eSport in Hannover: Mehr als nur daddeln?

30. Juni 2021

Vierergruppen spielen vor verschiedenen Monitoren an Konsolen das Spiel FIFA im Sinne des eSport.

Ein Turnier für die Fußballsimulation FIFA. | Foto: www.nfv.de/spielbetrieb/efootball

Die eSport Branche wächst nun seit mehreren Jahren – auch in Hannover. In vielen Spielen gibt es bereits Turniere mit mehreren Tausend Zuschauern, die sowohl online als auch in Stadien vertreten sind. Doch wie sieht es damit eigentlich in Hannover aus?

„Der eSport gerade im Bereich FIFA hat ein enormes Potenzial“, erklärt Paul Wetenkamp. Er ist Leiter der eigenen eSport Abteilung von Hannover 96. Der Fußballverein ist seit dem Herbst 2018 in der Szene aktiv und konzentriert sich dabei vor allem auf die Fußballsimulation FIFA. „Wir haben diese Branche lange beobachtet und erhielten dann ein Angebot von der DFL für die Virtual Bundesliga. An dieser haben wir dann teilgenommen und ab dem Zeitpunkt ging es Stück für Stück aufwärts“, erinnert sich Wetenkamp.

eSport bei Hannover 96 seit Herbst 2018

Ein Spieler, der die Entwicklung hautnah miterlebt hat, ist Marcel Deutscher. Er ist 29 Jahre alt und zurzeit einer von vier sogenannten professionellen eSportlern bei Hannover 96 für das Spiel FIFA. Er ist erstaunt über diese Entwicklung. „Damit hätte ich niemals gerechnet. Ich bin ja selber über Umwege zum eSport gekommen.“ Früher war Deutscher selbst ein Fußballspieler und spielte ebenfalls hochklassig. „Doch dann erhielt ich eine folgenreiche Verletzung und hatte demnach sehr viel Zeit. Ich hatte FIFA zwar gelegentlich vorher schon gespielt, konnte dann aber mehr Zeit darin investieren“, schildert Deutscher seinen Werdegang und ergänzt, „als ich dann im kompetitiven Modus gespielt habe und viel gewann, wurden Agenturen und Vereine auf mich aufmerksam.“ Marcel Deutscher ist im eSport seit zwei Jahren bei Hannover 96 aktiv und hat bereits in der Vergangenheit viele internationale Turniere bestritten. „Grundsätzlich fanden solche Turniere schon in Manchester und Shanghai statt.“

Porträtbilder der eSportler von Hannover 96 im Trikot sind zu sehen.
Die eSportler von Hannover 96: von links Marcel „H96_DonChap“ Deutscher, Riad „H96_Riad“ Fazlija, Robin „H96_Robin“ Spani und Max „H96_Max“ Nottka. | Foto: www.hannover96.de/esports/unser-team

Ein wachsender Milliardenmarkt

Die Branche wächst weiter. Hochrechnungen des Marktforschungsunternehmens Newzoo haben ergeben, dass der eSport generell im Jahr 2021 auf etwa eine Milliarde Euro Umsatz ansteigen wird. Newzoo prognostiziert dazu, dass im Jahr 2021 global 474 Millionen Zuschauer generiert werden. Diese sind dann nicht nur online vor Bildschirmen präsent, sondern sitzen auch real in Stadien. Dort befinden sich die eSportler auf einer Bühne, während die Zuschauer das Spielgeschehen auf einem großen Bildschirm hinter den Spielern verfolgen können. „Wenn ich mal andere Spiele betrachte, dann werden damit Arenen gefüllt“, sagt Marcel Deutscher zu der Entwicklung des Markts. Doch auch die Spieleindustrie nimmt durch die Spiele viel Geld ein. Nach Aussagen des Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment hat das diesjährige Spiel FIFA 21 vom Spieleentwickler EA allein in Deutschland über 1,5 Millionen Abnehmer gefunden (Stand: Januar 2021) und ist damit das meistverkaufte Videospiel 2020 in Deutschland. „Durch die Tatsache, dass FIFA einfach in der breiten Bevölkerung häufig gespielt wird, hat es auch eine enorme Reichweite. Dadurch können gerade auf digitalen Plattformen zurzeit neue Zielgruppen erreicht werden“, erklärt Paul Wetenkamp. Jedoch bringt so viel Geld auch eine größere Organisation mit sich. „EA hatte uns dann bei den internationalen Turnieren auch die Flüge und Hotels bezahlt. Das ist natürlich ein schönes Gefühl“, erinnert sich Deutscher.

Virtuelle jubelnde Fußballspieler von Hannover 96 im Spiel FIFA bei dessen eSport-Modus.
Spielszenen aus der Fußballsimulation FIFA vom Spieleentwickler EA. | Foto: www.hannover96.de/esports/alle-news

Fußballverbände steigen mit ein

Mit Beginn des Jahres 2019 investierte auch der Niedersächsische Fußballverband in die virtuelle Fußballwelt. „Als Fußballverband liegt unser einziges Interesse im Bereich der Fußballsimulation. Daher sprechen wir auch bewusst vom eFootball“, sagt Tobias Siewerin, Mitarbeiter des NFV für den Bereich eFootball. Ob eFootball oder eSport, der NFV registrierte ebenfalls einen großen Zuwachs an Beliebtheit für die digitale Fußballsimulation FIFA. „Die Anmeldezahlen beim ersten NFV-eFootball-Cup 2019 und im Vorfeld der ersten Kreisturnierserie haben uns das große Potenzial gezeigt, das darin steckt. Diese Nachfrage wollen wir für unsere Vereine bestmöglich bedienen“, erklärt Siewerin. Nach Angaben des NFV haben sich sowohl online als auch offline in den letzten zwei Jahren mehr als 1.500 Spieler beteiligt.

Indes scheint die Corona-Pandemie das Wachstum zu beschleunigen. Dabei dient der eSport gerade in der Corona-Pandemie dazu, den Kontakt zur Bevölkerung zu halten. Diesbezüglich sagt Tobias Siewerin: „eFootball ist zurzeit möglicherweise so erfolgreich wie nie zuvor – nicht zuletzt auch bedingt durch die Corona-Pandemie. Besonders in der fußballfreien Zeit am Anfang der Pandemie fanden viele digitale Turniere in dem Bereich statt und das wurde auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.“ Paul Wetenkamp, Leiter der eSports-Abteilung von Hannover 96, sieht hingegen nicht notwendigerweise einen Zusammenhang: „Unabhängig von der Pandemie haben wir auch einen immer weiteren Zuwachs erlebt. Durch die Tatsache, dass die Leute mehr zu Hause waren, kann man sagen, dass die Wahrnehmung positiver geworden ist und insofern schon davon profitiert wurde.“

Vier Spieler, die um den Sieg in FIFA spielen bei einem Event des NFV. | Foto: www.nfv.de/spielbetrieb/efootball

„Man muss jedes Jahr seine Leistung abliefern.“

Mehrere und besser organisierte Turniere sind auf dem Vormarsch. So verzeichnete die Virtual Bundesliga für diese Saison 26 1. und 2. Bundesligavereine, die sich an dem diesem eFootball-Turnier der DFL beteiligt haben. Der Gewinner erhält ein Preisgeld von 40.000 Euro. „Das ist auf jeden Fall viel Geld und ein wichtiger Schritt“, sagt Marcel Deutscher. Doch das Thema Preisgeld wird beim Spiel FIFA in Teilen noch kritisch gesehen. Das liegt mitunter am Weltfußballverband FIFA. Der gleichzeitige Namensgeber des Spiels kooperiert zurzeit mit dem Spieleentwickler EA.

„Man muss unbedingt etwas daran ändern. Beispielsweise hat unser Weltmeister 250.000 Dollar erhalten. Natürlich ist das viel Geld, aber dann kommen vor allem Steuern sowie die Abgaben an Verein und Agentur dazu“, erklärt Deutscher. Das Problem sei auch eine Verhältnismäßigkeit. „Das Beispiel ist ja die Weltmeisterschaft. Wenn man ein so hartes europäisches Turnier mit den ganzen vorigen Qualifikationen gewinnt, erhält man 15.000 Euro­. Davon kann man mit den Abzügen nicht wirklich auf Dauer leben und das kann man auch nicht nebenberuflich machen. Dazu kommt noch, dass man auch nicht der Einzige ist, der Welt- oder Europameister werden will. In anderen Spielen wie Fortnite erhält ein Spieler Millionen für einen Turniersieg.“

Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass der eSport immer noch schnelllebig ist. „Es ist einfach so, dass meistens Jahresverträge vergeben werden. Entsprechend muss man auch jedes Jahr seine Leistung abliefern. Aber manchmal ­­liegt einem (durch ein Update) das Spiel nicht mehr so und dann verschwindet man schnell von der Bildfläche.“ Trotzdem ist Marcel Deutscher sehr zufrieden mit dem, was er beruflich macht. „Damit mein Geld zu verdienen, hätte ich vor Jahren nicht für möglich gehalten.“

Marcel „H96_DonChap“ Deutscher im Interview

Autor: Torben Kleene