Ottolien: Blut ist dicker als Wasser

26. August 2021

Bild: Niklas Wittig

Mit ihrer EP „Zwei Sekunden Pause“ legt das Brüderpaar Ottolien ein starkes Debüt vor. Das Duo zählt zur Speerspitze der jungen hannoverschen Pop-Szene. Wir trafen die beiden im Interview via Zoom und sprachen über die Faszination der 80er-Jahre, die Vor- und Nachteile der Corona-Krise und warum man als Musiker*in nicht nach Berlin ziehen muss.

„Wir sagen immer mit einem Augenzwinkern, dass wir im Grunde genommen eine Comeback-Band sind“, sagt Leonard Ottolien. Denn obwohl Leonard und Jonas Ottolien Musik machen, seitdem sie sich erinnern können, sind sie lange getrennte Wege gegangen. Erst vor drei Jahren taten sich die beiden wieder zusammen und gründeten eine gemeinsame Band – die sie naheliegend Ottolien nannten. Ihr Debüt-Konzert im Lux am 1. November 2019 war gleich ausverkauft. Und der Ruf eilte ihnen auch außerhalb der Regionsgrenzen voraus, frechen, erfrischenden und intelligenten Indie-Pop mit deutschen Texten zu spielen, der eine ganz eigene Duftmarke setzt. Wäre nicht Corona gekommen: Wer weiß, wo diese Band jetzt stehen würde? Die Inzidenzwerte sinken, der Blick geht nach vorn: Am 30. April ist ihre Debüt-CD „Zwei Sekunden Pause“ erschienen, die zwischen 80er-Pop-Sounds und moderner Tiefenschärfe die Gefühlswelt der Corona-Generation durchleuchtet.

Doch fangen wir chronologisch an. Aufgewachsen ist das Brüderpaar in dem ostwestfälischen Städtchen Schieder-Schwalenberg in der Nähe von Detmold. Bereits mit 5 und 7 Jahren tauchten die beiden tief in die Musikwelt ein. „Wir hatten beide damals einen privaten Gitarrenlehrer. Der war 19, trug ein Metallica-T-Shirt und hatte ewig lange Haare. Das fanden wir natürlich cool“, erinnert sich Leonard. Dieser Lehrer brachte ihnen nicht nur Akkorde bei, sondern förderte ihre Kreativität. „Wir fingen schon damals an, Akkorde zusammenzuwürfeln und eigene Songs zu schreiben. Relativ schnell haben wir mit zwei viel zu großen Gitarren kleine Bühnen bespielt“, sagt Leonard. Jahre später gewannen die beiden Brüder sogar den Komponistenwettbewerb „Treffen junge Musikszene“ und durften in Berlin an Workshops teilnehmen, wie man sich auf der Bühne professionell aufstellt. Leonard erzählt von Videoanalysen ihrer Auftritte.

„Jonas, jetzt kannst du aber mal weiter ausführen, damit ich nicht endlos weiterrede“, wendet sich Leonard in unserem Interview mit einem Lächeln an seinen Bruder. Jonas ist der stillere der beiden. Das spiegelt sich auch in der Musik des Duos wider. Leonard ist mehr für die Texte und das Songwriting zuständig. Jonas ist der Beatbastler und Soundschrauber, der den Songs erst ihren eigenständigen Charakter verleiht. Leonard steht mehr auf Akustik-Gitarre, Jonas kommt eher vom Rap. Wir merken: Die Brüder müssen irgendwann in ihrem so harmonisch beginnenden musikalischen Leben andere Wege gegangen sein. „Ich war der kleine Bruder, der immer viel länger brauchte, um einen Akkord zu greifen. Das nervte irgendwann“, erinnert sich Jonas. Er ließ sich von „Papa und Mama“ ein Schlagzeug schenken und ging seinen eigenen Weg. „Ich hörte damals bis zum Tag X nur die Toten Hosen. Ab Tag X hörte ich nur noch Deutsch-Rap, von einem Tag auf den anderen. Ein Sido-Song hat mich voll gekriegt. Danach habe ich mich komplett durch die Materie gehört“, sagt Jonas.

Ottolien ist flexibel: Duo, Quintett, Akustik-Set oder Backing-Beats

2015 begann Leonard sein Musik- und Geschichtsstudium in Hannover. Zwei Jahre nach Leonard zieht es auch Jonas zum Musik-Studium nach Hannover. Ihre musikalischen Wege aber bleiben getrennt. Eher zufällig treffen sich die beiden beim „Eventim Popkurs Hamburg“. „Angestoßen von diesem Popkurs beschlossen wir beide, wieder zusammen an Songs zu arbeiten“, sagt Leonard. Im Winter 2018 geht es nach Berlin. Zwei erste Songs werden eingespielt, darunter die Single „Was wollen wir“. Ende 2019 folgt der umjubelte Gig im Lux. Dann kommt der Lockdown.

Keine gute Zeit für Musiker. Leonard sieht aber auch Vorteile: „Als Student spare ich mir durch Online-Unterricht Wege und dadurch auch Zeit. Das kommt auch der Musik zugute. Wir sind unabhängiger, da wir etwa den Proberaum noch in der Heimat im Keller haben. Da kann ich, wenn wir gerade etwas produzieren oder üben, mich mal für anderthalb Stunden ausklinken und an einem Seminar teilnehmen. Man kann am Stück konzentrierter an Sachen rangehen als in einer zerstückelten Woche“, erklärt Leonard. Und führt aus: „Als Brüderpaar kommen wir in der Pandemie glimpflicher davon. Wir sind keine Zehn-Mann-Band. Wir können das Ganze noch sehr hybrid produzieren. Wir sind nicht darauf angewiesen, in einem Raum stehen zu müssen.“ Jonas ergänzt: „Und als Brüder hocken wir eh immer aufeinander.“

Wenn es irgendwann wieder mit Live-Gigs losgeht, können Ottolien flexibel agieren. Sie können als Duo ein Akustik-Set abliefern, aber auch eines mit Backing-Beats. Wenn erforderlich, lässt sich Ottolien auch zum Quintett erweitern.

Junge Musik in Hannover

Warum aber treibt es hippe Indie-Pop-Musiker nach Hannover? Warum nicht nach Berlin? „Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten fünf Jahre eine große Bandbreite an Bands auch aus dem Pop-Studiengang auftut. Es gibt mittlerweile tolle Bands wie Jeremias oder Passepartout“, erklärt Leonard. „Es gibt einen Austausch mit der Jazzszene, der nicht direkt in meine Musik einfließt, aber irgendwie doch schon. Das Tolle sind auch die kurzen Wege. Ich kann Donnerstag zur Jazz-Session gehen und später mit dem Fahrrad ins Lux zu einer Indie-Band. Man kann in Corona-freien Zeiten alles erleben, aber es gibt kein Überangebot. Das ist recht cool.“ Jonas erzählt: „Man supportet sich in der Szene gegenseitig. Um Gigs zu bekommen, fährt niemand den Ellenbogen aus.“

Und wie würden sie ihre eigene Musik beschreiben, welches Lebensgefühl transportiert sie? „Wir kreieren musikalische Hybride. Unsere Songs sind tanzbar. Vielleicht ist ja auch der Stadion-Campino in unseren Hinterköpfen? Unsere Musik steht für alles, was gerade so passiert; das Kaputte ist in etwas Schönem verpackt“, sagt Leonard. Und Jonas: „Die EP spiegelt diese Ups und Downs wider. Nach einem Love-Song wird es wieder melancholisch. Komplett unbewusst spiegelt sich wohl das letzte Jahr wider.“

Ein Satz sticht auf ihrem Infoblatt hervor: „Brüder, ganz gleich und gleichzeitig ganz anders“. Ihre Musik ließe sich nicht besser umschreiben – gleich und gleichzeitig ganz anders. Ihre EP „Zwei Sekunden Pause“ dauert immerhin 15 Minuten und 30 Sekunden. 15 Minuten und 30 Sekunden, die diese Welt ein wenig schöner werden lassen. 

„Zwei Sekunden Pause“ kann als CD, Vinyl oder Bundle über die Homepage www.ottolienmusik.de bestellt werden.

Text: Bernd Schwope
Bilder: Niklas Wittig