KULTUR UND KREATIVITÄT MÜSSTEN STANDORTTHEMA WERDEN

17. Dezember 2018

Kai Schirmeyer ist Projektleiter für die Branchenentwicklung bei hannoverimpuls und Geschäftsführer des kre|H|tiv Netzwerk e. V. Das Netzwerk versteht sich als Vertretung für alle Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft aus der Region Hannover.


Herr Schirmeyer, was zeichnet den Standort Hannover für die Kreativ- und Kulturwirtschaft aus?
Kai Schirmeyer: Vor 8 Jahren wurde bei hannoverimpuls eine Clusterinitiative mit EFRE-Mitteln ins Leben gerufen. Vorher gab es eine Studie zur Bedeutung von einzelnen Branchen für Region und Wirtschaft. In dieser wurde festgestellt, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft auf Platz 3 lag und damit eine wichtige Bedeutung in der Region Hannover einnimmt. Es fiel schnell die Entscheidung, sie ganz gezielt zu fördern, da sie sehr speziell ist – kleinteilig, individuell, niedrig verdienend – und sie deshalb anders behandelt werden muss als andere Branchen. Aus diesen Überlegungen entstand der kre|H|tiv Netzwerk e. V., in dem die Mitglieder selbst entscheiden können, wie sie sich organisieren, denn das bildet die Strukturen der Branche am besten ab. Mit 360 echten Mitgliedern ist der Verein inzwischen das größte Branchennetzwerk dieser Art in Deutschland. Es dient der Qualifizierung, Vernetzung, Unterstützung und Förderung der Menschen, die in der Kreativ- und Kulturwirtschaft tätig sind. Die Angebote orientieren sich stark an den Bedürfnissen der Mitglieder. Es gibt keine Langzeitstrategie, dadurch kann jederzeit auf spontane Änderungen reagiert werden.

Neben der Erkenntnis, dass die Branche speziell ist, gab es eine weitere wichtige Erkenntnis: Die Branche nimmt branchenübergreifend wichtige Aufgaben wahr wie beispielsweise das Standortmarketing. Dadurch hat sie Einfluss auf den Zuzug von Fachkräften. Und es gab noch eine Erkenntnis: Zahlreiche kreative Arbeitsformen wie Coworking oder Design Thinking sind in der Kreativ- und Kulturwirtschaft zu Hause, die sich auch gewinnbringend auf andere Branchen übertragen lassen. Damit ist die Branche ein Innovationsmotor für andere Branchen und den Standort.

Was schätzen Sie an Hannovers Kreativszene und wo gibt es Nachholbedarf?
Ich bin in unterschiedlichsten nationalen und internationalen Netzwerken, die sich zum Thema Kreativ- und Kulturwirtschaft austauschen. Was mir dort auffällt: Vor einigen Jahren war Hannover deutlich vorne, inzwischen wurden wir von anderen Städten überholt, weil dort übergreifender gearbeitet wird. Hier in der Region Hannover gibt es beispielsweise eine klare Trennung von Kultur und Kreativbereich, Standort- und Städteplanung sind nicht involviert. Da sind uns andere Städte voraus, indem sie aus Kultur und Kreativität ein strategisches Thema machen. Es wird die Entscheidung getroffen: Wir sind ein Kreativstandort und dann geschaut, wie die Details ausgerichtet werden müssen, um diese Voraussetzung ideal zu erfüllen. In diesen Städten wird übergreifender, interdisziplinärer gearbeitet. Kultur und Kreativität sind dort dann Standortthemen, keine Branchenthemen. Zu einer so konsequenten Entscheidung fehlt in der Region Hannover noch der Mut.

Mit welcher Stimmung blicken Sie in die Zukunft?
Insgesamt befinden wir uns auf einem guten Level, es ist aber mit mehr Mut und Konsequenz durchaus noch ausbaufähig. Eventuell kann die Bewerbung zur Kulturhauptstadt dies noch optimieren – das wird sich in den nächsten 1,5 Jahren zeigen.

www.kre-h-tiv.net