Müll in der Region Hannover: Gehört er in die Tonne?

22. Juni 2021

Person wirft Müllsack in eine große Tonne.

In Hannover gibt es immer mehr Müll, vor allem seit Ausbruch der Corona Pandemie.

Sie nutzen ihre Freizeit um Müll zu sammeln, retten Lebensmittel vor der Tonne oder basteln Postkarten aus Milchkartons: So bemühen sich zwei Organisationen aus Hannover und aha – Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover, etwas gegen die steigende Müllmenge in der Stadt zu unternehmen.

„Sperrmüll in der freien Landschaft, Abfälle und Flaschen oder illegal abgestellte Schrottfahrzeuge – das vermindert nicht nur die Lebensqualität in Hannover“, erklärt Stefan Altmeyer, Pressesprecher der Initiative Hannover sauber!. „Das kann gefährliche Verschmutzungen von Boden, Grundwasser und Gewässern verursachen.“ Hannover sauber! ist eine gemeinsame Initiative der Landeshauptstadt Hannover und aha, dem Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover. Hannover durch gezielte Aktionen sauberer zu machen, ist das Ziel der Initiative.

„Leider zeigt der Trend, dass wilder Müll im öffentlichen Raum zunimmt – auch in der Region Hannover“, so Altmeyer. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wird immer mehr Abfall nicht ordnungsgemäß entsorgt. 28.000 wilde Müllstellen hat aha 2020 gefunden. 1.500 Tonnen Müll mussten von dort abtransportiert werden. Dadurch entstanden Kosten von 2,7 Millionen Euro in Hannover und Umland. Geld, welches zu einem Teil die Abfallgebühr, zum anderen Teil die Stadt zahlt. Neben finanziellen Kosten ist illegale Müllentsorgung auch ein Problem für die Umwelt. Sogar Grünabfall kann zum Problem werden, erklären die Niedersächsischen Landesforsten auf ihrer Website. Denn so können sich Schädlinge leichter verbreiten.

Säulen Diagramm mit den Zahlen zu Restmüll in Hannover und Deutschland aus den Jahren 2019 und 2018
Mit seinem Restmüll lag Hannover 2019 über dem Bundesdurchschnitt

Müll sammeln in der Region Hannover

„Wenn ich mir den Graben hier anschaue, könnte schon etwas mehr gegen Müll getan werden“, meint Tamara Roth. Am 20. März steht sie vor einer Böschung neben den Bahngleisen in der Nähe der Haltestelle Kronsberg. Seit einer halben Stunde sind Tamara Roth und ihre Freunde schon dabei, Abfall aus der Böschung in pinke Mülltüten zu verfrachten. Sie nehmen am großen Frühjahrsputz der Stadt Hannover teil. Mit der Aktion Hannover putzmunter ruft Hannover sauber! einmal jährlich zum Müllsammeln auf. „Wir sind hier, um die Welt ein bisschen besser zu hinterlassen“, erklärt Tamara Roth. Sie ist Leiterin einer Pfadfindergruppe, die am Kronsberg im Süden der Region Hannover zusammen Müll sammeln.

Wegen der Corona-Pandemie können sie nur in kleinen Gruppen losziehen. Auch das Gruppenfoto muss dieses Jahr ausfallen. Stattdessen wollen die Pfadfinder ihre Müllsäcke an derselben Stelle abliefern und ihre Namen mit Kreide auf den Boden schreiben. Von dort werden die Säcke dann von aha abgeholt. Laut Altmeyer konnte die Müllsammelaktion 2021 zahlenmäßig nicht an die vergangenen Jahre anknüpfen. Dennoch wertet er auch dieses Jahr als Erfolg: „Es ist gar nicht schwer, eine Verpackung kurz aufzuheben und wegzuwerfen, statt sich nur über sie zu ärgern“.

„Das Sammeln macht tatsächlich Spaß“, findet auch Tamara Roth. „Man findet ganz witzige Sachen. Wir haben zwei Socken gefunden, eine Unterhose, in den letzten Jahren sogar mal ein Fahrrad.“ Sie würde auch öfter Müll sammeln gehen, wenn die Stadt dazu aufrufen würde: „Nicht jeden Monat, aber ein paar Mal im Jahr wäre ich dabei!“

Vier Personen sammeln Müll aus einer Böschung ein.
Von links: Tamara Roth, Martin Patzke, Clara Bukies und Kerstin Schmidt beim Müllsammeln am Kronsberg.

„Am Anfang ging es für mich vor allem darum, Lebensmittel zu retten“

Kisten voller Backwaren auf einem Lastenfahrrad.
An einem Abend werden bis zu drei Kisten voll Backwaren gerettet.

„Im Grunde ist, was wir machen, nur Symptom-Bekämpfung“, sagt Lukas Held. Der Student gehört zu einer Gruppe, die dreimal die Woche die übrig gebliebenen Lebensmittel einer Bäckerei abholt und anschließend an Bedürftige verteilt. „Das Problem ist, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, in der die Regale auch kurz vor Ladenschluss noch gefüllt sein müssen.“ 2020 kamen für die Region Hannover 187 kg Restmüll pro Einwohner zusammen. 12 Kilogramm mehr als im Jahr davor. Schon damals lag Hannover über dem Bundesdurchschnitt von 156 kg Hausmüll pro Kopf, welchen das Statistische Bundesamt ermittelt. „Am Anfang ging es für mich vor allem darum, Lebensmittel zu retten“, erklärt Lukas Held, „Essen an Bedürftige auf der Straße zu verteilen, war für mich nur ein Mittel zum Zweck.“

Lastenfahrrad mit leeren Kisten
Die Backwaren werden in der Innenstadt an Bedürftige verteilt.

Die Gruppe, bei der Lukas Held sich engagiert, fing als kleine Aktion an. Eine Mitarbeiterin der Bäckerei störte sich an den großen Mengen von Lebensmitteln, die am Ende des Tages weggeworfen werden mussten. Sie begann ihre Freunde zu rekrutieren, um etwas daran zu ändern. Drei Klappkisten voll mit Backwaren kann die Gruppe an einem normalen Abend vor der Tonne retten. Damit tun sie dem Unternehmen einen Gefallen. „Die sparen so Entsorgungsgebühren“, erklärt Lukas Held. „Wir wurden auch schon gefragt, ob wir sieben Tage die Woche vorbeikommen können, aber dafür sind wir zu wenige.“ Wenn das Essen von der Bäckerei abgeholt wurde, geht es mit einem Lastenfahrrad in die Innenstadt.

Seit die Gruppe vor zwei Jahren angefangen hat, Lebensmittel zu verteilen, hat sich ein Stammklientel gebildet. Man wartet schon auf die Ankunft des Lastenfahrrads. „Ich zweifle immer noch, ob wir den Bedürftigen mit unserer Arbeit wirklich helfen“, erzählt Lukas. „Einige politisch engagierte Obdachlose haben uns gesagt, dass wir genau das Falsche tun. Wir sorgen dafür, dass die Situation der Wohnungslosen nach außen wirkt, als seien sie versorgt.“

„Müll ist nur eine menschliche Zuschreibung“

„Upcycling ist Zauberei“, erklärt Gert Schmidt, der Leiter der Upcyclingbörse Hannover. In der Upcyclingbörse des Glocksee Bauhaus Vereins wird seit 2015 mit Müll gearbeitet. Denn beim Upcycling geht es darum, Abfall neues Leben einzuhauchen. „Beim Recycling wird ja alles kleingemacht. Da wird das Material zerstört. Das Upcycling erhält Form und Funktion vom Material, so wie es ist“, erklärt Schmidt. So kann aus einem Milchkarton eine Postkarte werden oder Weihnachtsschmuck aus einer Pralinenverpackung. „Der Begriff Müll ist nur eine menschliche Zuschreibung. Das Material, mit dem wir arbeiten, ist kein Abfall“, meint Schmidt, „denn für mich hat jegliches Material noch Potenzial.“

In der Upcyclingbörse werden Ideen zur kreativen Müllverarbeitung ausgestellt und Workshops zum Thema Nachhaltigkeit angeboten. Zu der Upcyclingbörse gehört auch eine Werkstatt. Hier tüftelt das Upcycling-Team an neuen Ideen. „Unsere Materialien bekommen wir größtenteils von Unternehmen, aber auch von Privatpersonen. Momentan suchen wir zum Beispiel nach Pavillon-Stangen“, erzählt Schmidt. Bis aus dem Material aber eine Idee und letztendlich ein neues Produkt wird, kann es Monate, manchmal Jahre dauern. „In unserem Prozess geht es auch darum, Material zu zerstören, um herauszufinden, was es so kann. Darum fangen wir erst an zu arbeiten, wenn wir eine große Menge an Material zur Verfügung haben.“

Aus einem Milchkarton wird in fünf Schritten eine Postkarte gebastelt.
Aus Müll mach neu | Foto: Gert Schmidt

Die Upcyclingbörse hat auch ein umfangreiches Bildungsangebot. „Wir wollen das große Bild der sozialen ökologischen Transformation vermitteln“, erklärt Schmidt. Schulen können hier Projektwochen, Tage oder auch nur Stunden verbringen. „Es geht darum, Schule ganz neu zu erfinden“, so Schmidt. „Anhand des kreativen Umgangs mit Müll entsteht ein Bewusstsein dafür, wie konsumiert wird. Das brauchen wir für die Zukunft. Um der nächsten Generation noch einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen.“ Schon ein kleiner Beitrag kann genügen, um eine Veränderung zu bewirken, findet Altmeyer: „Zum Beispiel kann man ein Schrottfahrrad kurz melden, statt zum zigsten Mal kopfschüttelnd an ihm vorbeizugehen.“

Hier können Sie wilden Müll in der Region Hannover melden:

E-Mail: hannover-sauber@aha-region.de, Telefon: (0800) 999 11 99 oder über die Hannover sauber!-Müllmelde-App, erhältlich im Appstore für Android oder Apple.

Autorin: Franziska Balzer
Fotos: Franziska Balzer