dazu spielen wir einfach gute Musik aus den vergangenen 60 Jahren, gemischt mit aktuellen Hits. Das macht den Erfolg von Radio Hannover aus.

Radio Hannover ist 2014 als erster kommerzieller Radiosender Hannovers gegründet worden. Wieso erst so spät? Und wie finanziert sich Radio Hannover?

Kahnt: Die Idee der lokalen Stadtsender in Deutschland ist keine neue. Hannover ist die vorletzte Landeshauptstadt Deutschlands, die einen Lokalsender bekommen hat. Die Vergabe ist Ländersache, keine Bundessache. Niedersachsen hat sich sehr spät dem lokalen kommerziellen Radiomarkt geöffnet. Aber das hatte auch Gutes. Die Gründer des Senders konnten beobachten, wie gut Radiosender in anderen Städten funktionieren. Die Frage war nur, wie stellt man sich in Hannover auf? Unser Sender finanziert sich ausschließlich aus der Vermarktung von Werbezeiten. Entsprechend muss ein Programm viele Hörer ansprechen, damit es sich gut vermarkten lässt. Und es muss unserer Meinung nach so gut gemacht sein, dass es die Hörerinnen und Hörer nicht nervt.

Sind die dann nicht genervt von der vielen Werbung?

Kahnt: Das kommt drauf an. Nationale Werbung wird eher als störend wahrgenommen. Lokale Werbung eher als Tipp oder Kaufempfehlung. Das wirkt charmanter; vielleicht kennt man den beworbenen Laden um die Ecke sogar oder den Inhaber oder die Inhaberin. Unsere Aufgabe war es, ein Produkt zu schaffen, das es vorher so nicht gab, das anders klingt als die anderen Sender.

Wie sieht es mit Bürgerfunk aus? Der ist auch auf die lokale Berichterstattung fokussiert.

Stack: Bürgerfunk erfüllt einen komplett anderen Auftrag als wir.

Er darf ja auch keine Werbung generieren.

Stack: Eben. Der Bürgerfunk kann nicht gewinnmaximierend arbeiten. Er ist wichtig für die Medienkompetenz, für besondere kulturelle Bereiche und für die Integration. Aber wir kommen mit dem Bürgerfunk gut aus: Viele unserer Mitarbeiter haben ihre ersten Schritte in dem Medium beim Bürgerfunk gemacht.

Um möglichst nahe am lokalen Geschehen zu berichten, brauchen Sie dafür eine große Struktur an Mitarbeitern?

Stack: Wir brauchen keine große Struktur, wir brauchen die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei anderen Sendern gibt es einen einzigen Mitarbeiter, der für Hannover zuständig ist. Im Audiobereich sind wir einer der größten Anbieter in Hannover. Beim Radio ist die Herausforderung, dass wir ein disperses und fragmentiertes Publikum haben. Bedeutet: Wir wissen nicht, wer, wann, in welcher Situation, wo das Radio einschaltet. Aber sie wollen immer die gleiche Qualität haben. Das ist nicht wie bei einer lang vorproduzierten Fernsehsendung. Bei uns ist nach der Sendung und vor der Sendung immer gleichzeitig. Und das 24 Stunden am Tag. Wir versuchen, dem Hörer unabhängig davon, wann er einschaltet, immer die gleiche Qualität zu bieten.

Wie sieht es mit der Schnelligkeit von Nachrichten aus? Da müssten Sie im Vorteil sein im lokalen Bereich?

Kahnt: Die Schnelligkeit ist gar nicht so entscheidend. Bei anderen Sendern erfahre ich, was in Soltau-Fallingbostel passiert. Das interessiert mich in Hannover aber nicht oder nur sehr selten. Ich fahre von hier nach Hildesheim und will wissen, was auf der B6 los ist. Das erfahre ich bei uns in den Verkehrsnachrichten. Den Wettbewerb um die Schnelligkeit kämpfen wir – wenn überhaupt – mit dem Internet. Aber auch da sind wir meist schneller. Wir müssen nicht schreiben, sondern können die Nachricht theoretisch sofort ins Mikro sprechen. Bei Eilmeldungen sind wir die Schnellsten.

Wie gehen Sie mit dem Thema Social Media um? In den letzten zehn Jahren hat sich der mediale Markt in großer Schnelligkeit verändert. Am drastischsten trifft es wohl den Print-Bereich, der Jahr für Jahr Umsatzeinbußen zu verzeichnen hat und dem die Leser weglaufen. Wie sieht es im Radio-Bereich aus?

Stack: Da ist im Print-Markt sicherlich mehr passiert als im Radiobereich. Vor Kurzem ist das Medium Radio 100 Jahre alt geworden. In dieser Zeit hat sich erstaunlich wenig verändert. Es gibt Radio z. B. nach wie vor ohne Bild. Was Radio von anderen Medien schon immer unterscheidet: Es ist ein Nebenbei-Medium. Du hörst es beim Autofahren, Kochen, Arbeiten. Das ist immer noch ein Alleinstellungsmerkmal. Andere Medien werden selektiver, zeitunabhängig und ausschließlich genutzt. Viele Radiohörer aber nutzen immer noch UKW und das alte Küchenradio klebt oben auf dem Kühlschrank. Es gehört zum Tagesablauf dazu, dies einzuschalten. Im Gegensatz zu anderen Medien haben wir im Radio bei den Quoten nur minimal verloren.

Kahnt: TV hat auch stark verloren. Radio hält sich relativ stabil. Aber wir merken, dass es nicht einfacher wird.

Stack: Wir merken, bei jungen Hörern spielt Radio nicht mehr die zentrale Rolle wie noch vor wenigen Jahren. Es gibt da eine Grenze in den 30ern: Die Über-35-Jährigen sind offensichtlich sehr mit dem Radio sozialisiert. Hörer darunter nutzen weniger das Medium.

Ich sehe gerade hier in Ihrem Konferenzraum vier lebensgroße Pappfiguren, die offensichtlich den typischen Radio-Hannover-Hörer darstellen. Wenn ich richtig lese, ist das Alter zwischen 30 und 65.

Stack (lacht): Stimmt. Diese vier sind heute im Jahr 2026 auch schon 5 Jahre älter. Die Personas unserer Hörer haben wir 2021 entworfen. Sie sind wichtig für uns, damit wir immer wissen, für wen wir senden – schließlich können wir unser Publikum nicht sehen.

Wissen Sie, wer Ihre Hörer sind?

Kahnt: Es gibt einige Erhebungen. Unsere Hauptzielgruppe sind die 35- bis  65-Jährigen. Aber es gibt auch Jüngere und Ältere. Wir arbeiten inhaltsstark und moderieren erwachsen. Wir senden mit einem hohen Informationsanteil und haben keine klassische Radiocomedy im Programm. Die Musik, die bei uns läuft, trifft den Geschmack dieser Zielgruppe. Unsere Zielgruppe ist lokal sozialisiert und eher besser gebildet als bei anderen Sendern. Aber es gibt beim Alter auch Ausreißer. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer 21-jährigen Studentin, die neu nach Hannover gezogen ist. Sie hört uns, weil sie hier erfährt, was in dieser Stadt los ist. Einige ihrer Kommilitonen tun dies ebenfalls. Warum sie dies tun? Wir sind kostenlos. Onlinezeitungen haben meist eine Bezahlschranke. Und in sozialen Medien weiß man nie, ob die Infos auch immer stimmen. Bei uns aber sind diese sauber recherchiert. Das sage ich mit breiter Brust.

Wie schaffen Sie es, dass die Hörer zu einer bestimmten Zeit einschalten?

Stack: Das schafft man nicht. Die Hörer werden nicht ihr Leben nach einem Radiosender einrichten. Wir müssen unser Programm nach dem Tagesablauf der Hörer ausrichten. Hörer richten ihr Leben danach aus, wann sie z. B. zur Arbeit müssen. Dementsprechend müssen wir mit Wiederholungen arbeiten, die zum einen nicht nerven und die zum anderen trotzdem jeder mitkriegt. Das ist die große Kunst.

Das vollständige Interview mit Benjamin Kahnt und Björn Stack …

… finden Sie in der radius/30 Oktober/November.

Archiv