Eine Reise ohne Wiederkehr – 6 Jahre nach dem Erdbeben in Nepal

31. Juli 2021

Nina fotografiert zwischen bunten Gebetsfahnen auf den Dachterrassen von Kathmandu

Nina auf den Dachterrassen von Kathmandu.

Nina S. aus Lehrte verabschiedet sich mit Tränen in den Augen von ihrer Familie und übertritt aufgeregt die Schwelle zu ihrem gebuchten Zugabteil. Sie begibt sich auf ihre Reise nach Nepal. Niemals hätte Natalie gedacht, dass sie ihre große Schwester zum letzten Mal sieht.

April 2015. Nina macht sich nach ihrem FSJ in einem Flüchtlingsheim auf ihre vierwöchige Reise, um in Nepal die letzten freien Wochen zu genießen, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Gerade die unzähligen Gebirge und Wanderstrecken haben es ihr angetan. Während des Neujahrsfestes wehen überall im Land bunte Gebetsfahnen – der Wind soll die Gebete und Wünsche in den Himmel tragen. Auf den Dachterrassen von Kathmandu pfeift eine leichte Brise durch Ninas blondes Haar. Sie besucht die prachtvollen Schreine und Tempel – immer umringt von Affen und Kühen, die sich die Stadt mit den Einwohnern teilen. Ihr nächstes Ziel soll das Langtang-Tal sein, eine der beliebtesten Strecken in ganz Nepal. Bepackt mit einem Rucksack und einer Kamera wagt sie den mutigen Schritt durch Nepals Landschaft.

Die Kräfte der Natur – Erdbeben in Nepal

„In Nepal gab es ein Erdbeben.“ Natalie konnte gar nicht realisieren, was diese Aussage bedeutet. Erst Stunden später holte die Realität sie ein – immer mit der Befürchtung, ihrer Schwester könnte etwas zugestoßen sein. „Geht es dir gut? Melde dich bitte.“ Natalie versuchte hoffnungsvoll, Kontakt zu Nina aufzubauen. Doch keine Antwort. „Sie hat keinen Internetanschluss. Durch das Erdbeben ist dort alles zusammengebrochen“, beruhigte ihre Mutter sie, „solange wir nichts von ihr hören, ist erstmal alles gut.“

Links: Ein goldener Tempel mit Gesicht und bunten Gebetsfahnen. Mitte: Tal umringt von Bergen. Rechts: Ein Affe zwischen einer Menschenmenge.
Links: Der Affentempel Swayambhunath. Mitte: Nepals Gebirge. Rechts: Wilde Affen gehören zum Stadtbild.

Eine unendliche Woche der Hoffnung und des Bangens begann – ohne jegliches Lebenszeichen von Nina. Natalie und ihre Familie versuchten, über die Polizei und das Auswärtige Amt Informationen zu erhalten. Nina wurde in Nepal als vermisst gemeldet und über Facebookgruppen herrschte Kontakt mit Reisenden vor Ort. „Wir haben an jedem noch so kurzen Strohhalm festgehalten.“

Abschied auf Raten

Die Ungewissheit fraß Natalie auf, sie redete sich ein, dass Nina nichts passiert ist. Ihr kreisten Gedanken über Ninas Wiederkehr durch den Kopf. „Ist sie vielleicht traumatisiert? Keiner weiß, ob sie einen Überlebenskampf hinter sich hat oder während des Erdbebens in einer Unterkunft Schutz gesucht hat.“ Mit den Tagen, die vergingen, wurde Natalie immer mehr darauf vorbereitet, dass ihre Schwester das Erdbeben schlimmstenfalls nicht überstanden hat. „Ich bin mir sicher, dass sie lebendig gefunden wird und dass sie wiederkommt“, war Natalie überzeugt.

Eine Woche nach dem Erdbeben in Nepal erhielt die Familie die tragische Nachricht: Nina wurde auf ihrer Tour durch das Langtang-Tal vom Erdbeben überrascht und fiel der unvorstellbaren Kraft der Natur zum Opfer – ihre Reise war zu Ende. „Nina war immer so mutig und hilfsbereit. In Nepal wollte sie ihr Leben genießen, Menschen helfen und viele wertvolle Erinnerungen sammeln“, erinnerte sich Natalie.

Links: Nina fotografiert Kühe. Rechts:Viele bunte Gebetsfahnen.
Links: Nina hat ihre Kamera immer dabei. Rechts: Bunte Gebetsfahnen überall in der Stadt.

„Das ist ein Schmerz, den man nicht beschreiben kann.“ Alles um Natalie herum wirkte wie in einem Traum, sie selbst fühlte sich nur noch wie eine leere Hülle. Einzuschlafen war unvorstellbar. In ihren Träumen begegnete ihr Nina oft. Nach dem Aufwachen wurde Natalie jeden Morgen zurück in die Realität katapultiert und erkannte, dass der Traum nicht Wirklichkeit war. „Zu wissen, dass man irgendwie durch diese Tage kommen muss, war ein unbeschreibliches Gefühl“, blickt sie zurück. Nie im Leben konnte Natalie sich vorstellen, dass es wirklich Nina gewesen ist, die unter den knapp 9.000 Todesopfern weilte.

Einen ganzen Monat hatte es gedauert, bis Nina zurück nach Deutschland kam, um beerdigt zu werden. Ein ganzer Monat, der wie ein Film an Natalie vorbeizog. Sie hatte alles um sich herum ausgeblendet, als wäre sie die Zeit über weg gewesen. „Ich hatte nicht das Gefühl, jemals wieder glücklich zu werden.“

Ein schwerer Weg

Erst als Schulbesuche nicht mehr möglich waren, Bauchschmerzen Überhand nahmen und sich immer mehr Ängste entwickelten, suchte Natalie sich ein Jahr nach dem Erdbeben therapeutische Hilfe. Autogenes Training, Gruppen- und Ergotherapie sowie die sozialen Kontakte vor Ort haben ihr geholfen. „Es ist wichtig, die Gefühle zuzulassen – auch mal zu weinen, auch mal alles beschissen zu finden. Und auch sauer auf Nina zu sein. Das waren viele Schrauben, wo ein bisschen dran gedreht wurde.“ Immer, wenn es Natalie schlecht geht, denkt sie daran, dass sie das Schlimmste im Leben schon hinter sich hat. Am Schwersten war es, als Natalie älter wurde als Nina. Es fehlt, dass sie ihrer Schwester nichts erzählen kann und keine Ratgeberin an ihrer Seite hat. „Auch banale Dinge wie Memes zu schicken fehlt mir.“

Natalie und Nina schlendern Arm in Arm durch die Stadt
Natalie und Nina

„Ich fühle mich schlecht, wenn ich sage, dass ich glücklich bin.“ Heute sieht Natalie den schweren Schicksalsschlag als Teil ihres Lebens, den sie nie vergessen und der sie immer begleiten wird. „Die Zeit heilt – da steckt ein Kern Wahrheit hinter. Meine Schwester hätte auch nicht gewollt, dass ich mich gehen lasse.“ Nach langen vier Jahren nach dem Erdbeben in Nepal konnte Natalie das Unglück und den Verlust akzeptieren. Momentan denkt sie viel an die gemeinsame Zeit mit Nina. Sie sieht es als Zeichen, dass sie den Tod ihrer großen Schwester überwunden hat.

Jährlich am 25. April, dem Tag des Erdbebens, findet eine Gedenkwandertour in Nepal statt. Natalies Familie hat Ninas Kleidung nach Nepal gespendet. Außerdem hat die Wohltätigkeitsorganisation „Bring Thoughts To Actions“ in Ninas Namen das „Nina Educational and Scholarship Program“ ins Leben gerufen, das sich der Bereitstellung von Bildungschancen für Personen widmet, die normalerweise keine traditionellen akademischen Stipendien erhalten würden.

Autorin: Saskia-Janice Dralle