Interview: Ninia LaGrande Binias

20. April 2020

„Ich mach jetzt mal digital detox“

Es braucht ein langes Interview, um alle Facetten der Ninia „LaGrande“ Binias (*1983) zu erfassen. Sie moderiert vor der Kamera und auf der Bühne verschiedenste Formate, tritt bei Poetry Slams auf und organisiert sie. Sie schreibt Bücher. Und Kolumnen und Glossen für Zeitungen, Print und Onlinemagazine. Sie produziert Podcasts. Und dann ist sie auch Vorsitzende des Beirats zur Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt 2025. Das und noch viel mehr ist Ninia Binias. Wie sie das alles geworden ist und was alles noch kommen wird, erklärte sie uns in einem Interview in ihrer Lindener Wohnung.

radius/30: Ninia, welche Berufsbezeichnung führst du auf deiner Visitenkarte?

Ninia Binias: Moderatorin, Autorin, Slam-Poetin.

Wenn man deine Vita durchliest, dürfte das als Auflistung deiner Tätigkeiten gar nicht ausreichen. Oder?

Im Grunde schon. Viele schreiben gerne Bloggerin hinzu. Verkehrt wäre das nicht. Ich schreibe Texte und Kolumnen für Magazine und Onlinemedien, aber im klassischen Sinne blogge ich nicht mehr. Heute bezeichnen ja alle ihren Instagram-Account als Blog, wenn da mehr als nur ein Satz steht.

Wer sieben Fotos ohne Zusammenhang hintereinander postet, hat ja auch eine sogenannte „Story“.

Stories mach ich auch. Aber das ist nicht das klassische Bloggen. Bloggen ist, was vor acht bis zehn Jahren passierte. Da veröffentlichten viele ihre eigenen Artikel auf ihrer eigenen Seite.

Ninia LaGrande Binias bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: auf der Bhne stehen.
Bild: Matthias Stehr

Wann hast du angefangen? Etwa schon zur Schulzeit?

Ich hab schon als kleines Kind in meinem Zimmer gesessen und eigene Radiosendungen auf dem Kassettenrekorder aufgezeichnet. Die Songs dazu habe ich auch selber gesungen (lacht).

Und wie wurde die Hobby-Radiomoderatorin zu einer richtigen Moderatorin?

In der Schule moderierte ich schon mal Sommerfeste. Ich bin auch mal mit einer Tanznummer aufgetreten, weil ich viel Ballett getanzt habe. Und ich war jahrelang in der Theater-AG. Später studierte ich Germanistik und Kunstgeschichte in Marburg und Göttingen. Da gab es keinen NC; ich hatte ja ein eher schlechtes Abi. Wie so viele wollte ich etwas mit Medien machen, aber nicht Journalismus studieren. Ich versuchte über Praktika reinzukommen. Am liebsten ganz klassisch bei einer Frauenzeitschrift. Ich war ein halbes Jahr in München. Die Zeitschrift gibt es gar nicht mehr, sie hieß Celebrity. Die war für die etwas gehobenere Frau ab 35 mit dem Louis-Vuitton-Portemonnaie. Da ging es um Themen wie: Wo fährt Heidi Klum in den Winterferien hin? Das war schon ein spannendes Leben. Immer abends unterwegs, Küsschen hier, Küsschen da. Aber ich habe schnell gemerkt: Das will ich nicht mein ganzes Leben lang machen. Das ist intellektuell nicht herausfordernd genug.

Hannover ist für mich als Moderatorin perfekt.

Ninia LaGrande Binias

Warum bist du wieder in Hannover gelandet?

Ich habe eher zufällig ein Volontariat in der Unternehmenskommunikation bei der Schlüterschen Verlagsgesellschaft bekommen. Im Anschluss arbeitete ich ein Jahr in der Unternehmenskommunikation. Dabei durfte ich im Mitarbeitermagazin eine eigene kleine Rubrik verantworten, in der ich das Internet erklärt habe. Das war 2009. Ich schrieb über Themen wie Augmented Reality und erklärte, was eigentlich Twitter ist.

Und dein eigener Blog? Wann ist der entstanden?

Das war so um die Zeit. Ich war damals 26. Nach einer Weile Bloggerei hab ich eher aus Jux und Tollerei einen Text über die Zeitschrift „Mädchen“ geschrieben. Die lag in der WG-Küche herum. Ich habe die ja auch als Teenie gelesen. Jetzt aber erst wurde mir bewusst: Was ist das für ein Scheiß! Auf der einen Seite steht: Sei so, wie du bist. Auf der anderen: Sei so, dass dich die Jungs mögen. Das habe ich lustig auseinandergenommen. Den Text hat der Bild-Blog aufgenommen, warum auch immer. Und auf einmal schoss die Klick-Zahl von bisher 30 auf 9.000 um neun Uhr morgens.

Der Startschuss, das Bloggen zu intensivieren?

Ja, von den 9.000 sind einige auf meinem Blog geblieben. Ich merkte schnell, welche Themen funktionieren, was polarisiert. Und so ging das los.

Kannst du dich noch an deinen ersten Poetry Slam erinnern?

Das war noch in Göttingen. Ich bin mit einer Freundin hin. Das kann ich auch, hab ich mir danach gesagt. Es gibt ja keine Eingangskontrolle. Ich habe schon immer für mich geschrieben und viel Impro-Theater gespielt. Ich habe kein Problem, auf die Bühne zu gehen. Was ich vorher nicht wusste, ist, dass ich auch Texte vorlesen kann, ohne dass ein Wasserglas auf dem Tisch steht und mir ein Verlag erst erlauben muss, meine Texte vorzutragen.

„Die Bühne ist mein Lieblingsmedium. Auch wenn das ein wenig egozentrisch wirkt – ich brauche das direkte Feedback.“

Ninia LaGrande Binias

Und dann hast du dich angemeldet?

Ich bin beim nächsten Mal einfach hin und habe mich in die offene Liste eingetragen. Dann habe ich meinen Text vorgelesen. Es war nicht so schlimm, dass ich es nicht noch mal versucht hätte. Und die zwei Typen, die das organisierten, waren froh über jede Frau, die auf die Bühne kam. Und dann noch eine Frau, die lustig ist. Die waren also richtig hinterher, dass ich wiederkomme. So lernte ich andere Slammer aus anderen Städten kennen, die in ihren Städten ihre eigenen Slams organisierten. Da ich ja eh jeden Tag von Göttingen nach Hannover fahren musste, hatte ich die Bahncard100. Ich konnte also Veranstalter anschreiben: Ich brauche kaum Fahrtkosten und würde gern bei euch auftreten. Dann ging es schnell, bis ich nicht mehr fragen musste, sondern gefragt wurde, ob ich kommen will.

Aber als Einkommensquelle sind Poetry Slams sicherlich nicht geeignet?

Du verdienst dabei nichts! Fahrtkosten, eine Übernachtung, eine Pizza und ein Bier – das war’s. Nein, das ist kein Finanzierungsmodell. Wenn du das Poetry-Slammen freiberuflich ausübst, finanzierst du dich entweder über Workshop-Arbeit an Schulen oder du bringst ein Buch heraus. Aber reich macht dich das auch nicht. Die beiden Bücher, die ich bislang herausgebracht habe, sind im Blaulicht Verlag erschienen. Das ist ein Verlag, den ein Slammer aus Helmstedt macht. Manchmal wirst du zu Veranstaltungen eingeladen, bei denen es auch Gagen gibt. Oder Unternehmen bezahlen dich, damit du Texte zu bestimmten Themen oder Konferenzen schreibst. Es ist jetzt zwölf Jahre her, dass ich bei einem Slam aufgetreten bin. Ich bin ber die Slam-Schiene in die Moderation reingerutscht und habe dabei gemerkt, das ist fast noch mehr mein Ding. Zumal man hier auch mehr verdient. Ich moderiere sehr viele Konferenzen.

Das vollständige Interview mit Ninia „LaGrande“ Binias …

… finden Sie in unserer Ausgabe 1/2020.

Interview: Bernd Schwope