Indonesien: Überlebenskampf im Touristenparadies

22. Juni 2021

Vor Corona hatte Muliyani alle Hände voll zu tun. | Foto: privat.

Die Corona-Pandemie hinterlässt auf der ganzen Welt ihre Spuren. So auch auf den 17.000 Inseln von Indonesien. Während wir uns nach dem Paradies sehnen, möchte der Touristenführer Muliyani aus Indonesien am liebsten ganz woanders sein. So wie viele seiner Landsleute ist er auf den Tourismus angewiesen und erhält keine Sozialleistungen, wenn seine Jobeinnahmen wegfallen. Muliyani erzählt, wie es ihm seit dem Beginn der Pandemie ergeht. 

Die Strände sind leer, die Straßen verlassen, die Schiffe ruhen in der Bucht. Seit dem Ausbruch von Corona fristet die Insel Lombok ein einsames Dasein. Stille ist auf dem grünen Eiland eingezogen, welches vor Corona ein beliebtes Touristenziel gewesen ist.  

Jeder Tag in Indonesien ist ein Kampf

Ein Großteil der Einwohner lebt dort von der Reiselust der Menschen. So auch der 50-jährige Muliyani. Seine berufliche Grundlage hängt ausschließlich vom Tourismus ab. Er informiert Urlauber über Land und Leute, arbeitet als Guide und organisiert individuelle Routen über die Insel. Bisher konnte er davon gut leben und seine Familie ernähren, doch seit dem Ausbruch der Pandemie hat er keine Aufträge mehr. Seine Existenzgrundlage ist stark gefährdet. „Vor Corona hatten wir ein gutes Leben. Die Geschäfte liefen gut“, erzählt der Touristenführer. „Jetzt ist alles schwer. Wir müssen jeden Tag aufs Neue schauen, wie wir an Essen kommen.“

Es ist eine globale Katastrophe

Im März 2020 stoppte die indonesische Regierung die Einreise ins Land und auch den heimischen Tourismus. An dieser Lage hat sich bisher nichts geändert. Und auch das Auswärtige Amt schreibt: „Touristen ist die Einreise nach Indonesien bis auf Weiteres nicht gestattet“. Seitdem ist für Muliyani jeder Tag ein Kampf ums Überleben. „Es ist ein Albtraum“, sagt er. „Eine globale Katastrophe.“ Viele seiner Freunde haben ebenfalls ihre Jobs verloren, manche ihren ganzen Besitz. „Den Leuten, die für die Regierung arbeiten, geht es noch etwas besser als uns“, erklärt der Familienvater. 

Doch Not macht erfinderisch. Einer seiner Kollegen, ebenfalls Touristenführer, verkauft nun jeden Morgen Obst auf dem heimischen Markt. Bananen und Melonen. Aber allein ist er mit dieser Idee nicht – die Konkurrenz ist groß, die Anzahl der Käufer jedoch klein.

Auch auf Bali haben die Bewohner Schwierigkeiten

Auf der gegenüberliegenden Insel Bali sieht es nicht anders aus. Eine der wohl beliebtesten Touristendestinationen liegt jetzt vereinsamt da. „Vor Corona war die Stimmung hier fantastisch. Jetzt ist es überall ruhig“, erzählt Kadek Jayeng Rana. Er kommt aus Ubut, einem kleinen Künstlerdorf auf Bali. Der 39-Jährige ist Besitzer eines Restaurants und hat vor Corona Batikkurse für Touristen angeboten. Die Folgen der Pandemie zwangen ihn dazu, seinen Laden zu schließen. Um seine zwei Söhne ernähren zu können, musste er kreativ werden. Er hat vor seinem Haus einen kleinen Stand aufgemacht. Dort verkauft er mit seiner Frau gekochten Reis, verpackt in Bananenblätter. 

Um ihre zwei Söhne weiterhin versorgen zu können, mussten Kadek und seine Frau kreativ werden. Kadek und seine Frau verkaufen Reis am Straßenrand. | Fotos: privat.

Nur wenige Einwohner sind versichert

Nur wenige Einwohner Indonesiens verfügen über eine Krankenversicherung, geschweige denn über eine Arbeitslosenversicherung. Und so etwas wie Hartz IV? Gibt es nicht. „Ich habe nicht eine einzige Versicherung“, bestätigt Muliyani. Seit dem Ausbruch der Pandemie hat der Touristenführer dreimal Unterstützung vom Staat bekommen. „Mir wurde Geld auf mein Konto überwiesen“, sagt Muliyani. Es war eine Erleichterung für ihn. „Ich versuche die ganze Zeit einen anderen Job zu finden, doch für jemandem in meinem Alter ist das nicht leicht.“

Impfen auf 17.000 Inseln Indonesiens

Schwer ist es auch für das Land, die etwa 270 Millionen Einwohner zu impfen. Es stellt eine Hürde dar, alle 17.000 Inseln des weltweit größten Inselstaates zu erreichen, ohne dass die Impfdosen ihre Wirkungskraft verlieren. Wenn es keinen Flughafen auf den Inseln gibt, muss die Fahrt mit dem Boot angetreten werden. In Kühlboxen wird der Impfstoff dann gelagert, während er das Meer überquert. Und sobald er an Land ist, kommt er provisorisch in Kühlschränke. Doch sollte einmal der Strom ausfallen, wäre der ganze Impfstoff unbrauchbar.

Im Gegensatz zu Deutschland hat das Virus Indonesien bisher nicht ganz so stark getroffen. Auf 270 Millionen Einwohner kommen etwa 1,5 Millionen Infizierte (Stand April, aktuelle Zahlen über die WHO). Deutschland im Vergleich verzeichnet eine Zahl von circa drei Millionen Infizierten, bei einer Einwohnerzahl von 80 Millionen.  

Der Glaube stärkt

Ein paar von Muliyanis Bekannten sind auch schon infiziert gewesen. Der Inselbewohner denkt, dass die medizinische Versorgung auf der indonesischen Vulkaninsel ganz gut ist. Muliyani glaubt auch, dass die Regierung es schaffen wird, das Virus zu bekämpfen. Mittlerweile wurden dort schon die ersten Menschen geimpft. Es ist ein Zeichen der Hoffnung. 

Auch wenn für Muliyani jeder Tag ein Kampf ist, gibt er nicht auf. Sein tiefer Glaube stärkt ihn. Er ist Muslim, betet fünf Mal am Tag und reinigt seinen Körper davor mit Wasser. „Die Religion gibt uns Kraft und das Selbstvertrauen, um die schwere Zeit mit dem Virus zu überstehen.“ 

Vor Corona war Muliyanis Welt noch in Ordnung. Hier zu sehen: Muliyani auf einer Bootstour mit seinen Kunden. | Foto: privat

Autorin: Anna Strathmeier. Zitate übersetzt aus dem Englischen.