André Lawiszus: „Mein Vorteil: Ich kannte halt jeden“

04. Juni 2026 / Im Gespräch

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Bild: Lexi Thanee

Text: Bernd Schwope

Vom Partyveranstalter zum Geschäftsführer der Hannover Veranstaltungs GmbH: André Lawiszus verantwortet die größten Events Hannovers – von den Feuerwerkswettbewerben bis zum Maschseefest. radius/30 erzählte er, wie es ist Veranstaltungen für 2,3 Millionen Menschen zu planen und wie der Weg nach oben manchmal ganz einfach geht.

radius/30: Was antwortest Du einem Menschen, sagen wir mal aus Castrop-Rauxel, der seit 20 Jahren nicht in Hannover war und dich zufällig auf der Straße trifft: Wer bist du und was machst du bei der HVG?

André Lawiszus: Ich bin Geschäftsführer der Hannover Veranstaltungs GmbH, kurz HVG. Die HVG ist eine 100-prozentige Tochter der Hannover Marketing- und Tourismus GmbH (HMTG). Wir veranstalten Norddeutschlands größtes Seefest, das Maschseefest, den Internationalen Feuerwerkswettbewerb in Herrenhausen an fünf Abenden im Jahr mit je 11.000 Menschen, den Altstadtflohmarkt, Deutschlands ältesten Flohmarkt, und die Turmfahrten mit dem weltweit einzigartigen Bogenaufzug im neuen Rathaus. Und seit 2019 zudem die Glitterbox, eine Discohouse-Partyreihe mit renommierten KünstlerInnen exklusiv in Deutschland in Hannover.

Womit wir gleich bei deinem Werdegang sind. Du hast als Partyveranstalter angefangen und bist jetzt Geschäftsführer der HVG. Wie kam’s?

Ich bin seit 2005 bei der Hannover Marketing Gesellschaft (HMG, Vorgänger der HMTG). Es stimmt; damals war ich stark im Partybereich aktiv und suchte neben meinem Studium einen Praktikumsplatz. Hans Nolte (Anm. d. Red.: ehem. Geschäftsführer der HMTG) lernte ich bei den ATP-Finals in Hannover kennen. Das war zur EXPO-Zeit. Nolte war Turnierdirektor. Mein damaliger Mitbewohner arbeitete als Praktikant bei der ATP. Da ich leidenschaftlicher Tennisspieler bin, war das natürlich etwas ganz Großes für mich: Becker, Agassi, die ganzen großen Tenniscracks in Hannover hautnah erleben zu können. Mein Mitbewohner hatte Hans Nolte „gesteckt“, dass ich Erfahrung im Organisieren von Events habe. Schlussendlich durften wir die Players Night organisieren. Die fand im ehemaligen Bentley-Autohaus neben dem Regionshaus an der Hildesheimer Straße statt. Die zweite Players Night fand dann in der Orangerie der Herrenhäuser Gärten statt. So sind wir damals ins Gespräch gekommen. Die Partys waren sehr gut besucht und den Spielern hat’s gefallen.

Und als Belohnung hast du danach einen Praktikumsplatz bekommen?

Nicht sofort. Ich habe Hans Nolte nach der ATP-Zeit lange nicht gesehen. Meine damalige Freundin war Grafik-Designerin und ich habe sie bei einer Einweihungsfeier einer Werbeagentur begleitet, wo ich ihn dann zufällig wieder traf. Ich erzählte ihm, dass ich einen Praktikumsplatz suche. Er lud mich ein, ihn nächste Woche mal in seinem Büro besuchen zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt war er schon Geschäftsführer der HMG. Die HMG war damals noch in der Bahnhofstraße angesiedelt. Fünf bis sechs Personen arbeiteten dort. Ich betreute klassische Stadtmarketingprojekte mit dem Schwerpunkt Innenstadtbelebung. Kurz vor dem Ende meines Praktikums wurde ich in sein Büro gebeten und dort lag plötzlich ein Arbeitsvertrag für mich auf dem Tisch.

Wir nähern uns der Antwort, wie du Geschäftsführer der HVG geworden bist …

Das war 2005. Bereits 2006 folgte die Gründung der hannover.de Internet Gesellschaft. Die Hannover Marketing Gesellschaft erhielt damals den Auftrag, gemeinsam mit der Landeshauptstadt Hannover und der Region Hannover sowie dem Wirtschaftspartner die neue digitale Plattform der Stadt aufzubauen. Hans war überwiegend mit den Aufgaben innerhalb der Hannover Marketing Gesellschaft beschäftigt, während ich als Projektleiter die gesamte Umsetzung koordinierte. Zwischen 2006 und 2009 wurde hannover.de Schritt für Schritt aufgebaut und gelauncht. Zum 1. Januar 2007 stieg die Region Hannover als Gesellschafter bei der Hannover Marketing Gesellschaft ein. Im Juni 2008 entstand daraus schließlich die Hannover Marketing und Tourismus GmbH. Gleichzeitig wurde der touristische Bereich aus dem früheren Verkehrsverein in die neue Gesellschaft integriert. Im Zuge dieser Neustrukturierung zog das Unternehmen später auch in das Haus der Wirtschaftsförderung an der Vahrenwalder Straße.

Das hat mit Veranstaltungen, deinem Kernthema, erst mal wenig zu tun. Magst du das erklären?

Im Jahr 2010 fragte der damalige Oberbürgermeister Stephan Weil an, ob die HMTG die Durchführung des Maschseefestes übernehmen könne. Kurz darauf kam Hans Nolte in mein Büro und fragte mich, ob ich Lust hätte, dieses Projekt mit aufzubauen. Als langjähriger Besucher des Maschseefestes, mit vielen unvergesslichen Nächten am See, musste ich darüber nicht lange nachdenken. So entstand schließlich die Hannover Veranstaltungs GmbH. Die Gründung der Gesellschaft war vor allem notwendig, um mögliche Haftungsrisiken aus dem Veranstaltungsgeschäft von der Muttergesellschaft zu trennen. Hans Nolte übernahm die Geschäftsführung und ab 2011 begannen wir damit, das Maschseefest Schritt für Schritt neu auszurichten und weiterzuentwickeln.

Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe?

Mein Vorteil war, dass ich vorher sehr viele Veranstaltungen durchgeführt habe. Ich hatte ein großes Netzwerk. Sei es Brauereivertreter, Medien, DJs, Security etc. Das war schon eine enorme Vernetzung. Aber natürlich ist das ein völlig anderer Verantwortungsbereich. Das Maschseefest ist halt keine Veranstaltung für 2 – 3.000 Menschen, sondern für 2,3 Millionen.

Du hast aber damals immer noch Veranstaltungen unter eigenem Namen gemacht, oder?

In meinem Arbeitsvertrag war damals festgehalten, dass ich diese Aktivitäten parallel ausüben durfte, solange sie meine Tätigkeit im Unternehmen nicht beeinträchtigten. Letztlich hat sich beides sogar gegenseitig bereichert. So haben wir bei der Hannover Marketing Gesellschaft beispielsweise einen Nightlife Guide entwickelt, um die hannoversche Nachtszene sichtbarer, greifbarer und attraktiver zu machen. Durch meine eigenen Kontakte und Erfahrungen wusste ich sehr genau, worauf es ankommt, damit so ein Projekt in der Szene auch wirklich authentisch wahrgenommen wird. Gleichzeitig war die Unterstützung der Marketing Gesellschaft dafür natürlich enorm wichtig. Uns war damals klar, dass ein vielfältiges Nachtleben auch ein wichtiger touristischer Faktor für eine Stadt ist und entsprechend nach außen präsentiert werden muss. Hannover hatte zu dieser Zeit weniger klassische Clubs, dafür aber eine sehr lebendige Partyszene mit vielen unterschiedlichen Veranstaltungsformaten.

Ela Windels schaltet sich ein: Mein journalistischer Ehrgeiz ist gerade geweckt: Was hast du mal studiert?

Ich habe BWL studiert. Aber zurück zum Maschseefest: Gemeinsam haben wir die Veranstaltung damals komplett neu aufgestellt. Früher musste man als Gastronom Mitglied im HTS e. V. sein, um überhaupt eine Standfläche zu bekommen. Vieles lief eher informell und oft per Handschlag. Wir haben das grundlegend verändert und erstmals ein transparentes Ausschreibungsverfahren eingeführt. Entwickelt wurde dieses gemeinsam mit einer Berliner Agentur, die auf öffentliche und teilöffentliche Ausschreibungen spezialisiert ist. Statt kurzer Absprachen erhielten die Gastronomen plötzlich ein rund 70 Seiten starkes PDF mit allen relevanten Informationen. Das sorgte anfangs natürlich erst mal für Verunsicherung. Viele hatten das Gefühl, ausgesiebt zu werden. Genau das war aber nicht unser Ansatz. Uns ging es vielmehr darum, vollständige Transparenz zu schaffen: Was kostet die Fläche? Wie setzen sich Strom, Wasser, Fußboden und weitere Nebenkosten zusammen? Denn vorher hielt sich hartnäckig das Vorurteil, dass sich ein Stand auf dem Maschseefest kaum jemand leisten könne. Durch die detaillierte Aufschlüsselung konnten die Betriebe erstmals sauber kalkulieren und selbst entscheiden, ob das wirtschaftlich zu ihrem Konzept passt.

Das sind auch die Fragen, die du dir vorher immer als Partyveranstalter gestellt hast. Kann ich mir in der Kalkulation den teuren DJ leisten, wenn die Mietkosten so und so sind?

Genau. Natürlich wurden wir gefragt, was kostet eine Fläche, was darf ich da verkaufen? Zu welchen Preisen darf ich das verkaufen? Durch diese Transparenz haben wir es geschafft, auch mal andere Betreiber und Produkte an den See zu bekommen. Wir konnten dann neue Flächen bewirtschaften. Etwa zwischen Nordufer und Geibelstraße. Oder auch das Westufer. Wir haben die Flächenaufteilung noch mal korrigiert, sodass die Flächen innerhalb dieser Gebiete gleich groß sind. Die alteingesessenen Betreiber waren natürlich erst mal nicht so begeistert …

Was gab es noch an Veränderungen?

Da Hans Nolte aus dem touristischen Bereich kam, hat er erstmals ein richtiges gastronomisches Konzept eingeführt. Thema: in 19 Tagen um die Welt. Sprich: Wenn du beim Maschseefest dabei sein willst, musst du dich themenbezogen bewerben. Es muss maritim sein; eine Stadt, eine Region, die irgendwo am Wasser liegt, widerspiegeln. Wenn du zum Maschseefest kommst, dann hast du mitten in der Stadt sofort Urlaubsfeeling. Du kannst einen Tag griechisch essen gehen, den anderen gehst du zum Japaner, den anderen zum Spanier, dann geht es nach Dublin. Also besuchst du nicht nur einmal das Fest, sondern du kommst 3 – 4 Mal. Vielleicht bleibst du auch noch 2 – 3 Tage, buchst dir ein Hotel, gehst tagsüber in die City, gehst abends vielleicht noch ins Theater …

Hattest du eine Ahnung, dass diese Entwicklung, wie sie eingetreten ist, auch zu verwirklichen ist?

Nein, wir haben das nicht gemacht, weil es irgendwo vorgeschrieben war, sondern weil wir selbst das Gefühl hatten, dass das Maschseefest moderner, hochwertiger und strukturierter werden muss. Dafür haben wir auch bewusst investiert. Früher liefen beispielsweise etliche Kabelüberleitungen über das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer, um den Strom auf die Seeseite zu bringen. Das sah natürlich nicht besonders schön aus. Deshalb haben wir rund 100.000 Euro investiert und Horizontalbohrungen unter der Straße durchführen lassen, damit die Kabel unsichtbar verlegt werden konnten. Generell haben wir deutlich mehr Form, Qualität und Klarheit ins Fest gebracht. Früher konnte ein Betreiber teilweise gleichzeitig Pommes, Bratwurst, Crêpes und Pizza verkaufen. Das passte oft nicht richtig zusammen. Wir haben deshalb klare gastronomische Konzepte eingeführt. Wenn jemand ein italienisches Konzept hatte, sollten dort auch italienische Produkte und ein stimmiges Gesamtbild angeboten werden. Dadurch wurde das Maschseefest insgesamt hochwertiger und authentischer.

Das war anfangs sicherlich schwer zu vermitteln?

Viele dachten damals, sie hätten eine Art Supermarkt und könnten einfach alles verkaufen, was schnell geht und möglichst viel Geld bringt. Genau davon wollten wir weg. Durch die klare Strukturierung und die unterschiedlichen gastronomischen Konzepte ist es uns gelungen, ein echtes Erlebnis zu schaffen. Besucher von außerhalb haben schnell gemerkt, dass das Maschseefest kein klassisches Volksfest ist, sondern vielmehr ein hochwertiges Food Festival mit besonderer Atmosphäre.

Du bekommst also nur positive Resonanz auf eure Neuorientierung des Maschseefestes?

Natürlich hat nicht jedem gefallen, was wir verändert haben. Den einen ist das Fest zu voll, den anderen zu kommerziell. Man hört auch immer wieder den Satz, Hannoveraner würden selbst gar nicht mehr zum Maschseefest gehen. Das entspricht aber überhaupt nicht meiner Wahrnehmung. Natürlich ist das Fest touristischer geworden und die Besucherzahlen sind über die Jahre deutlich gestiegen. Aber ob am Ende 1,9 oder 2,1 Millionen Menschen kommen, ist für mich gar nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger ist, dass sich die Menschen dort wohlfühlen, gerne zusammenkommen und eine gute Zeit haben.

Damit sich alle wohlfühlen, muss man dann nicht ständig neue Ideen verwirklichen?

Ich werde jetzt nicht plötzlich alles komplett anders machen. Vielmehr geht es darum, das Maschseefest kontinuierlich weiterzuentwickeln und immer wieder Feinschliff vorzunehmen. So haben wir beispielsweise ein Awareness-Konzept eingeführt, um das Thema Sicherheit und gegenseitiger respektvoller Umgang noch stärker in den Fokus zu rücken. Gleichzeitig setzen wir jedes Jahr neue Akzente auf dem Gelände. Im vergangenen Jahr hatten wir den Aussichtsturm, in diesem Jahr wird ein Riesenrad dazukommen. Außerdem wurde das Festgelände seit dem vergangenen Jahr um eine weitere Fläche erweitert: das Halfway House zwischen Pier und Löwenbastion. Dadurch entstehen zusätzliche Aufenthaltsbereiche und neue gastronomische Möglichkeiten direkt am Wasser.

Das vollständige Interview mit André Lawiszus …

… finden Sie in der radius/30 Ausgabe Juni/Juli/August.

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