
Text: Bernd Schwope
Am 1.11. übernimmt Eva Bender das Amt der Regionspräsidentin von Steffen Krach. Wir trafen die gebürtige Bremerin kurz vor ihrem Urlaub in ihrem alten Büro im hannoverschen Rathaus. Als amtierende Kulturdezernentin wagte Bender einen Ausblick auf die drängendsten Probleme der Region und erzählte uns, warum ohne Möhre am Morgen nichts geht.
radius/30: Wie würden Sie einem Laien beschreiben, was macht eine Regionspräsidentin und wo liegen die Schwerpunkte?
Eva Bender: Die Regionspräsidentin ist die oberste Chefin der Region Hannover. Sie leitet die Regionsverwaltung, setzt zusammen mit den Mitarbeitenden politische Beschlüsse um und vertritt die Region nach außen. Die Regionsverwaltung ist für die 1,2 Millionen Menschen in der Landeshauptstadt Hannover und den umliegenden Städten und Gemeinden für die öffentliche Mobilität, die Gesundheitsversorgung, die Abfallentsorgung, die Unterstützung und positive Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Familien und für viele weitere Themen wie bspw. den Katastrophenschutz im Umland verantwortlich. Das sind alles Dienstleistungen, die enorm wichtig dafür sind, dass der Alltag der Menschen bei uns funktioniert. Als Chefin dieser großen Verwaltung hat sie zusammen mit den Dezernentinnen und Dezernenten die Aufgabe, dafür zu sorgen, die Mitglieder der Regionsversammlung – quasi das Parlament der Region – in die Lage zu versetzen, bestmögliche Beschlüsse für die Region zu treffen. Und dann müssen diese Beschlüsse auch bestmöglich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung umgesetzt werden. Dafür, dass das klappt, ist sie auch verantwortlich. Und dafür muss man Menschen und Verwaltung mögen und verstehen.
Bislang haben Sie den Fachbereich Kultur und Bildung der Stadt Hannover verantwortet. Vorher waren Sie u. a. erste Stadträtin in Langenhagen. Nun geht es für Sie noch ein paar Treppen höher. Was befähigt Sie für dieses Amt?
Im August letzten Jahres wurde klar, dass Steffen Krach nach Berlin geht. Mich hat das überrascht. Und dann habe ich mir die Frage gestellt, ob ich Regionspräsidentin werden will. Dieselbe Frage kam auch von anderen. Das Ergebnis: Ich mache das! Ich hatte in diesem Kontext zwei Gedanken im Kopf. Der eine: Bin ich so verankert in der Region, dass ich die Bedürfnisse und die Lebenssituation der Menschen in Stadt und Region so einschätzen kann, dass ich die Regionsverwaltung gut leiten kann? Ich habe – denke ich – ein gutes Gefühl dafür, wie Menschen ticken. Dafür, was geht und was nicht geht. Beispielsweise, dass Hannover und seine Umlandkommunen gut mit Veränderungen umgehen können, solange es nicht zu viel auf einmal ist und klar ist, was genau sich warum verändert. Und dass es sehr wichtig ist, genau hinzuhören, auch bei denjenigen, die keine laute Stimme haben.
Und welchen Gedanken haben Sie?
Habe ich Lust diese Verantwortung zu übernehmen? Den Job, den ich jetzt als Bildungs- und Kulturdezernentin mache, ist eine Position, die mir unfassbar viel Spaß macht. Aber ich habe auch eine klare Idee davon, wie wir die Region Hannover voranbringen können. Und ich möchte nicht nur Ideen haben, sondern sie an der Realität messen, sie weiterentwickeln und für uns als Gesellschaft schließlich zum Einsatz bringen.
Werden Sie die Kultur vermissen?
Ja, werde ich. Und deswegen habe ich abgewogen. Ich habe mich gefragt, ob es da nicht jemanden gibt, dessen Fähigkeiten und Ideen ich für so gut halte, dass ich dieser Person den Vortritt lassen sollte. Es gab aber niemanden.
Ich glaube schon, dass die nächsten fünf bis zehn Jahre herausfordernd werden, sowohl was die haushaltspolitische Situation angeht als auch die hybride Bedrohungslage, in der wir uns gerade befinden. Ich bin schließlich auch für den Katastrophenschutz zuständig. Das sind alles Themen, die jemanden brauchen, der bzw. die ernsthaft an Verwaltung interessiert ist und auf der anderen Seite die Menschen mag, die hier leben, mit einem gut ausgerichteten inneren Kompass. Das bin ich. Ich will, dass unser Zusammenleben funktioniert.
Haben Sie nicht doch Angst, in unserer aktuellen Situation solch ein Amt zu leiten? Anders herum gefragt: Was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich bin zum Glück nicht angstgeprägt. Ich frage mich immer, was kann im schlimmsten Fall passieren? Und da kann ich recht nüchtern abwägen. Ich finde es gut, sich in solchen Krisenzeiten hinzusetzen, einmal die Szenarien durchzuspielen und dann zu entscheiden. Innere Unruhe und Furcht sind keine guten Berater. Und eines macht wirklich Mut: Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen sich zum Beispiel im Ehrenamt für andere Menschen in Krisensituationen und für mehr Miteinander einsetzen, macht mir das viel Hoffnung.
Was mich aber besorgt und meine Aufmerksamkeit fordert, ist, dass der Austausch der Generationen immer schwerer wird. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Wenn wir uns die demografische Entwicklung anschauen, wird diese Entwicklung immer herausfordernder.
Da können Sie allerdings wenig daran ändern.
Ja, das stimmt. Aber wir müssen einen Umgang damit finden. Es geht um den ehrlichen Dialog der Generationen. Ich kann die junge Menschen verstehen, die sagen: Ihr seid die Generation, die dafür gesorgt hat, dass die Welt so brennt, wie sie brennt. Während Corona blieben die Schulen geschlossen. Dann entscheidet ihr über unsere Köpfe hinweg, ob wir Wehrdienst leisten oder nicht, und darüber hinaus sollen wir auch noch für eure Rente und Pflege aufkommen.
Wenn man keinen Generationendialog hinbekommt, wird es sehr schwer für ein gesamtgesellschaftliches Zusammenleben. In Frankreich – ohne dass ich die Situation eins zu eins vergleichen möchte – flammt dieser Konflikt gerade massiv auf. Was mir Mut hier bei uns macht, ist meine Erfahrung, dass es in der Region Hannover viele Menschen gibt, die Lust haben, Sachen gemeinsam zu gestalten.
Das hannoversche Selbstverständnis spiegelt sich vielleicht auch in den Wahlergebnissen wider, die so ganz anders und weniger hysterisch ausfielen als in vielen anderen Regionen Deutschlands?
Das freut mich natürlich. Wir haben hier themenübergreifend mit allen demokratischen Parteien wirklich gut zusammengearbeitet. Oft ist auf kommunaler Ebene die Parteifarbe gar nicht so entscheidend. Am Ende bekommt man es nur gemeinsam hin. Und das auch abseits der Politik. Es gibt enorm viele Menschen, die sich engagieren, die Plätze bespielen, Dorffeste organisieren, sich in der freiwilligen Feuerwehr organisieren. Menschen, die gemeinsam füreinander Verantwortung übernehmen wollen. Das wollen wir fördern. Und Orte schaffen, an denen Menschen ohne Last zusammenkommen können.
Ist das etwas, was Sie in Ihrem Amt als Kulturdezernentin bereits umsetzen konnten?
Ja. Kultur ist auch im Bereich Sicherheit und Ordnung ein wichtiges Thema. Und umgekehrt. Ich denke an das Open-Air-Piano am Opernplatz. Durch ein Piano hat sich die Stimmung auf dem Platz stark verändert. Weil sie Menschen die Möglichkeit gibt, sich ausdrücken zu können und andere zu berühren. Und zwar von heute auf morgen. Es sind nicht immer die massiven Maßnahmen, mit denen man etwas bewegt. Man kann auf öffentlichen Plätzen Angebote schaffen, die durch Zwischentöne funktionieren.
Welches sind die ganz großen Ziele Ihrer Amtsperiode? Als Kulturdezernentin mussten Sie sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, warum die S-Bahnen nicht pünktlich fahren …
Stimmt. Dafür habe ich mich aber um rund 100 Schulen, um unsere Kultureinrichtungen in schwierigen Haushaltszeiten und vieles mehr gekümmert. Das ist zwar ein anderes Thema, aber mit Sicherheit nicht weniger wichtig. Natürlich ist die funktionierende Mobilität aber eine Aufgabe, vor der es mir nicht an Respekt mangelt. Richtig eskaliert ist es im Januar, als bestimmte Strecken gar nicht mehr befahren wurden. Ich habe Leute kennengelernt, die deswegen ihren Job verloren haben. Das ist unerträglich und muss sich ändern.
Aber was können Sie dagegen tun? Den Schwarzen Peter schieben sich doch mehrere Parteien zu – DB, Transdev, Regionalzugbetreiber, Bundespolitik, Landespolitik.
Ich habe im Wahlkampf gesagt, es geht um radikale Ehrlichkeit. Das habe ich bspw. auch beim Klinikum Lehrte sehr stark wahrgenommen. Ich werde sehr transparent mit Transdev besprechen, welche Strecken sie zukünftig betreiben können und welche nicht. Die Frage ist: Findet man einen Betreiber, der die Strecken übernimmt, die Transdev nicht betrieben bekommt? Das muss man sich anschauen. Ab dem 1. November bin ich Regionspräsidentin. Und ich werde diese Fragen beantworten.
Wie aber kann man das jemandem kommunizieren, der wieder Mal auf dem Bahnsteig auf die S 4 warten muss?
Zufälligerweise traf ich kürzlich eine Studierende aus Hildesheim, die mir sagte, dass sie nicht mehr wüsste, wie sie ihr Leben organisieren soll. Sie hat keinen Führerschein. Sie wäre dann raus. Das ist eine ganz schwierige Frage: Wie können wir einen Knotenpunkt wie Hannover gestalten, ohne dass eine bestimmte Nutzung Vorrang hat? Aktuell steht unser Nahverkehr, also die S-Bahn, auf Platz fünf in der Hierarchie. Alles andere hat Vorfahrt. Wenn irgendwo fernab etwas auf der Strecke passiert, kann dies Auswirkungen auf die S-Bahn Hannover haben. Das macht es schwer planbar. Wie machen wir klar, dass Nahverkehr Leben bedeutet? Wie kriegen wir mehr Bahnen auf die Schienen? Wie kriegen wir mehr Personal? Können wir bestimmte Strecken zusammen mit der Transdev an andere Betreiber vergeben? Karten auf den Tisch: Was kann man machen? Was nicht?
Das vollständige Interview mit Eva Bender …
… finden Sie in der radius/30 Ausgabe November/Dezember.