Tauben in Hannover – Friedenssymbol, das wenig Frieden erfährt

28. Juli 2021

Maren Friedrich und Eleonora Tilse vom Netzwerk Taubenrettung haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensqualität der Stadttauben in Hannover zu verbessern.

Tauben stehen für Liebe, Treue und Frieden. Doch begegnen wir ihnen im Stadtalltag, ist die Sorge um eine durch Taubenkot verschmutzte Fassade oftmals größer als romantische Metaphern. Das Netzwerk Tauben-Rettung Hannover unterstützt die umstrittenen Vögel.

Es ist elf Uhr morgens in Hannover Linden. Vereinzelt passieren Menschen mit Fahrrädern und Einkaufstüten den Küchengarten. Eine Gruppe fällt ins Auge. Zwei Frauen umrundet von etwa 100 Tauben. Eleonora Tilse und Maren Friedrich sind vom Netzwerk Taubenrettung. Sie werfen den Vögeln Maiskörner zu. Mehrmals die Woche schauen die beiden an festgelegten Futterstellen nach dem Rechten. „Scheiß Tauben, wer füttert die. Die kacken doch alles voll“, kommt es aus einer Gruppe Jugendlicher im Vorbeigehen. Derartige Kommentare sind für die Taubenschützerinnen nicht neu. „Die Leute erzählen uns, man solle die Tauben vergiften und wie viel sie im Jahr für die Reinigung ihrer Fassade zahlen müssten“, erzählt Tilse.

Der Verein Netzwerk Tauben-Rettung Hannover

Das Netzwerk Tauben-Rettung Hannover ist seit 2017 ein eingetragener Verein. Tilse hat gerade ihr Tiermedizinstudium beendet und ist eine der Mitgründerinnen. Was vor vier Jahren als Studentenprojekt startete, ist heute ein Verein mit etwa 50 ehrenamtlichen Mitgliedern. Friedrich rief einmal wegen einer verletzten Taube das Netzwerk an. „Die sind sofort gekommen und haben sich gekümmert. Ich wollte immer wissen, wie es mit der Taube weiterging, bis ich plötzlich selbst welche gepflegt habe.“

 „Nur wer eine Genehmigung vom Ordnungsamt hat, darf in Hannover Tauben füttern.“ 

Eleonora Tilse, Netzwerk Taubenrettung Hannover

Viele halten sich nicht daran. „Sie werfen den Tauben ungesunde Essensreste zu. Erst dadurch entsteht der unnatürliche Kot, der viele Menschen stört“, weiß Friedrich. „Durch angemessene Nahrung, die wir den Tauben bieten, wirken wir der Verschmutzung der Stadt durch den ungesunden Taubenkot entgegen.“ Im Kröpcke liegt häufig Reis verteilt. „Wenn die Leute zur Bahn müssen, kann ich verstehen, dass sie die Tauben auch mal umrennen“, gesteht Tilse. „Da sollte man sie einfach nicht reinlocken.“

Tauben haben sich im Kröpcke um unerlaubt verteiltes Futter versammelt und verweilen in der Station.

„Tauben brüten nicht, weil sie viel fressen oder es ihnen gut geht“, widerlegt Tilse einen Mythos. 

„Das ganzjährige Brutverhalten ist auf menschliche Züchtung zurückzuführen. Das ist wichtig zu wissen! Früher züchtete man die Tauben als Lieferanten für Briefe, aber auch Nahrungsmittel.“ 

Eleonora Tilse, Netzwerk Taubenrettung Hannover

Stadttauben sind daher keine typischen Wildvögel. Sie stammen vermutlich von verwilderten Brief- und Haustauben ab.

„Schau mal, da ist Meiner“, ruft Friedrich ihrer Kollegin zu, „die hatte ich vor vier Wochen noch mit einem eiternden Auge bei mir zu Hause.“ Heute trägt die Taube einen grünen Ring um den Fuß. So erkennt das Taubennetzwerk, welche Vögel es bereits versorgt hat. „Wir wissen, die Verletzung ist nicht neu und fangen Tauben nicht unnötigerweise mehrmals ein.“ Häufig treffen die Beiden auf bekannte Vögel. „Tauben können sich Gesichter und Orte merken. An diese kehren sie immer wieder zurück“, berichtet Friedrich. 

Am Küchengarten soll sich eine verletzte Taube aufhalten. Langsam bewegen sich die Beiden durch die Vogelgruppe, Friedrich hält einen Kescher bereit. Eine ruckartige Bewegung und die Tauben schwärmen aus, um sich ein paar Meter weiter wieder niederzulassen. Die vermeintlich verletzte Taube entwischt. „Vermutlich genießt sie einfach die Sonne“, meint Tilse. Die Beiden beschließen den auffällig langsamen Vogel weiterhin zu beobachten und machen sich auf den Weg zu Friedrichs Wohnung. 

Maren Friedrich und Eleonora Tilse versuchen die lahmende Taube einzufangen.

Taubenpflegestelle im Wohnzimmer

Katze Mia und Hund Motte sind nicht die einzigen Tiere, die Friedrich und Tilse erwarten. Neben einer Sofaecke, persönlichen Fotos und was sich sonst noch so in einem durchschnittlichen Wohnzimmer finden lässt, hat Friedrich auf dem Boden zwei große Stofflaufgitter aufgebaut. 

Maren Friedrich pflegt in ihrem Wohnzimmer geschwächte Tauben.

„Ich pflege hier unter anderem Tauben, die sich mit Paramyxovirose infiziert haben“, meint Friedrich und zeigt auf die Laufgitter. „Das ist eine Viruserkrankung, die bei den meisten Tauben unheilbare Hirnschäden hinterlässt. Viele können dadurch nicht mehr fliegen und leben nun in der Voliere“. Diese befindet sich in Misburg und ist ein großer abgeschlossener Käfig. „Tauben sind Fußgänger. Sie müssen nicht fliegen, um glücklich zu sein“, weiß Tilse. Tauben mit bleibenden Schäden bietet das Netzwerk dort eine dauerhafte Unterkunft, wohingegen Genesene in einem der drei Taubenschläge angesiedelt werden. Dies passiert heute mit einer Taube, die Friedrich vor etwa anderthalb Wochen mit einer Wunde aufgriff. „Wir gehen nicht mit jedem Fall zum Tierarzt, dann hätten wir zu viele Rechnungen.“, erklärt Tilse. „Diese Taube wurde vermutlich durch Spikes verletzt, da war eine Operation nötig. Die Fäden ziehen wir heute selbst.“

Leid kontrolliert verhindern

Ein Bauwagen in Hannover-Limmer bietet seit September 2020 etwa 50 Tauben ein zu Hause. Nachdem potenzielle Nistplätze in der Umgebung artgerecht entfernt wurden, brüten die Tauben im Schlag, den sie jederzeit verlassen können. Der Taubenverein ersetzt die Eier der dort nistenden Vögel durch Plastikattrappen, um die Population langsam und kontrolliert einzudämmen. 

Im Taubenschlag Linden können die Tauben ein- und ausfliegen, wie sie möchten.

„Oftmals werden die Tauben gewaltsam vertrieben und haben keine alternativen Nistmöglichkeiten“, berichtet Tilse. „Anstatt die Fortpflanzung zu reduzieren, fördert es das Leid der Tauben. Die Tiere leiden unbemerkt direkt vor unseren Augen. Die Mehrheit denkt sich beim Anblick einer humpelnden Taube ‚Ach, das wird wieder.‘ Nein, wird es nicht!“, weiß die junge Tierärztin Tilse. „Fäden oder auch Haare verschnüren die Füße der Tauben, bis diese nach langer schmerzhafter Zeit irgendwann abfallen, wenn wir ihnen nicht helfen.“

Fäden oder auch Haare verschnüren die Füße der Tauben, bis diese nach langer schmerzhafter Zeit irgendwann abfallen, wenn wir ihnen nicht helfen.

Nicht jeder muss in Stadttauben romantische Symbole erkennen. Für die Taubenschützerinnen wäre es ein Anfang, würden sich die Menschen den Vögeln gegenüber respektvoll verhalten und aufhören, sie für etwas zu verachten, das sie selbst zu verantworten haben. 

Autorin: Amrei Schulz
Fotos: Amrei Schulz