Ein Colt und (s)ein Cruiser

16. September 2021

Fußballbegeisterten und insbesondere Anhängern von Hannover 96 gilt Jörg Sievers als Pokalheld und Torwartlegende. Dass „Colt“, wie er in Anlehnung an die Hauptfigur Colt Seavers aus der Fernsehserie „Ein Colt für alle Fälle“ bis heute von Fans genannt wird, auch passionierter Motorradfahrer ist, wissen dagegen eher wenige. Dabei hat der 55-Jährige in Sachen Motorrad einige interessante Geschichten zu erzählen, die vom wartungsbedürftigen Mokick über die bei eBay ersteigerte Enduro bis hin zur jüngst entdeckten Faszination für einen Cruiser reichen.

radius/30: Herr Sievers, auch wenn Fußball heute eigentlich nicht unser Thema ist: Für viele Fans von Hannover 96 sind Sie nach wie vor eine Identifikationsfigur. Freut Sie das – oder sagen Sie, das ist schon zu lange her?

Jörg Sievers: Doch, das freut mich nach wie vor. Immerhin habe ich ja sehr lange für Hannover 96 gespielt. Da ist es schön zu wissen, dass man Spuren hinterlassen hat und vielen Menschen positiv in Erinnerung geblieben ist. Es ist auch eine Bestätigung für die guten Leistungen während meiner Zeit als Spieler. Und klar werde ich immer wieder auch noch mal um ein Autogramm gebeten – aber im Alltag spielt die Profizeit ansonsten natürlich keine Rolle mehr.

Im vergangenen Jahr sind Sie nach Schottland gegangen, um als Co-Trainer mit Ihrem ehemaligen Mannschaftskameraden Daniel Stendel den Verein Heart of Midlothian im schottischen Edinburgh zu betreuen. Was hat Sie dazu bewogen?

Wenn man über 30 Jahre für denselben Arbeitgeber tätig gewesen ist, erst als Spieler, dann als Torwarttrainer, fragt man sich irgendwann unwillkürlich: Machst Du das hier jetzt bis zur Rente, oder willst Du Dir vielleicht noch mal etwas anderes angucken, etwas anderes erleben? Dann kam das Angebot aus Schottland, und ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Ich habe die Entscheidung auch nicht eine Sekunde bereut: Edinburgh ist eine großartige Stadt, die Menschen sind herzlich und ähnlich fußballbegeistert wie bei uns und im Vereinsumfeld hat auch alles gestimmt. Insofern habe ich mich dort sehr wohlgefühlt – dann kam Corona, sonst wäre ich wohl heute noch in Schottland. Insgesamt war es eine tolle Erfahrung, die ich auf gar keinen Fall missen möchte.

Vom Mokick …

Kommen wir zum Motorradfahren. Wann haben Sie den Führerschein gemacht und was war Ihr erstes motorisiertes Zweirad?

Ich habe mit 16 Jahren den Führerschein der Klasse 1b gemacht, um „80er“ fahren zu können, also Leichtkrafträder mit Hubraum bis zu 80 cm3. Mein erstes Fahrzeug war eine Kreidler Florett, ein seinerzeit weit verbreitetes Mokick. Ich komme aus einem 1.000-Seelen-Dorf in der Lüneburger Heide, und auf dem Land kommt man teilweise nur schwer von A nach B. Die Florett bedeutete ein großes Stück Freiheit und Selbstständigkeit, es war toll, endlich mobil zu sein. Und natürlich ging es nicht nur mir so, denn der gesamte Freundeskreis war motorisiert.

Für viele gehört neben dem Fahren auch das Schrauben zum Hobby. Wie war das bei Ihnen – an so einer Florett war bestimmt öfter mal etwas zu machen?

Na klar! Meine Florett war auch ein relativ altes Teil, insofern wurde da ständig dran geschraubt. Von mir selbst aber eher selten, da bin ich technisch nicht so gut. Also war es dann oft ein Freund oder der Nachbar, der den Vergaser gereinigt oder die Zündung neu eingestellt hat. Ich stand meist daneben und habe zugeguckt … mein Motto war, ich lasse schrauben! (lacht)

Wie lange sind Sie die Florett denn gefahren?

Bis ich den Führerschein Klasse 3 gemacht habe und zum Auto gewechselt bin – man hatte ja sofort eine viel größere Reichweite, das Auto bot mehr Komfort und auch Wind und Wetter konnten einem nichts mehr anhaben. Insofern habe ich das Mokick gegen ein Auto eingetauscht. Beides zu unterhalten hätte ich mir nicht leisten können, das wäre viel zu teuer gewesen. Bevor es mit dem Fußball richtig losging, habe ich als Groß- und Außenhandelskaufmann gearbeitet – da waren die finanziellen Mittel einigermaßen überschaubar.

… über eine Enduro …

Und was war dann Ihr erstes „richtiges“ Motorrad?

Das war eine lange Zeit überhaupt kein Thema. Ich bin viele Jahre so gut wie gar kein Motorrad mehr gefahren, denn als Fußballprofi ist das Verletzungsrisiko viel zu groß, weshalb Trainer das entsprechend ungern sehen. Dasselbe gilt auch fürs Skifahren, früher enthielten Verträge mitunter sogar Klauseln, dass man entsprechende Aktivitäten unterlassen sollte. So etwa vor 20 Jahren, gegen Ende meiner aktiven Zeit, meldete sich die Motorradleidenschaft allerdings wieder zurück. Mein erstes richtiges Bike war dann eine 650er-Aprilia – eine Enduro, die ich bei eBay ersteigert hatte, und die erstaunlich gut in Schuss war.

Sind Sie dann bei einer Enduro geblieben?

Zunächst ja, die Aprilia bin ich einige Jahre gefahren. Irgendwann schaute ich dann bei BMW rein, wo ich die 650 GS für mich entdeckt habe, die ja ebenfalls eine Enduro ist. Aktuell fahre ich eine 1200 ST, einen Sporttourer, mit dem ich mich sehr wohl fühle. Handling und Kurvenverhalten sind sehr gut, das passt einfach gut zu meinem Fahrstil. Eine Sportmaschine ist eher nichts für mich. Ich will auch keine Geschwindigkeitsrekorde brechen, sondern sicher ans Ziel kommen – schließlich ist die Gesundheit unser höchstes Gut. Insofern versuche ich immer, sinnig und vorausschauend zu fahren.

Thomas Max Müller | pixelio.de
Eine Kreidler Florett: Die Typenbezeichnung Florett wurde von Bruno Moravetz, dem damaligen Leiter der Kreidler-Presseabteilung, entwickelt.

… zum Cruiser

Mit der R 18 steht jetzt ein Cruiser für die Probefahrt bereit. Wie gefällt Ihnen die Maschine?

Was soll ich sagen, die R 18 ist ein echter Hingucker, die sieht in echt noch viel besser aus als auf den Bildern! Insofern brauchte ich auch gar nicht lange nachzudenken, als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, das Moped mal Probe zu fahren – na klar hatte ich Lust! Ich freue mich schon sehr auf die Fahrt und denke, dass das bestimmt großen Spaß machen wird. Gleichzeitig bin ich auch gespannt, wie ich mit dem Handling zurechtkommen werde, ein Cruiser ist ja doch was ganz anderes als ein Tourer – aber da lasse ich mich mal überraschen.

Gibt es bestimmte Ausflugsziele, die Sie immer wieder ansteuern?

Eher nicht. Natürlich freue ich mich, wenn ich mal zum Motorradfahren komme, doch es ist immer mehr als ein reiner Zeitvertreib. Vielmehr nehme ich mir immer ein konkretes Ziel vor – meist nutze ich das Motorradfahren, um Freunde, Verwandte oder Bekannte zu besuchen, und das im Radius von etwa 100 Kilometern. Somit fahre ich dann pro Tour bis zu 200 Kilometer, spüre den Fahrtwind und genieße die Landschaft, so ist das für mich genau richtig. Klar bin ich ansonsten auch schon mal gern mit einer Gruppe unterwegs, aber ich fahre auch gerne mal alleine – unterhalten kann man sich während der Fahrt ja eh nicht. (lacht)

Derzeit wird diskutiert, dass Motorräder weniger Lärm machen sollen, dass Tuning verboten werden soll, wenn Motorräder dadurch erheblich lauter werden. Teilweise sind auch Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen im Gespräch. Wie sehen Sie das?

Man muss das Thema differenziert betrachten. Eines ist klar: Motorradfahrer wollen auf den Klang ihres Mopeds nicht verzichten, denn der ist integraler Bestandteil und gehört einfach dazu. Die R 18 ist da ein gutes Beispiel – was für ein kraftvoller Sound! Gleichzeitig sollten Bikes aber natürlich nicht übermäßig laut sein. Mal angenommen, ich würde am Nienstädter Pass leben und am Sonntag donnern dann stündlich zwei Dutzend Motorräder an meinem Haus vorbei, die lauter sind als ein Lkw – das würde mich vermutlich auch nerven. Grundsätzlich bin ich aber kein Freund von pauschalen Verboten. Die können auch sicher vermieden werden, wenn man das Thema mit Augenmaß angeht und die Beteiligten an einen Tisch bringt, um sinnvolle Lösungen für alle zu finden.

Am heutigen Pfingstmontag haben wir endlich mal schönes Wetter und angenehme Temperaturen. Cruisen Sie eventuell noch heute mit der R 18 durch die Region?

Ja, heute wäre sicher ein guter Tag für eine Ausfahrt. Doch noch steht die R 18 nicht bei mir, und am Feiertag genieße ich natürlich die Zeit mit meiner Familie. Aber morgen wäre ich sofort dabei! Ich kann auch alle Biker verstehen, die sehnlich darauf warten, dass die Saison endlich richtig losgeht, und wünsche allen allzeit gute Fahrt!

Das wünschen wir Ihnen auch. Vielen Dank für das Interview, Herr Sievers!

Interview: Stathi Vassiliadis