Burgdorfs Bus fährt automatisch

04. Juni 2026 / Mobilität

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Bild: Oliver Züchner

Text: Oliver Züchner

Im Norden der Region Hannover fährt Deutschlands erster Linienbus im vollautomatisierten Betrieb. Bevor die Testphase Ende Juni 2026 endet, sind wir Probe gefahren.

Üstra-Busfahrer Stephan Schulz-Salewski faltet die Hände. Nicht weil er vor lauter Angst ein Stoßgebet zum Himmel schicken würde, sondern weil er ganz bei der Sache ist. Ständig behält er die Straße, die anderen Verkehrsteilnehmer und den Bus im Auge. Denn im Fall des Falles gilt es, schnell einzugreifen. „Man muss als Testfahrer zugleich die Kontrolle abgeben und behalten. Das macht es spannend“, sagt er.

Dabei fährt sein Elektrobus nach vielen Monaten Testbetrieb und diversen Updates der Steuersoftware inzwischen meist selbstständig durch Burgdorfs Straßen, mehr oder minder parallel zur Stadtbuslinie 906. So hat er Zeit, den Fahrgästen – darunter zwei Moderatoren von Radio ffn – Rede und Antwort zu stehen, ebenso wie der technischen Aufsicht: Ingenieur Ali Tahtakıran. „Wir sind immer zu zweit“, sagt Tahtakıran, der während der Fahrt seinen Monitor im Blick behält. „Hier kann ich sehen, wie die Systeme des Busses die Außenwelt wahrnehmen. Und, wenn notwendig, eingreifen“, erklärt er.

Maximal gemütlich

Seit September 2025 dreht der nur acht Meter lange Bus des türkischen Herstellers Karsan seine Runden. Es ist der erste Bus, der auf Deutschlands Straßen vollautomatisiert im Testbetrieb unterwegs ist. So fährt er in der Regel werktags jede Stunde vom Bahnhof aus die rund sechs Kilometer lange Strecke mit zehn Haltestellen ab. Vorbei am Schulzentrum und am Stadtfriedhof geht es über die Wallgartenstraße mit gemütlichen 35 km/h Höchstgeschwindigkeit wieder zurück zum Bahnhof.

An diesem sonnigen Apriltag ist der Bus voll: Denn neben den Medienleuten fahren auch Vertreter der Region Hannover mit, die das vom Bundesverkehrsministerium mit 3,7 Mio. Euro geförderte Projekt nach Burgdorf geholt hat. Meist aber ist der Bus recht leer. Erst 1.000 Personen hat der „autonome Linienbus“, kurz „Albus“, seit dem Start des Testbetriebs befördert. Bei unserer Fahrt steigt ein einziger weiterer Fahrgast unterwegs zu. Doch Projektleiter Lukas Arndt stört das wenig. „Mehr Fahrgäste wären natürlich toll“, so Arndt. „Aber wir können den regulären Bus nicht durch den Albus ersetzen, zumal sich die Fahrgäste vor der ersten Fahrt einmalig registrieren müssen. Aus Haftungs- und Genehmigungsgründen.“

Bitte festhalten!

Tatsächlich ist der Bus vor allem unterwegs, um seine Systeme zu testen. „Burgdorf ist ein hartes Pflaster“, sagt Arndt lächelnd. „Autos, Radfahrer und Fußgänger nutzen oft dieselben Bereiche. Da muss der Bus zeigen, was er kann.“ Darüber hinaus werden fleißig Daten gesammelt: über jeden Meter Fahrtstrecke und auch über jede Entscheidung, die Busfahrer und technische Aufsicht treffen.

Denn weiß der Bus – trotz geballter Rechenpower der vier Hochleistungsrechner an Bord – nicht auf eine Situation zu reagieren, bremst er sicherheitshalber ab. Und zwar kräftig. Weshalb von den Fahrgästen gefordert wird, sicherheitshalber immer sitzen zu bleiben und sich festzuhalten. Tatsächlich kommt der Bus bei dieser Fahrt einmal zum Stehen, als ihm ein Paketbote vor die Nase fährt.

Die Auswertung der Daten erfolgt bei der Firma Adastec, einer Partnerfirma von Karsan. Dort, in Istanbul, laufen aber nicht nur die Daten aus Burgdorf auf, sondern auch von weiteren Testbussen, die zum Beispiel in Rotterdam und Stavanger unterwegs sind. Am Ende stehen Updates, die alle paar Wochen weltweit ausgespielt werden und die Fähigkeiten des Albus ein wenig weiter verbessern.

Alles redundant

„Früher bereitete dem Bus das Befahren der Kreisverkehre einige Probleme. Heute klappt das reibungslos“, sagt Ingenieur Tahtakıran. Die Einfahrt in die Bushaltestelle ist heute ebenfalls schneller möglich, ebenso die Erkennung der Ampelsignale. Nur das Überholen von Fahrzeugen, die sich langsam vor dem Bus bewegen, gelingt ihm noch nicht. „Da bleibt der Bus stehen, bis ich die Freigabe erteile. Dann darf der Busfahrer das Fahrzeug per Hand steuern und vorbeifahren“, erklärt der Ingenieur. Mit einem der nächsten Updates könnte das Problem behoben werden. Vielleicht erreicht der Bus dann auch die 40 km/h, die der Elektroantrieb im automatisierten Modus hergibt.

Wunder der Technik

Nach knapp 35 Minuten erreicht der Bus den Burgdorfer Bahnhof. Tahtakıran nimmt sich die Zeit, um die Sicherheitstechnik zu erklären. „Alles ist redundant ausgelegt“, sagt der Ingenieur. „Wenn ein System ausfällt, übernimmt ein anderes.“ Die Erkennung der Ampeln erfolgt durch mehrere Kameras in der Frontpartie des Fahrzeugs. Auf dem Dach und an den Fahrzeugecken wiederum sind LIDAR-Sensoren installiert: Sie erstellen mittels Laserstrahlen ein dreidimensionales Abbild der Umgebung in Echtzeit.

„Personen, Gegenstände, Fahrzeuge: Das kann alles der Laser detektieren“, erklärt Tahtakıran. Schließlich gibt es ein Radarsystem, das ein unsichtbares Sicherheitsnetz um das Fahrzeug spannt: Es reagiert auf alles, was sich dem Bus auf mehr als 15 Zentimeter nähert.

Perspektiven

Ende Juni 2026 fährt der Albus das letzte Mal. Und dann? „Die Details klären wir gerade. Es soll auf jeden Fall weitergehen“, sagt Projektleiter Arndt. Möglicherweise wird der Testbetrieb in Burgdorf auf drei Testfahrzeuge ausgeweitet. Vielleicht aber fahren die Busse auch in einer anderen Kommune.

Bis der Albus aber nicht nur vollautomatisiert fährt, sondern wirklich autonom, werden noch einige Jahre vergehen. „Das kann gut und gerne zwei bis vier Jahre dauern, bis wir die weiteren Genehmigungen haben“, sagt er. Doch sobald diese vorliegen, braucht es keinen Testfahrer und keinen Ingenieur mehr an Bord. Doch Tahtakıran beruhigt: „Von der Leitstelle aus wird weiterhin jederzeit ein Mensch eingreifen können.“

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