
Text: Stefan Kohl
Sie wissen, wie Polizeiarbeit läuft: die CrimeCoaches aus Hannover. Und sie sind überzeugt, dass das, was bei der Tätersuche funktioniert, auch in Unternehmen zu besseren Entscheidungen führen kann.
Am frühen Samstagmorgen spielen sich in Hannovers Hotel am Pelikanplatz Szenen wie aus dem Sonntagabend-Krimi ab: Weite Bereiche sind mit gelbem Flatterband abgesperrt und in der Bar liegen zwei Leichen. Aber kein Grund zur Panik, das Blut hier ist nicht echt. Die CrimeCoaches haben zu einem Tatortanalyse-Workshop geladen und alles perfekt inszeniert – für realistische Einblicke in die polizeiliche Ermittlungsarbeit. Waren solche Workshops zunächst nur für Krimiautoren und -interessierte gedacht, haben die Polizeiexperten ihr Konzept inzwischen in die Welt der Unternehmen übertragen. Hier sollen kriminalistische Methoden Führungskräften helfen, unter Druck bessere Entscheidungen zu treffen. Die Firmenteams lernen an einem fiktiven Tatort, subjektive Vorurteile und Annahmen zu überwinden, präzise zu kommunizieren und über Hierarchien hinweg faktenbasierte Lösungen zu finden. Gamification nennt sich diese Mischung aus Schulung und Teamevent in der Fachsprache.
Die CrimeCoaches, das sind die Polizeiveteranen Monika Bodmann und Carsten Schütte, Rechtsmedizinerin Sarah Stockhausen und der Psychiater Dr. Thorsten Sueße. „Die mit den Leichen“, erklärt Nerissa „Nessi“ Rothhardt, die sich als die „Kommunikationstante“ vorstellt. Die Unternehmensberaterin war es, die das kriminalistische Konzept auf die Betriebsebene übertragen hat.
Kennengelernt hat sie CrimeCoach und Krimiautor Carsten Schütte, als sie ihn via Facebook um Tipps für ihr eigenes Buchprojekt bat. Schnell erkannte sie den Wert des kriminalistischen Denkrahmens für die Wirtschaft und stieß mit ihren Ideen bei den anderen sofort auf offene Ohren. Sie erinnert sich noch gut daran, wie es sich beim ersten Workshop anfühlte, einen Raum zu betreten, in dem eine Leiche lag: „Das war wirklich sehr seltsam. Obwohl wir alle wussten, dass es nicht echt war, hatte die Szene sofort eine starke Wirkung auf uns.“
Jagd nach der Wahrheit
Und schon beginnt die Jagd nach der Wahrheit: Stilecht mit weißen Schutzanzügen, Mundschutz und Handschuhen ausgestattet, machen sich die beiden Teams an die Arbeit. Jede Gruppe hat ihre eigene Leiche. Die erste Lektion am Tatort ist schnell abgespeichert: „Die Leiche ist immer Spur Nummer 1.“ Von ihr ausgehend beginnen die Teilnehmenden den Tatort systematisch zu sichten, weitere Spuren zu bewerten und jedes noch so kleine Detail sorgsam zu dokumentieren. Das lehrt sie, objektive Beobachtungen strikt von Annahmen zu trennen und methodisch sauber vorzugehen. Nur so lässt sich anhand der Spuren der Tatablauf sauber rekonstruieren – ohne gedankliche Schnellschüsse, die sich später nur schwer wieder einfangen lassen. Schon hier können die CrimeCoaches oft wenig zielführende Denk- und Handlungsmuster erkennen, die sich unter den Teilnehmenden aus Unternehmen bereits festgesetzt haben. „Am Tatort befragen wir zuerst die Streifenpolizisten“, erklärt Schütte. Auf Unternehmen übertragen heißt das: „Wenn in der Produktion etwas schiefläuft, sind die Menschen an den Maschinen die ersten Ansprechpartner.“
Dann tritt die Rechtsmedizinerin Sarah Stockhausen auf den Plan. Sie prüft die Augenlider, Nasenöffnungen der Opfer und sucht im Mund nach Verletzungen, Zahnabbrüchen oder Blutspuren, erklärt, welche Hinweise Leichen zur Aufklärung von Verbrechen liefern. Was sie findet, sind Blutspuren am Boden, Anzeichen für stumpfe Gewalt am Kopf und schließlich eine typische Strangulationsfurche am Hals. Die Frau wurde zuerst niedergeschlagen, dann erdrosselt. Mit diesem Befund liefert Stockhausen objektive, wissenschaftlich fundierte Fakten als Korrektiv zu subjektiven Annahmen. Die Lehre für Entscheider aus der Wirtschaft: die Dinge immer aus möglichst vielen Perspektiven betrachten. Und für die Leichendoubles ist es eine fast schon surreale Erfahrung – still dazuliegen, während Profis über Leichenflecken und Verletzungsmuster fachsimpeln.
Bleibt noch die Frage, was es mit dem benutzten Kondom am Tatort auf sich hat. War die Tat womöglich sexuell motiviert? Das muss die Rechtsmedizin anhand von DNA-Spuren klären. Fest steht: Das Opfer war hier mit Kollegen bei einer Betriebsfeier. Ist da was aus dem Ruder gelaufen?
Spannung steigt
Am Nachmittag erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Die reine Spurensuche weicht der psychologischen Ermittlungsarbeit. Schon wieder eine neue Perspektive. Eine weitere Sichtweise bringt Dr. Thorsten Sueße ein. Früher begutachtete er die Schuldfähigkeit und Gefährlichkeit von Gewalttätern.
Nun werden Zeugen vernommen und Beschuldigte ins Kreuzverhör genommen, um die Puzzleteile der Tatortanalyse richtig zusammenzusetzen. Worauf es ankommt: eine präzise Vorbereitung auf das Gegenüber, um auch in emotionalen Situationen oder bei manipulativen Tätern souverän zu bleiben. Ein Vorgehen, das sich gut auf Mitarbeitergespräche übertragen lässt.
Im Mittelpunkt der Befragungen stehen vier Kollegen, mit denen das Opfer am Abend engeren Kontakt hatte. Einer der Männer verwickelt sich in Widersprüche, wirkt verdächtig und wird noch einmal verhört. Dabei bringt ihn das Team durch geschickte Fragen dazu, dass er Täterwissen preisgibt. Damit ist der Fall gelöst. Und das Kondom? Darauf fand die Rechtsmedizin weder DNA vom Täter noch vom Opfer. Hinter der Tat steckte lediglich ein beruflicher Streit, der eskaliert ist.
Klar, dass die CrimeCoaches zusammen mit den Teilnehmenden am Ende immer das Verbrechen aufklären. Aber wo Krimifans jetzt nach Hause gehen könnten, fängt im Unternehmen die eigentliche Arbeit jetzt erst an.
Tag zwei
Auftritt Nessi Rothhardt. Sie nutzt den zweiten Tag dazu, die Erfahrungen vom Tatort in den beruflichen Alltag zu übersetzen. Die Arbeitsschritte des Vortags werden reflektiert. Gemeinsam wird analysiert, wie systematische Prozesse helfen, auch bei unklaren Informationslagen tragfähige Entscheidungen zu treffen. Am Nachmittag rücken Teamdynamik und Zusammenarbeit in den Fokus. Was hat die Gruppe vorangebracht? Wo wurden Spannungen sichtbar? Wurden kleine Fehler rechtzeitig zugegeben, bevor sie die Ermittlungen auf die falsche Spur bringen konnten? Und welche verborgenen Talente haben die Teammitglieder gezeigt? „Eine Tatortanalyse hilft bei komplexen Management-Entscheidungen, indem sie einen klaren Denk- und Wahrnehmungsrahmen bietet, der besonders in Situationen mit fehlenden Informationen und hohem Zeitdruck Sicherheit gibt“, erklärt Schütte. Anstatt unter Stress in blinden Aktionismus zu verfallen, fördere diese Methode eine ruhige Entscheidungslogik aufgrund methodisch gesicherter Bewertungen.
Erfolg auf hoher See
Anfangs ging es den CrimeCoaches nur darum, Krimi- und Drehbuchautoren zu helfen, ihre Bücher und Filme realistischer zu gestalten. Schütte hatte Autorenkollegen befragt, woher sie ihr Fachwissen beziehen. Darauf bekam er Antworten wie „Google“ oder „mein Nachbar ist Polizist, den frage ich manchmal“. Besonders aufgestoßen ist ihm der Satz eines TV-Produzenten, der meinte, es gehe doch nur um Unterhaltung und die Zuschauer seien eh nicht kompetent genug, um Fehler zu erkennen. Für Schütte war klar: „Da lässt sich noch viel verbessern.“
Bald wurde ein Kreuzfahrtanbieter auf das Team aus Hannover aufmerksam. Also stachen sie zusammen mit namhaften Autoren, Fernsehkommissaren und Podcastern in See und begeisterten mit ihrem Fachwissen 6.000 Krimifans an Bord. „Danach waren wir uns sicher: Was auf hoher See funktioniert, funktioniert auch bei uns daheim“, erinnert sich Schütte. So kam es zum ersten Workshop in Hannover.
Dafür mussten die Krimifans tief in ihre Taschen greifen. Das soll sich ändern. „So ein exklusives Ambiente ist eigentlich kontraproduktiv“, findet Schütte. „Wir sind normalerweise da, wo es wehtut, auch bei Dauerregen auf Bahngleisen. Da wird zwischendurch mal eine Stulle reingezogen oder eine bestellte Pizza im Tatortwagen.“ Was bleibt, sind das umfangreiche Equipment und die akribischen Vorbereitungen: Die Story wird bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, Schauspieler werden gecastet und dann wird das Ganze mindestens einmal komplett vorab durchgespielt. Mittlerweile sind Schütte & Co. deutschlandweit gefragte Experten. Im Juni begleiteten sie die noch bis zum 25. Oktober laufende Ausstellung „Serienkiller“ in Köln mit fachlich fundierten Vorträgen und Einordnungen. Und das hat selbst Schütte überrascht: „Die Polizeidirektion Hannover hat uns gebeten, unseren Workshop für Rekruten anzubieten, die sich bei ihr beworben haben.“ Das brachte ihn gleich auf die nächste Idee: „Warum so etwas nicht auch im Studium anbieten?“ Das könnte den Druck von jungen Polizisten nehmen, die ihren ersten Tatort bisher meist erst nach der Ausbildung sehen.