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INTERVIEW: ANDREW MANZE UND MATTHIAS ILKENHANS

Ich bin oft nichts anderes als ein Verkehrspolizist

Die NDR Radiophilharmonie unter Leitung des britischen Dirigenten Andrew Manze zählt zu den kulturellen Aushängeschildern der UNESCO City of Music Hannover. radius/30 traf Andrew Manze und den Abteilungsleiter der NDR Radiophilharmonie Matthias Ilkenhans im NDR Funkhaus am zweiten Tag der Proben zur neuen Konzertsaison 2019/2020 zum Interview. Dabei erfuhren wir, was Dirigenten mit Therapeuten, aber auch mit Verkehrspolizisten gemein haben. Und warum Musiker eine straffe Organisation lieben.

Interview: Bernd Schwope

radius/30: Herr Manze, es ist 14.30 Uhr und Sie nehmen sich jetzt Zeit für dieses Interview. Was haben Sie vorher in Ihrer Tätigkeit als Dirigent der NDR Radiophilharmonie getan?

Andrew Manze: Ich komme gerade aus der Probe mit dem Orchester. Wir geben am Wochenende Konzerte in Kiel, Husum und Buxtehude. Eine der Kompositionen, die wir dort spielen, ist die 5. Sinfonie von Beethoven. Diese führen wir auch später bei den BBC Proms, im Herbst beim Beethoven-Festival in Hannover und in China auf. Wir proben selten nur für das nächste Konzert, sondern müssen angesichts der hohen Projektdichte stets langfristig denken. Das Orchester kommt im Übrigen gerade aus den Ferien. Gestern ging es mit den Proben los. Toll ist, dass die Kräfte nun wieder aufgeladen sind, es braucht aber auch ein bisschen Zeit, sich wieder zusammenzufinden.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus?

Manze: Ich bin heute beispielsweise um 8 Uhr im NDR gewesen. Ich musste erst mal in das Notenarchiv, um einige Fragen bezüglich der Ausgaben zu klären, aus denen wir spielen. Um 9.30 startete dann die Probe. Sie ging bis eben. Nach dem Interview setze ich mich mit Matthias Ilkenhans zusammen und wir besprechen Organisatorisches. Heute Abend überlege ich mir schließlich, was es alles in der morgigen Probe zu tun gibt.

Und morgen sind Sie um 8 Uhr wieder hier?

Manze: Oh ja. Wir haben für die Saisoneröffnung noch eine Mahler-Sinfonie in Vorbereitung; das ist eine riesige Partitur. Es ist extrem zeitaufwendig, sich ein solches Werk zu erarbeiten. Wenn andere Menschen über das Wochenende sprechen, wissen wir Musiker gar nicht, was das überhaupt ist. Konzerte müssen nun mal in der Freizeit der anderen Menschen stattfinden, davor liegen Proben und das individuelle Üben.

Es braucht ein ganzes Leben, um ein Orchester so führen zu können, dass es einem folgt.

Andrew Manze, Dirigent der NDR Radiophilharmonie

Sie arbeiten als Dirigent und Manager des Orchesters zusammen. Gibt es eine klare Trennung der Arbeitsbereiche?

Manze: Wir sprechen viel über das Programm: welche Musik man auswählt, welche Solisten und welche Dirigenten. Aber das ist mehr sein Part. Ich finde, wir sind auf einer Wellenlänge und einigen uns schnell auf Personen und Themen.

Vielleicht können Sie den Lesern kurz beschreiben, was Ihre Positionen und Aufgabenbereiche genau sind?

Matthias Ilkenhans: Ich bin der Manager des Orchesters, im NDR Organigramm Abteilungsleiter. Ich bin damit der disziplinarische Vorgesetzte von 100 Leuten; dazu gehört das Orchester, aber auch das Management. Es arbeiten allein zwölf Angestellte im Management, aufgeteilt in verschiedene Spezialgebiete. Wir führen ja über 200 Veranstaltungen im Jahr durch. Zudem liegt die Budgetverantwortung bei mir. Dazu kommt die künstlerische Planung, wann wer mit wem was spielt. Andrew ist mein erster Ansprechpartner und schlägt mir vor, welche Programme er selber dirigieren und mit welchen Solisten er arbeiten möchte. Dann kommen die anderen. Aus diesem Dialog ergibt sich das Gesamtprogramm. Wir sind ja nicht nur in Hannover aktiv, sondern im ganzen Sendegebiet des NDR. Zudem touren wir auch außerhalb dieses Gebietes und reisen etwa im November nach China. Wir spielen auf Festivals, machen CD-Einspielungen. Das muss alles organisiert sein.

Manze: Darf ich noch etwas hinzufügen? Matthias ist wirklich ein großartiger Manager, weil er selbst als professioneller Musiker gespielt hat. Er fing sehr früh mit seiner Managertätigkeit an, aber versteht sehr genau, wie Musikerinnen und Musiker fühlen und welches Leben sie führen. Das hilft enorm bei unserer Kommunikation.

Sie sind also Manager mit Erfahrung als Musiker. Herr Manze, Sie sind Dirigent. Wie sieht es mit Ihren Manager-Fähigkeiten aus?

Manze: Die habe ich nicht wirklich. Das ist auch nicht nötig. Das Team hinter Matthias ist so hervorragend, dass alles optimal läuft.

Ilkenhans: In Sachen Managementfähigkeiten muss ich Andrew energisch widersprechen, die hat er in hohem Maße. Darüber hinaus ist er ein sehr organisierter Mensch. Das hilft enorm. Und es ist enorm wichtig für die Musiker. Sie merken, dass hier keine Zeit vergeudet wird. Schließlich muss enorm viel Musik nach einem eng verzahnten Zeitplan geprobt werden.

Musiker sind von Natur aus Perfektionisten.

Matthias Ilkenhans, Abteilungsleiter der NDR Radiophilharmonie

Wie genau stimmen Sie sich in diesem Bereich ab?

Manze: An dem Probenplan der nächsten Monate bis Weihnachten arbeiten wir seit einem Jahr. Es ist eine herausfordernde Angelegenheit, so viele Programme und Konzerte einzustudieren. Die Musiker sind schließlich auch nur Menschen. Sie haben ein Familienleben, müssen sich gut und relaxt fühlen, wenn sie auf die Bühne gehen und sollten wissen, dass wir uns um sie kümmern. Organisation ist alles, damit sich alle besser fühlen. Und auch besser spielen. Egal, ob Jahresplanung oder Planung eines Probentages – es muss fein abgestimmt sein, damit es funktioniert.

Ilkenhans: Man muss bedenken: Musiker sind von Natur aus Perfektionisten. Sie hassen es, Zeit zu verlieren. Und das zweite ist, sie mögen es nicht, wenn nicht genügend Zeit da ist, alles auf den Punkt einzustudieren. Das ist bei einem engen Zeitplan oft das große Problem.

Vieles lässt sich aber nicht planen, weil Überraschungen nicht geplant werden können. Wie gehen Sie mit „Murphys Law“ um?

Manze: Ein Beispiel: Für heute hatte ich mir vorgenommen, diese eine bestimmte Stelle in 20 Minuten zu proben. Schlussendlich wurden es 40 Minuten. Ich musste also andere Parts anders angehen. Manchmal spürt man auch, dass die Konzentration und das Feeling bei den Musikern nachlässt. Dann unterbreche ich und gehe zu einer anderen Stelle. Manchmal aber lasse ich sie einfach spielen. Das ist manchmal der kürzeste Weg zum Ziel.

Weil der erste Versuch meist der Beste ist?

Manze: Das kann passieren. Muss aber nicht. Heute bei den Proben hatte ich das Gefühl, dass die Musiker ein wenig müde sind. Niemand hat es gesagt, aber ich war mir sicher, weil die Energie nicht spürbar war. Also haben wir erstmal eine Pause gemacht, danach ging es deutlich besser.

Ilkenhans: Ich denke, als erfolgreicher Dirigent, muss man über ein großes psychologisches Geschick verfügen, das Andrew ohne jeden Zweifel hat.

Das vollständige Interview mit Andrew Manze und Matthias Ilkenhans …

Das vollständige Interview mit Manze und Ilkenhans finden Sie in unserer Ausgabe 3/2019.