Grün gründen: Das kommt in die Mode!

26. Januar 2022

Links: Juliana Martejevs an der Nähmaschine. | Foto: Jana Merz Rechts: Rechts: Godje Mahn mit einer ihrer neusten Unikate: Einer Handtasche aus upgecycelten Fahrradschläuchen. | Foto: Godje Mahn Manufaktur

Laut dem „Green Startup Monitor 2020“ sind rund ein Fünftel der Startups in Deutschland nachhaltig. Diese „grünen Startups“ sind jünger als zehn Jahre und sehr innovativ, definiert der Bundesverband Deutscher Start-ups. Außerdem haben sie ein geplantes Mitarbeiter- und Umsatzwachstum – und leisten einen Beitrag zu „den ökologischen Zielen der Green Economy“. Etwa 6.000 Start-ups würden hierzulande mit ihren Produkten oder Dienstleistungen zu mehr Umwelt- oder Klimaschutz beitragen. Rund 6 Prozent davon lassen sich der Textilbranche zuordnen.

Das DIY-Modelabel „Juliana Martejevs“ kann man wohl dazu zählen. Seit März dieses Jahres verkauft das vierköpfige Team um Modedesignerin Juliana Martejevs Accessoires und Kleidung zum Selbermachen. „Wir wollen DIY-Mode moderner, zugänglicher und nachhaltiger machen. Selbstgemachte Mode hat zu Unrecht ein angestaubtes Image“, sagt Gründerin Martejevs. Die 27-Jährige ist ausgebildete Damenmaßschneiderin und hat an der Hochschule Hannover Modedesign studiert. In den Boxen des Startups finden Kund:innen alles, was sie brauchen, um Shirts, Taschen oder Gürtel zu Hause herzustellen – und zwar passend portioniert. Im Müll landet höchstens die Verpackung. Viele Materialien sind mit Öko-Siegeln zertifiziert oder recycelt. Videotutorials erklären auch Anfänger:innen Schritt für Schritt, wie aus dem Inhalt der Boxen ein T-Shirt oder andere Produkte entstehen. „Unsere Kund:innen sollen ihr selbst gemachtes Teil richtig lieben. Aber sie sollen auch lernen, wie viel Arbeit und welche Materialien dahinterstecken“, sagt die Gründerin.

Hier wird ein Etikett eingenäht. | Foto: Jana Merz

Wer bei der „Godje Mahn Manufaktur“ einkauft, bekommt fertige Produkte. Trotzdem ist jedes Stück ein Unikat. Denn Damenschneiderin Godje Mahn stellt Upcycling-Taschen her. Ihre Tochter Pauline, die ausgebildete Mediengestalterin ist, unterstützt sie dabei. Die beiden wollen gebrauchten Materialien ein neues Leben geben. „Nachhaltigkeit in der Mode ist der Versuch, dem allgemeinen Trend entgegen langlebige Produkte zu kreieren. Dabei geht es nicht nur um die Stoffe, die genutzt werden, sondern auch um deren Produktionsweg“, sagt Mahn. Sie achtet neben dem Upcycling besonders darauf, ihre Stücke zeitlos zu designen, damit sie lange in Gebrauch bleiben. Mit welchen Materialien Godje Mahn arbeitet, variiert. Momentan fertigt die Damenschneiderin vor allem Stücke aus alten Fahrradschläuchen. „Es bleibt aber immer der Drang, neue Materialien für die Herstellung zu entdecken“, sagt sie.

Juliana Martejevs und Godje Mahn sind zwei von vielen Designer:innen in und um Hannover, die bei ihrem Geschäftsmodell Wert auf Nachhaltigkeit legen. Da ist etwa noch das „O8 Studio“, eine Mischung aus Ladengeschäft, Atelier, dem Sitz mehrerer Modelabels und einer Upcycling-Manufaktur. Kund:innen können eigene Klamotten mitbringen, die vor Ort upgecycelt werden. In der Nähwerkstatt von „Unter einem Dach“ entstehen „maesh bags“, Taschen aus gebrauchten Werbebannern. Das Label „alextravagant“ macht unter anderem aus alten Festival-T-Shirts neue Stücke. Und das Label „boochen“ hat sich auf Bademode spezialisiert, die nicht nur aus möglichst nachhaltigen Materialien besteht, sondern deren Bikinis auch viel länger als Konkurrenzprodukte in Form bleiben sollen.

Unternehmensberaterin Thekla Wilkening: „Nachhaltige Startups brauchen viel Wissen, Rationalität und Mut“

Thekla Wilkening berät Modeunternehmen, die nachhaltiger werden möchten. | Foto: Denys Karlinksyy

Mit nachhaltigen Mode-Startups kennt Thekla Wilkening sich aus. Als sie Mitte 20 war, gründete sie zusammen mit Pola Fendel die „Kleiderei“. Mit ihrer Idee, Kleidung zu verleihen statt nur zu verkaufen, wurden sie deutschlandweit bekannt.

Um die Kleiderei kümmern sich mittlerweile andere Menschen. Die nun 34-jährige Wilkening berät als Expertin für Kreislaufwirtschaft in der Mode jetzt Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit. Doch was brauchen Mode-Startups, um nachhaltig zu sein – in ihren Produkten genauso wie bei ihrer langfristigen Etablierung am Markt? Diese Frage hat die Modeexpertin für radius/30 wie folgt beantwortet:

„Die Wahrheit ist: Ein nachhaltiges Mode-Startup aufzubauen, braucht erst einmal dieselben Skills wie ein konventionelles – und dann noch viel mehr. Um sich am Markt zu etablieren und zu halten, müssen Gründer:innen ökonomisches Grundverständnis mit ihren ethischen Grundsätzen zusammenbringen. Dafür braucht es viel Wissen, Rationalität und im entscheidenden Moment auch Mut.

Das Wissen brauchen die Gründer:innen, um die extrem komplexen Lieferketten aufzubauen und zu implementieren. Es wird Stationen geben, da ist es leicht, ökologische und ethische Standards zu implementieren, und es wird Momente geben, in denen scheint es unmöglich. Da heißt es dann, rational Entscheidungen treffen, einen Schritt nach dem anderen machen und den eigenen Handlungsspielraum realistisch einschätzen – ohne natürlich die Vision aus dem Blick zu verlieren. Dafür braucht es Mut.

Denn es werden viele Stolpersteine kommen und es wird oft heißen „Das ist doch utopisch!” Aber: Ist es nicht! Wir brauchen neue Geschäftsmodelle mit gesunden Lieferketten, in der Produktion, aber auch nachdem die Kleidungsstücke gekauft wurden. Wie können Kleidungsstücke weiter zirkulieren, getragen und schließlich recycelt werden? Wie können wir weniger, aber dafür besser produzieren und den Konsument:innen trotzdem Spaß an der Mode möglich machen?

Hybride Geschäftsmodelle sind die Zukunft. „The Sky Is The Limit” ist das Motto und erfolgreich sein wird das Unternehmen, das dieses bis aufs Mark in der eigenen Unternehmenskultur verankert hat. Denn nachhaltiges Wirtschaften bedarf auch einer internen nachhaltigen Vision: New Work für Mitarbeiter:innen, flache Hierarchien, wo es sich anbietet, eine extreme Burn-out-Vermeidungsstrategie. Denn was im Inneren funktioniert, übersetzt sich auch ins Äußere.“

Text: Sarah Franke