Energien, die zusammenfließen

01. Dezember 2023 / Kultur

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Bild: Jürgen Brinkmann

Ein Atelier- und Studiobesuch bei Anne Nissen (Künstlerin) und Steffen König (Filmemacher)

Beim Betreten des Ateliers von Anne Nissen an der Schörlingstraße fällt der Blick als erstes auf ein großformatiges rechteckiges Bild in Blautönen. Verschlungene Linien, Farbkleckse, mit breitem Pinsel aufgetragene Flächen, dazwischen zarte Tuschelinien. Beim näheren Betrachten bekommt das Werk eine dreidimensionale Tiefe, das Auge folgt den verschiedenen Richtungen und es entsteht eine Dynamik wie fließendes Wasser.

„Es geht um Bewegung und Rhythmus, um Makro- und um Mikrokosmos. Wie bei einem Orchester – mal laut, mal leise. Es gibt nur diesen einen Moment, von dem aus sich alles Weitere entwickelt“, erzählt die Künstlerin und weist auf ihren Arbeitstisch. Dort stehen Flaschen mit verschieden abgetönten Tuschen in Blau- und Brauntönen und in verschiedenen Stärken, daneben Pinsel in allen Größen in Gläsern. „Wasser fasziniert mich – wir bestehen ja zum Großteil aus Wasser und mich interessiert, wie es sich auf dem Papier verhält und entwickelt. Und Tusche ist direkt und ehrlich im Gegensatz zu Öl, wo vor allem nur die obere Schicht zu sehen ist“, berichtet sie.

An der Wand auf der linken Seite ist eine Collage zu sehen, die wirkt, als habe ein Kind das Geschenkpapier aufgerissen, um zu schauen, was sich darunter verbirgt. Ein anderes Bild ist mit zarten Graphitlinien bedeckt, die leicht irritierend auf das Auge wirken. Nach kurzer Zeit des Hinsehens tauchen Figuren hinter den Linien auf und werden deutlicher. Malerei, Zeichnung und Objekte sind neben den groß angelegten Videoinstallationen die wesentlichen Ausdrucksformen der aus Flensburg stammenden Künstlerin.

„Die meisten Künstler können vor allem dann arbeiten, wenn es ihnen schlecht geht, bei mir ist es andersherum“, verrät Anne Nissen lächelnd und zeigt auf das Tusche-Werk. „Ich arbeite hier sehr intuitiv, da nur kurze Zeit zur Verfügung steht. Das reizt mich und ist ein sensibler Prozess – machen, gucken, spüren, weitermachen“. Sie brauche den konzentrierten Moment, der keine Ablenkung duldet. „Das Material bestimmt den Weg“, ergänzt sie. Inzwischen ist ihr Mann Steffen König hereingekommen und hört zu, während er drei Kaffeetassen auf einen Holztisch vor das große, der Fensterfront zugewandte Sofa stellt. „Für mich ist es der eingefrorene Moment, der aus dem geführten Zufall entsteht, der deine Bilder ausmacht“, meint er. „Steffen spricht meine Sprache“, bestätigt Anne Nissen. „Und ich verstehe ihr Vokabular“, antwortet er.

Steffen König arbeitet als freier Filmeamacher und produziert Filmporträts und Dokumentationen, zusammen haben die beiden große Videoinstallationen realisiert – in Kirchen, an Türmen, oder auch im Kesselhaus auf dem Faustgelände der ehemaligen Bettfedernfabrik in Linden. Die Ideen kommen durch das Entdecken besonderer Räume. „Wir saßen vorm ‚Fischer’s‘ an der Limmerstraße und sahen, wie die 10 vorbeifuhr und hielt. Da kam uns der Gedanke zu der Videoinstallation, die dann im Kesselhaus gezeigt wurde“, erinnert sich Anne Nissen. Die beiden fotografierten die Fenster der Straßenbahn an verschiedenen Haltestellen in dem Moment, an dem sie anhielt. Daraus entwickelte Steffen Videospuren, die wie Paternoster die 14 Meter hohen Wände auf und abfahren und auf dem Boden weiterlaufen. Zu erkennen sind maskierte Gesichter, die aus den Fenstern schauen oder nach vorn gebeugt vermutlich auf ihr Handy starren. „Es war März und die letzte Woche, an der noch Maskenpflicht herrschte, jetzt scheint das so lange her zu sein“, erzählt Steffen König. Die Wirkung ist beeindruckend, nicht zuletzt wegen der Höhe des Kesselhauses und der gegenläufigen Abfolge der Videospuren. Auch hier findet sich das Zusammenspiel von Bewegung und dem eingefrorenen Moment wieder. Die technische Umsetzung ihrer Ideen kommt dem studierten Bauingenieur meist in einem besonderen Moment: „Im Halbschlaf!“.

Um zu erfahren, wie er arbeitet, gibt es einen Orts- und Szenenwechsel vom Atelier in der Schörlingstraße zur Wohnung der beiden im Ahrbergviertel. Sein Studio wird dominiert von sieben unterschiedlich großen Bildschirmen, auf dem langen Schreibtisch links an der Wand liegt eine bunte Tastatur, daneben eine Maus, die aussieht wie ein Schaltknüppel. Das Rechenzentrum befindet sich im Nebenraum, über fünfzig Terrabyte an Daten sind hier gespeichert. Steffen König fährt die Bildschirme hoch und erzählt: „Ich filme schon, seit ich Vierzehn bin und habe bereits in meinem Bauingenieurs-Studium gewusst, dass ich keinen Nine-to-Five-Job in irgendeinem Büro machen will. Wieder angefangen habe ich mit dem Drehen, nachdem ich Anne kennenlernte und dann irgendwann ihre H8-Kamera in die Hand nahm“. Der gebürtige Bade aus Karlsruhe schaut seine Frau kurz an und fährt fort: „Ich bin Autodidakt. Für Kontakte wäre es gut gewesen, zu studieren, aber so habe ich meinen eigenen Stil besser entwickeln können“.

So entstand 2014 sein Kino-Spielfilm „Love Supreme“, in dem die in Hannover gefertigte Düsenberg-Gitarre die Hauptrolle spielt und Musiker wie Peter Maffay oder Marius Müller-Westernhagen zu Wort kommen. „Ich habe bei den Soundchecks vor Auftritten gedreht und das Größte war, dass die Musiker mich nicht bemerkten, sondern ich Teil von dem ganzen wurde!“ Der Einstieg beim Filmschnitt dauere am längsten, erklärt der Regisseur. „Wenn ich die ersten 30 Sekunden habe und im Gefühl bin, dann geht es weiter.“ Anne Nissen ergänzt: „Du hast ja eine ganz eigene Art und eine ganz bestimmte Vorstellung, wie ein Bildausschnitt aussieht.“ Das stimme, bestätigt er: „Ich suche nach bestimmten Einstellungen wie ein Koch, der eine Zutat sucht“.

Königs neuester Film mit dem Titel „Quo Vadis Angeln?“ beschäftigt sich mit einem ganz eigenen Landstrich in Norddeutschland und beleuchtet mit dem Angler Rind eine Rasse, die vom Aussterben bedroht war und hier wieder gezüchtet wird – und von ihren Züchter:innen. Aus 45 Drehtagen und 33 Statements der Landfrauen und Bauern destillierte König diese Dokumentation mit 67 Minuten Spielzeit. Finanziert wurde der Film ohne Fördergelder, rein aus Mitteln, die das Produzenten-Trio, zwei Landwirte und eine Landwirtin, über fünf Jahre eingesammelt hat. „Der Film lief in mehreren Kinos im Norden mit 7000 Besucher:innen, die Resonanz war toll. Ich hoffe, dass er bald auch nach Hannover kommt“, freut er sich.

Bei allen Projekten – ob Film oder Videoinstallation – tauschen sich die beiden intensiv aus. „Am Schönsten ist es, wenn wir uns nur auf den Aufbau der Installation konzentrieren, denn bis zum Schluss bleibt es spannend, wir wissen ja nie, ob alles so klappt mit den Proportionen und den Winkeln. Vor der Vernissage sitzen wir dann stundenlang und schauen, wie es wirkt“, erzählt Steffen König. Und Anne Nissen fügt an: „Wir sind kein Künstlerpaar – jeder hat seins, aber wir arbeiten an Projekten zusammen. Ich könnte es nicht allein und Steffen würde es nicht allein wollen – es sind die Energien, die zusammenfließen, die unsere gemeinsamen Projekte so erfüllend machen“. 

www.annenissen.de
www.shortcut.film

Text: Sonja Steiner

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