Der Wolf ist zurück in der Region Hannover

7. Oktober 2020

Beim Thema Wolf erhitzen sich schnell die Gemüter. „Wolfskuschler – alles Großstädter und keine Ahnung vom Landleben“, sagt die eine Fraktion über die andere. „Wolfshasser – der Wolf gehört nach Deutschland“, gibt die andere Fraktion zurück. Die Fronten sind verhärtet. Feststeht: Der Wolf ist zurück in der Region Hannover und er wird bleiben. So sieht es die rechtliche Situation vor. Damit stellt sich aber auch die Frage: Wie können wir mit der neuen Situation umgehen, damit alle – Bevölkerung, Jäger und Tierhalter – in überwiegend friedlicher Nachbarschaft mit dem Wolf leben können?

37 Wolfsterritorien wurden im Monitoringbericht in Niedersachsen aktuell bestätigt: 35 Wolfsrudel und 2 Wolfspaare. Im Landkreis Hannover ist bislang ein Rudel in Burgdorf bestätigt. Mit dem Monitoring wird seit 2011 durch die Landesjägerschaft Niedersachsen e. V. (LJN) in Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Wolfsberatern und im Auftrag der Landesregierung die Rückkehr des Wolfes wissenschaftlich dokumentiert. Sichtungen, Fotofallenaufnahmen, Risse oder Losungssuche helfen, das lokale Wolfsvorkommen zu analysieren. Die gesammelten Daten über die Wolfsvorkommen werden vom Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ausgewertet, dokumentiert und gesichert. Dadurch sind Aussagen über seine Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen nachgewiesenen Tieren, zu seiner Herkunft und zum Wanderverhalten möglich. Der NLWKN tritt so Gerüchten entgegen, die in Niedersachsen lebenden Wölfe seien ausgesetzt oder gezielt ausgewildert worden.

Höchstmöglicher Schutzstatus

Der Wolf ist durch die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Deutschland ist verpflichtet, langfristig einen lebensfähigen Bestand der Wölfe aufzubauen, den sogenannten „günstigen Erhaltungszustand“. Bei Verstößen sind je nach Vergehen Strafen von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug oder hohe Geldbußen möglich. Damit besitzen Wölfe in Deutschland den höchstmöglichen Schutzstatus. Ob der Wolf noch immer vom Aussterben bedroht ist, ist allerdings fraglich, denn er breitet sich zunehmend erfolgreich aus. Eine Habitatsanalyse von Deutschland ergibt jedoch, dass in Norddeutschland noch zahlreiche Flächen frei sind, auf denen sich der Wolf ansiedeln könnte. Deutschland ist noch lange nicht vollflächig besetzt. Vielen Menschen wird die Vorstellung, dass noch viel Platz für den Wolf ist, nicht behagen. Insbesondere drei Konfliktkreise haben sich in der Vergangenheit herauskristallisiert: Wolf und Bevölkerung, Wolf und Jäger und – der größte Konfliktbereich – Wolf und Nutztierhalter.

Dass Wölfe den Mond anheulen, ist ein Mythos. Das Heulen dient der Kommunikation und ist bis 15 Kilometer weit zu hören.

Konflikt mit Tierhaltern

Ein Wolf ist inzwischen in der Region Hannover nahezu jedem Tierbesitzer bekannt: der Rodewalder Rüde – „GW717m“ wie er offiziell bezeichnet wird. Anfangs riss er ungeschützte Schafe. „Ich dachte zu dem Zeitpunkt: Wenn die Schafe nicht geschützt waren, ist es auch kein Problemwolf“, sagt Frank Faß, Wolfsexperte aus dem Wolfcenter Dörverden. „Als dann die Angriffe auf größere Tiere folgten, habe ich meine Meinung geändert. Dann muss er entnommen werden. Aber: Es hätte vielleicht nicht so weit kommen müssen, wenn von Anfang an die Schafe ausreichend geschützt worden wären.“ Schutz durch wolfsabweisende Weidezäune – ein heiß diskutiertes Thema unter Weidetierhaltern. Grundsätzlich sind sie verpflichtet, Hütesicherheit herzustellen. Diese ist nicht automatisch gleichzusetzen mit wolfsabweisendem Schutz.

Doch häufig lässt sich ein Zaun, der den Hüteschutz erfüllt, zu einem Wolfsschutzzaun erweitern. Der Tierhalter muss sich diesbezüglich allerdings aktiv erkundigen und beraten lassen. „Bei Schafherden sind beispielsweise Elektronetze gute fachliche Praxis. Diese Zäune leisten automatisch Wolfsabwehr, wenn sie gut gestrafft, verankert und unter Strom sind“, erklärt Frank Faß. „Das A und O zum Schutz vor Wolfsangriffen – und das betonen wir wieder und wieder – ist der Zaunbau. Eine Garantie, dass nichts passiert, gibt es zwar auch damit nicht. Als Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik weiß ich, dass es im Flugzeug eine 99,9-prozentige Wahrscheinlichkeit gibt, dass ich gesund an meinem Ziel ankomme. Aber es gibt eben auch die 0,1-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es nicht so kommt. Dennoch steige ich ins Flugzeug. Und vergleichbar ist es mit dem Wolfsschutz: Ein anerkannter wolfsabweisender Zaun ist keine Garantie, dass kein Angriff stattfindet. Die Angriffswahrscheinlichkeit lässt sich aber deutlich reduzieren.“

Relative Verteilung von Beutetierresten in Wolfslosungen (© Steinberg & Reding)

Uneinheitliche Förderung

In der Regel werden Maßnahmen zum Herdenschutz für die durch Wölfe besonders gefährdeten Nutztierarten Schafe, Ziegen und Gehegewild gefördert. Eine Förderung von Herdenschutzmaßnahmen für Rinder oder Pferde ist dagegen nur möglich, wenn drei amtlich bestätigte Wolfsübergriffe auf Rinder oder Pferde innerhalb von 12 Monaten in einem Umkreis von 30 km auftreten. „Das klingt nach einer Benachteiligung von Pferde- und Rinderhaltern. Nach dem Motto ‚Es muss erst etwas passieren, dass sich etwas bewegt.‘ Die Regelung ist daraus entstanden, dass die Wolfsangriffe auf Großtiere extrem selten sind. Aus Sicht des Wolfsmanagement wäre es aber äußerst wünschenswert und hilfreich, wenn Gelder zur Verfügung gestellt würden, um einen wolfsabweisenden Grundschutz zu errichten. Da ist die Politik gefragt“, erläutert der Wolfsexperte.

„Man kann aber auch in Eigenleistung schon viel bewirken. Das ist ein Mehraufwand und kostet Zeit – in unserer beschleunigten Welt, in der sowieso oft Zeitmangel herrscht, ist das durchaus eine Herausforderung. Und: Man muss plötzlich sein Leben umstellen. Da kommt ein Wolf um die Ecke und plötzlich soll ich mich verändern. Es bleibt mir keine freie Wahl mehr – das trifft häufig auf Ablehnung. Aber wir kommen da nicht drumrum. Tierhalter müssen umdenken. Beim Rodewalder Rüden ist leider das Kind bereits in den Brunnen gefallen.“

Wölfe ziehen in einem hochsozialen Gefüge – ähnlich einer Kleinfamilie – ihren Nachwuchs auf. Strenge Hierarchien mit Alpha- und Omegatier wurden nur bei Gehegewölfen beobachtet.

Generationenübergreifendes Jagdverhalten?

Eine Frage, die viele Tierhalter im Bereich des Rodewalder Rudels beschäftigt: Hat GW717m sein Jagdverhalten, Großtiere anzugreifen, bereits an seine Nachfahren weitergegeben? Eine Beantwortung ist nicht eindeutig möglich. Besteht bei einem Weidetier der Verdacht auf einen Wolfsangriff, wird ein Wolfsberater hinzugezogen, der mit einer Speichelprobe genetisches Material sammelt. Reichen Menge und Qualität der Probe aus, kann nachgewiesen werden, ob es sich um einen Wolf handelt und idealerweise sogar, um welches Individuum. Es lässt sich aber kaum nachweisen, zu welchem Zeitpunkt dieser Wolf am Beutetier war. War er an der Jagd beteiligt, hat er das Opfer gerissen oder kam er vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt dazu und hat lediglich davon gefressen? Frank Faß erklärt: „Pauschal lernt der Nachwuchs nicht ‚Heute machen wir Pferde platt.‘ In Vechta gab es eine Wolfsfähe, die über Zäune klettert und springt, was ein sehr ungewöhnliches Verhalten ist. Das ist – unseres Wissens nach – nicht auf die Welpen übergegangen. Aber auch hier können wir nicht sagen ‚Das passiert immer‘ oder ‚Das passiert nie‘. Es ist nichts ausgeschlossen.“

Legale Entnahme

Der Wolfsexperte betont jedoch: „Wird der Wolf zu einem echten Problem, muss dieses Problem mit Augenmaß bewertet und notfalls auch mit einer Entnahme – der geschönte Ausdruck für eine Tötung – gelöst werden.“ Das ist aber häufig gar nicht so einfach, wie die misslungene Entnahme von GW717m zeigt. Nach 14 Monaten erfolgloser Suche lief die Ausnahmegenehmigung zur Tötung ab. 100.000 Euro wurden für die Suche aufgewendet. „Wölfe sind extrem vorsichtig. Das erlebe ich selbst bei unseren Gehegewölfen. Sie haben eine Art siebten Sinn, wenn etwas für ihr Empfinden nicht stimmt, und ziehen sich schnell zurück.

Erschwerend kommt bei einer Entnahme hinzu, dass Wölfe im Winterfell praktisch alle gleich aussehen. Der zu entnehmende Wolf muss aber vor seiner Tötung zweifelsfrei identifiziert werden“, erzählt Faß. „Hilfreich wäre eine bundeslandübergreifende Zusammenarbeit. Mein Wunsch wäre eine kleine Gruppe von Experten, die deutschlandweit von Fall zu Fall zieht und sich kümmert, wenn ein Tier gefangen oder entnommen werden muss. Der Erkenntnisgewinn bleibt gering, wenn alles innerhalb eines Bundeslandes bleibt, denn so viele Problemwölfe gibt es nicht. Umso wichtiger wäre eine Bündelung der Kompetenzen im Sinne der Tiere, aber auch der Bevölkerung.“

Messbare Zahlen gegen irrationale Angst

Der Wolf hat ein Imageproblem. Bereits Kinder erfahren in Märchen wie „Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ vom bösen Wolf. Und auch heute noch ist der Wolf Projektionsfläche zahlreicher Ängste. Frank Faß orientiert sich gerne an Zahlen und Fakten: „Ich glaube an die Realität. Wir sollten uns bei der Bewertung der Rückkehr des Wolfes von statistischen Wahrscheinlichkeiten leiten lassen, nicht von irrationaler Angst.“ Die Wahrscheinlichkeit eines Wolfsangriffs auf den Menschen ist extrem gering. Zwischen 1950 und 2002 sind europaweit neun Menschen durch einen Wolf ums Leben gekommen.

Zum Vergleich: Jedes Jahr sterben allein in Deutschland über 3.000 Menschen an Verkehrsunfällen. Im Jahr 2019 gab es in Deutschland 245 Mordopfer. Die Angst vor dem Wolf ist rational nicht begründet. Auch einen negativen Effekt auf den Tourismus hätte man bereits seit 2012 feststellen müssen. „Es ist vergleichbar mit der Sorge innerhalb der Jagdszene, dass Jäger ihr Revier nicht mehr pachten wollen. Aber die Pachtbeträge sind seit der Rückkehr des Wolfes nicht geschrumpft. Wir müssen den Wolf als das sehen, was er ist: ein großes Raubtier. Aber er ist keiner, der die hübsche Blondine hinter der Turnhalle vom Fahrrad zieht und auffrisst“, erklärt Faß mit einem Augenzwinkern.

Raubtier? Ja. Böser Wolf? Nein. Der Wolf ist Projektionsfläche zahlreicher – teilweise irrationaler – Ängste und hat ein Imageproblem.

Erfolgreiches Wildtiermanagement

Besonders am Herzen liegen Frank Faß die Aufklärung und Beratung der Tierhalter: „Man müsste von Hof zu Hof gehen, um Tierhalter zu beraten. Aber selbst wenn ich das ehrenamtlich machen würde, bräuchte ich dazu die Kontakte der Tierhalter, die aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht herausgegeben werden. Solange die Problematik des Herdenschutzes nicht gelöst ist, wird eine Diskussion über den Wolf immer wieder aufs Neue aufkommen. Selbst eine Bejagung löst das Problem für Nutztierhalter nicht, denn wenn Jungtiere entnommen werden, jagen die Elterntiere weiter. Und wenn Elterntiere entnommen werden, wird eine intakte Rudelstruktur zerstört, was deutlich höhere Risiken birgt.“ Sein Wunsch für die Zukunft: Alle sollten gewillt sein, an einen Tisch zu kommen – Vertreter der verschiedensten Interessensgruppen aus den Bereichen Bundes- und Landesverwaltung, Landwirtschaft, Jagd, Naturschutz, Tourismus. „Mit den meisten Menschen kann man reden, auch wenn man unterschiedlicher Auffassung ist. Aber genau diese Kommunikation bringt uns weiter und lässt uns brauchbare und akzeptierte Lösungen finden. Es ist ein dynamischer Prozess, der stets aufrecht erhalten werden muss. Ein übertriebener Tierschutzgedanke, aber auch Hass auf Wölfe bringt uns nicht an einen Tisch.“

Der Erfolg des Wildtier-Managements hängt ab von der Transparenz des gesamten Ablaufs, dem Einsatz der Interessengruppen, der fachlichen Kompetenz und dem gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsgefühl der Beteiligten. Auch die Vorstellungen der Bevölkerung sollen in den Managementplan einfließen. Frank Faß fasst seine Vorstellung zusammen: „Wir zwingen niemanden, seinen Standpunkt zu verändern – laden Sie aber herzlich dazu ein. Wir wissen, dass es für ein dauerhaftes Leben von wildlebenden Wölfen in Deutschland noch Probleme zu lösen gilt. Diese Lösungen sind nicht immer und überall von heute auf morgen realisierbar, denn wir Menschen müssen nach und nach wieder erlernen, mit Wölfen in Deutschland zusammenzuleben. Es ist jedoch möglich.

Text: Susanne Bührer/Bilder: Wolfcenter Dörverden

Verlosung: 3 x 2 Eintrittskarten für das Wolfcenter Dörverden (Gültig bis Ende 2020)

Frank und Christina Faß betreiben seit 2010 das Wolfcenter im niedersächsischen Dörverden – ein deutschlandweit einmaliges Konzept aus Wildpark, interaktiven Ausstellungen, Tagungszentrum, Übernachtungsmöglichkeiten z. B. im Baumhaus oder Tipi und Restaurant. Besucher erfahren mehr über Verhalten, soziale Strukturen und den Lebensraum von Wölfen. In seinem Buch „Wildlebende Wölfe – Schutz von Nutztieren“ beantwortet Frank Faß verschiedene Fragestellungen rund um den Herdenschutz.

Wir verlosen 3 x 2 Eintrittskarten für das Wolfscenter Dörverden. Senden Sie zur Teilnahme bis zum 15. Oktober 2020 eine E-Mail an verlosung@radius30.de mit dem Betreff „Wolf“.