Hannovers Straßenbäume und der Klimawandel

2. August 2021

Hannovers Straßenbäume werden immer mehr beschnitten.

Pflegen, so lange es geht. Hannovers Stadtbäume müssen sich anpassen.

Bäume speichern CO2 und können Jahrhunderte alt werden – wenn nicht der Klimawandel wäre. Er erschwert ihnen das Leben zunehmend und lässt ihr stabiles Image wanken. Böden sind flächig versiegelt, es mangelt an Wasser und Wetterextreme befeuern den Prozess. Wie geht es dabei Hannovers Straßenbäumen?

„Wir müssen uns mit dem Klimawandel beschäftigen. Denn er ist schon da und wird noch stärker“, beschreibt Gerd Wach, Vorstand des BUND Hannover (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.). Um Straßenbäume vor dem Hitzetod zu bewahren, muss ihnen zunehmend geholfen werden.

Klima und Böden im Wandel – Hannovers Straßenbäume leiden

Nachdem Deutschland in den letzten 20 Jahren drei Hitzerekorde knackte, erkennt der Deutsche Wetterdienst (DWD) einen Trend. Die Sommer werden trockener und Wetterereignisse verschieben sich im Jahresverlauf. Mit Jahreszeitenvorhersagen prognostizieren die Forschenden abweichende Temperaturen und Niederschläge. Der DWD erwartet: Auch der Sommer 2021 wird wärmer.

Was manch einen auf italienisches Wetter in Deutschland hoffen lässt, ist für die Natur folgenreich. Sind vor allem Bäume den klimatischen Umschwüngen gewachsen? Das Stadtbild Hannovers ist von Alleen und Grünanlagen geprägt. Dass der Mensch nun vermehrt Zeuge sterbender Bäume wird, zeigt, dass gehandelt werden muss. Stabile Verhältnisse werden instabil, wodurch junge Bäume erschwert aufwachsen – alte Bäume sind weniger anpassungsfähig und drohen einzugehen. Das Schicksal der großflächig abgestorbenen Fichten im Harz hat in den letzten Jahren aufhorchen lassen. Ausgangspunkt der sterbenden Nadelholzbestände war anhaltende Trockenheit, die die Ausbreitung des Borkenkäfers begünstigte. Fehlt Bäumen Wasser, erleiden sie oftmals Folgeschäden.

„Wir haben um die 45.000 Straßen- und insgesamt 220.000 Stadtbäume, die bei Regelkontrollen durch ausgebildete Baumkontrolleur:innen jährlich begutachtet werden. Vorwiegend sind Linden, Eichen und Ahorne vertreten“, so Manuel Kornmayer, Bereichsleiter für Grünflächen aus dem Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Stadt Hannover. Er beschreibt, welche Schäden Hannovers Straßenbäume bereits durch den Klimawandel davongetragen haben. Vermehrte Totholzbildung, Schädlinge, wie der Eichenprozessionsspinner, oder Krankheiten, wie die Rußrindenkrankheit, seien nur einige Nebenwirkungen der immer trockeneren Böden. Denn vitale Laubbäume können und müssen mehrere hundert Liter Wasser am Tag aus der Erde fördern, um gesund zu bleiben. Gibt es Maßnahmen, mit denen Straßenbäume auch bei Trockenheit erhalten werden können?

Hannovers Straßenbäume durch Baumpflege schützen

Bei der Baumpflege werden Kronen beschnitten und Bäume bewässert – hin und wieder muss auch gefällt werden. Das gilt auch für Bäume im Straßenbereich: mittlerweile jährlich bis zu 450 Mal. „Mit der Hitze verlagern sich die Maßnahmen. Wir müssen oft stärker beschneiden, um zu vitalisieren“, beschreibt Kornmayer die aktuelle Situation. Wird gefällt, folgen Nachpflanzungen. Damit Jungbäume heiße Monate überleben, werden sie bereits im niederschlagsreichen Herbst gepflanzt und fortlaufend bewässert. Aber auch alte Bäume werden gepflegt. Neben Wassersäcken am Stammfuß führen Gießränder und das sogenannte Tree-life-Verfahren dem Boden Wasser zu. „Mit einer Sprühlanze können wir 80 Zentimeter tief mit Luft, und mit organischem Flüssigdünger versetzten Wasser den Wurzelraum auflockern und bewässern“, erklärt Kornmayer.

„Gerade Altbäume sind wichtige Habitate für Insekten und Vögel.“ 

Gerd Wach, BUND Hannover

Der BUND betont, wie dringlich dem Klimawandel entgegengewirkt werden muss. „Die Umwelt in der Stadt ist baumfeindlich, vor allem die Wasserversorgung ist ein Problem“, so Wach. Denn Hannovers Straßenbäume seien bis zu fünf bis zehn Grad wärmeren Bedingungen ausgesetzt als im ländlichen Raum. Es seien zu viele, die unter den trockenen Verhältnissen leiden. Der BUND wirbt daher unter Hannoveraner:innen dafür, die Straßenbäume selbst zu bewässern. Ein Ansatz: Bei der Stadt können Interessierte sogenannte Baumpatenschaften eingehen. Der Patenbaum soll daraufhin langfristig gepflegt werden. Ihn täglich mit über 20 Liter Wasser zu begießen sei sinnvoll: „Gerade Altbäume sind wichtige Habitate für Insekten und Vögel. Junge Bäume speichern durch Wachstum CO2, jedoch wollen wir vor allem die alten erhalten“, erklärt Wach. Für die Patenschaft gebe es eine Urkunde, jedoch müsse der private Einsatz noch mehr wertgeschätzt werden. Auch Kornmayer betont, dass es viel zu tun gibt: „Wir bewässern nicht zu hundert Prozent selbst, sondern lassen uns durch externe Unternehmen unterstützen. Auch werden wir in Zukunft technisch weiter aufrüsten müssen.“

Die Baumpflege der Zukunft

Es bleibt der ungewisse Blick in die Zukunft. Hannovers Straßenbäume werden weiterhin unter dem Klimawandel leiden. Aktuell bezieht die Stadt Trink- und Brunnenwasser, um die Bäume zu versorgen. Zusätzlich wird geplant, Klärwasser der Stadtentwässerung zu beziehen, welches ansonsten über die Leine abgeführt wird. 

„Wir wollen so schnell wie möglich, so viele Bäume wie möglich pflanzen.“ 

Manuel Kornmayer, Stadt Hannover

„Die aktuelle Knappheit an Wurzelraum und Wasserknappheit für die Bäume betrachte ich als kritisch“, bestätigt Kornmayer die Besorgnisse Wachs. „Wir wollen so schnell wie möglich, so viele Bäume wie möglich pflanzen“, so Kornmayer. Da sich der Standort verändert, gelte es zusätzlich, klimastabile Baumbestände zu fördern. Dazu sollen künftig Arten gepflanzt werden, die mit trockeneren Bedingungen besser zurechtkommen. Wach plädiert dafür, dass der ökologische Wert von Altbäumen angemessen zurückerlangt werden muss: „Wir werden nicht drum herumkommen, heimische Baumarten zu ersetzen. Es sollten aber Arten aus dem europäischen Raum gepflanzt werden.“ 

Obwohl nicht jeder Altbaum stehen bleiben kann, vermerkt Kornmayer zuversichtlich, dass Baumschutz schon lange Thema sei und die Toleranz der Bevölkerung gegenüber den Pflegemaßnahmen zunehme. Baumsensorik und sukzessive, unterirdische Wasserbereitstellung seien Zukunftsthemen, zu denen aktuell geforscht werde. So bemühen sich die Stadt, der BUND und die Einwohner:innen gemeinsam um den Erhalt von Hannovers Straßenbäumen.

Autorin: Carolin Föste