#kaufthannoverkunst – ein Projekt für Kunstschaffende

20. Mai 2021

Künstlerin Petra Thölken gibt Malkurse – in ihrem Atelier Künstlerstreich und auf dem gleichnamigen YouTube-Kanal. Auch die Entstehung dieses abstrakten Gemäldes ist auf YouTube zu sehen.

Neben der knarrenden, hölzernen Scheunentür an der Hauptstraße in Hemmingen steht auf einem Schild: Kathrin Schwarz, Künstlerin. Hinter der Tür öffnet sich ein hoher Raum mit Holzbalken an der Decke. „Hier standen früher die Fuhrwerke“, erklärt Kathrin Schwarz. Weiter hinten in der ehemaligen Scheune geht es auf der linken Seite in ihr Atelier mit seinen weiß getünchten Wänden, schwarzen Holzbalken und Fenstern, die den Blick auf einen Innenhof und eine Wiese bieten. An den Wänden hängen Fische aus Ton, bunte Bilder lehnen an der Wand. Links von der Tür steht ein großer Tisch, auf dem Pinsel, Farben und weitere Malutensilien stehen. Kathrin Schwarz ist eine von fünf Kunstschaffenden, die an dem digitalen Projekt #kaufthannoverkunst des Lichtbildhauers Franz Betz und der Journalistinnen Sonja Steiner und Sarah Franke aus Hannover teilnimmt.

Bei #kaufthannoverkunst geht es darum, Kunstschaffende und ihre Werke durch die Präsentation in den sozialen Netzwerken Instagram, Facebook und YouTube bekannt zu machen und so mehr Interessentinnen und Interessenten anzulocken, als es mit den eigenen Webseiten möglich ist.

„Nicht das Erschaffen der Kunst, sondern das Verkaufen der Werke stellt das eigentliche Problem für viele Kunstschaffende dar“, sagt Initiator Franz Betz. Die Corona-Krise mache diesen Mangel überdeutlich. Hannover als Ort, in dem das erfolgreiche Verkaufen gelernt werden kann, könne viele Talente in die Stadt bringen und Impulse nach außen geben, ist er sich sicher. Und „mit der im Vergleich zu anderen Großstädten geringsten Galeriedichte in Deutschland könnte ein neues Feld auf dem Kunstsektor eröffnet werden“.

Für diese mit dem Innovationspreis des KreHtiv-Netzwerks Hannover ausgezeichneten Idee gewannen Franz Betz, Sonja Steiner und Sarah Franke die Region als Förderer und wählten fünf sehr unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler für das Projekt aus. Dazu zählen neben Kathrin Schwarz (Malerei/Plastiken), Nina Aeberhard (Malerei/Fotografie), Petra Thölken (Malerei) sowie die Künstler Waldemar Mirek (Malerei/Keramik) und Jan-Philippe Lücke (Maler). Alle Genannten wohnen in Hannover – bis auf Kathrin Schwarz, die auf dem erwähnten alten Hof in Hemmingen lebt und arbeitet.

Dort packt Sarah Franke, in diesem Projekt die Spezialistin für Video und Social Media, ihr Equipment für den Video-Dreh aus. Sie baut ein Mini-Stativ auf dem Tisch auf. „Das Licht ist ok so, setzt Du dich bitte noch ein wenig weiter nach rechts“, bittet sie Kathrin Schwarz. „Ich bin ein wenig aufgeregt“, meint Kathrin lachend, „ich bin noch nie gefilmt worden.“ „Keine Sorge, es kann alles, was Dir nachher nicht gefällt, herausgeschnitten werden“, beruhigt sie Sarah Franke. Eine gute halbe Stunde unterhält sich die Künstlerin mit der Autorin dieses Textes, während Sarah Franke sie mit einem zweiten Smartphone aus weiteren Perspektiven filmt. Die Atmosphäre entspannt sich nach wenigen Minuten.

Nach dem Interview, das die Videojournalistin später für insgesamt vier kurze Videos verwenden wird, überlegen sich die drei weitere Einstellungen. „Der Hase mit den roten Stacheln ist toll, vielleicht kannst Du ihn auf eine Drehscheibe stellen und sie von unten drehen, dann filme ich das“, bittet Sarah Franke die Künstlerin. Eine weitere ungewöhnliche Perspektive entsteht, als die Journalistin ihr iPhone in den Brennofen legt und so von unten filmt, wie Kathrin den Deckel des Ofens langsam schließt.

Von links: Schwarzlicht-Objekte des Künstlers Waldemar Mirek. Petra Thölken: gezielter Schuss auf die Leinwand.
Nina Aeberhard in ihrem Atelier am Schwarzen Bären.

In diesem Pilotprojekt geht es auch darum, auszuprobieren, was zu dem jeweiligen Setting und zu den Werken passt – schließlich sollen die etwa eineinhalb Minuten langen Clips auf die Werke und deren Urheber und Urheberinnen neugierig machen. Franz Betz sagt dazu: „Die Digitalisierung bietet die einzigartige Möglichkeit, diese Idee umzusetzen und #kaufthannoverkunst als digitalen Ort und als Marke aufzubauen. Hier soll der Erwerb von Kunst mit lokalem Bezug auf niedrigschwellige Weise angebahnt werden“. Damit sei auch gemeint, dass die kurzen Filmporträts die Kunstschaffenden auf sympathische Weise den an Kunst Interessierten nahegebracht werden sollen. In den drei bis vier Clips verraten sie, wie sie zur Kunst gekommen sind, was sie am meisten beschäftigt, wie sie ihre Kunst gesellschaftlich verorten – und wie sie zum Verkaufen ihrer Werke stehen. „#kaufthannoverkunst kann auch als Aufforderung begriffen werden, mit dem Erwerb von lokaler Kunst die Kunstszene nachhaltig zu stärken“, macht Franz Betz deutlich.

Nach drei Stunden Interview und Video-Dreh in Kathrin Schwarz’ Atelier ist eine große Bandbreite an Einstellungen und Szenen für die Videoclips zusammengekommen. Doch als die drei Frauen vor das große alte Scheunentor treten, hat Sarah Franke noch eine Idee: „Lass uns noch eine Einstellung machen, wie Du hineingehst, Kathrin“, meint sie – dies wird später in einem der Videos als Anfangssequenz zu sehen sein.

Szenenwechsel: Ihmezentrum, Linden-Nord, Hannover. „Ich liebe das Ihmezentrum“, schwärmt Jan-Philippe Lücke und lächelt spitzbübisch, als wolle er sagen: „Na, was kommt jetzt als Reaktion?“ Der Künstler führt das Team von #kaufthannoverkunst in einen unscheinbaren Eingang im Turm 1, mit einem Fahrstuhl geht es in den vierten Stock. Das Atelier des 30-Jährigen bietet einen Panorama-Blick über Limmerstraße, Fössestraße und Elisenstraße. „Ich arbeite hier schon seit Jahren, früher habe ich hier auch gewohnt“, erzählt Jan-Philippe Lücke, dessen Markenzeichen sein Hut und seine zerwuselte James-Dean-Tolle sind. Bescheiden, denn das hier ist ein Ein-Zimmer-Appartement. „Ich arbeite vor allem auf dem Boden“, erklärt der Künstler und wird es nach dem Interview auch live zeigen.

„Ich finde euer Projekt ganz toll. Was mir aufgefallen ist, viele Künstler haben irgendwie Angst vor Geld, das geht mir nicht so. Ich habe den Anspruch, von meiner Kunst zu leben. Und ich sehe es so, dass es eine Wertanlage ist, die die Käufer mit meiner Kunst erwerben – dafür muss ich ihnen auch etwas bieten. Und das funktioniert!“, erzählt Lücke, der sich nebenbei seit Jahren für das Ihmezentrum einsetzt und überhaupt sehr gut vernetzt ist. Der Dreh mit dem Künstler in Aktion stellt für Sarah Franke eine andere Herausforderung dar: wenig Platz, Extra-Licht, das installiert und richtig platziert werden muss. Und ein Künstler, der auf dem Boden kniet und mit einer alten Postkarte mit schnellen Bewegungen Farbe auf einer auf dem Boden liegenden Leinwand verteilt.

Auch in Waldemar Mireks 13,5 Quadratmeter großen Galerie an der Deisterstraße mit ihren vielen zerbrechlichen Objekten aus Glas und Fundstücken ist es eine logistische Herausforderung für Sarah Franke, wobei die spannendste Situation kommt, als Waldemar Mirek seine Schwarzlicht-Skulpturen präsentiert. Diese besonderen Lichtmomente werden die Highlights in einem der fünf Clips zu dem aus Polen stammenden Künstler.

Von links: Waldemar Mirek mit einem seiner Objekte in der Galerie in der Deisterstraße. Maler Jan-Philippe Lücke arbeitet in seinem Atelier im Turm 1 des Ihmezentrums auf dem Boden, wobei er eine Postkarte zum Verteilen der Farbe benutzt.
Die Künstlerin Kathrin Schwarz mit einem Vogelobjekt.

Genauso besonders ist das Hobby von Petra Thölken, das zu einem Element ihres künstlerischen Schaffens geworden ist: Petra Thölken ist Bogenschützin. In ihrem großen Atelier in der Südstadt steckt ein Pfeil in der Mitte altrosafarben aufgetragener Pinselstriche eines ansonsten in Grau gehaltenen großformatigen Bildes. Für das Projekt #kaufthannoverkunst holt sie Pfeil und Bogen heraus und beweist ihre Treffsicherheit – live gefilmt zu sehen in einem der fünf Videos über die Malerin, die selbst eine Kunstschule und auch einen YouTube-Kanal betreibt.

Die Pilotphase habe gezeigt, wie vielfältig die Persönlichkeiten der Künstlerinnen und Künstler sind und „wie wichtig es ist, eine zentrale Anlaufstelle für interessierte Kunstkäuferinnen und Käufer aus Hannover, Deutschland und der ganzen Welt mit Bezug zur Leinestadt zu etablieren. Hier gibt es ein Vakuum, das es wie „Made in Germany“ oder „Fashion born in Hanover“ zu füllen gilt – im Sinne der Kunstschaffenden, der Stadt und der Kultur“, ist Franz Betz überzeugt.

Und er hat auch schon Ideen, wie es mit dem Projekt weitergehen könnte. Waren es bislang diejenigen, die Kunst erschaffen, sollen „in einer zweiten Phase nun auch die Kunstkäuferinnen und Kunstkäufer zu Wort kommen“, berichtet der Initiator von #kaufthannoverkunst weiter. „Nicht jeder will sich öffentlich zeigen, doch wir wollen möglichst viele ermutigen, diesen Schritt zu gehen. Darüber hinaus plant das Team Workshops mit Fachleuten, die die Kunstschaffenden befähigen, eigene Inhalte zu produzieren und zu verteilen. Als weitere Aktion ist im Sommer ein Speeddating zwischen Kunstschaffenden und Kaufinteressierten geplant. „Ob wir diese Ideen umsetzen können, hängt von der weiteren Finanzierung ab – wir freuen uns über alle Förderer, die mit unserem Projekt die freie Kunstszene Hannovers unterstützen wollen.“ 

Im Interview: Sarah Franke: „Die Jüngeren sind die Kunstkäufer:innen von morgen“

Sarah, woher kommt Deine Leidenschaft fürs Video-Drehen?

Sarah Franke: Mein Vater hat mir mit sechs oder sieben Jahren eine Fotokamera zu Weihnachten geschenkt. Damit habe ich meine Kuscheltiere fotografiert und alle waren sauer, weil der Film immer so schnell voll war. Und dann, mit elf oder zwölf Jahren, bekam ich eine Digitalkamera mit Videofunktion, allerdings ohne Ton. Also schnitt ich meist Musik über das Bild. Ich plante Szenen passend zu meinen Lieblingssongs und drehte mit Freund:innen so eine Art Musikvideos. Zum Glück sind die aber nie bei YouTube gelandet, sondern einfach nur für uns eine lustige Erinnerung (lacht).

Das heißt, Deine ersten Video-Erfahrungen waren spielerisch?

Ja, das Videodrehen habe ich mir autodidaktisch beigebracht. Dadurch habe ich einen Blick für die Bilder entwickelt. Wie man journalistische und seriöse Formate filmt und schneidet, habe ich im Journalistik-Studium gelernt. Auch während meines Volontariats war ich hin und wieder als Videoproduzentin unterwegs.

Was war Deine größte Herausforderung bei dem Projekt #kaufthannoverkunst?

Die Atmosphäre gut einzufangen! Eine Kamera ist für viele eine größere Barriere als Block und Stift. Ich habe also versucht, mich unsichtbar zu machen, damit die Gesprächssituation und die Szenen hinterher möglichst natürlich aussehen. Was zusätzlich dabei geholfen hat, ist, dass ich die Videos für #kaufthannoverkunst mit einem hochwertigen Smartphone gefilmt habe. Einerseits ist das Gerät klein, die Menschen vor der Kamera können es leicht gedanklich ausblenden. Und andererseits kennt jeder Smartphones aus dem Alltag, im Gegensatz zu einer wuchtigen Videokamera.

Ist denn ein Smartphone vergleichbar mit einer Filmkamera?

Vergleichbar ist es sicherlich nicht. Aber es kommt ja immer drauf an, was man damit machen möchte. Bei #kaufthannoverkunst drehen wir keine Kinofilme, sondern Content für Facebook, Instagram und YouTube. Dafür ist ein HD-filmendes Smartphone ein hervorragendes Werkzeug.

Welche Idee steckt hinter den kurzen Clips?

Pro Künstler:in veröffentlichen wir auf unseren Kanälen drei bis vier Clips. Mit mehreren kurzen Clips kann man mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Kanälen generieren als mit einem einzelnen langen. Durch das häufigere Posten wird ein Wiedererkennungseffekt geschaffen.

Wie sind die Videos konkret entstanden?

Während des Drehens vor Ort hatte ich schon eine grobe Idee zu den einzelnen Clips. Ich habe dann zu Hause zuerst das jeweilige Interview transkribiert und mich am Inhalt orientiert. Wahrscheinlich liegt diese Vorgehensweise daran, dass ich in erster Linie Journalistin bin. Die Optik, also Schnittbilder, habe ich um die spannendsten Interview-Aussagen unserer Künstler:innen herumgebaut.

Das Projekt #kaufthannoverkunst soll ja Kauf-Interessierte ansprechen, das ist doch eher ein älteres Publikum. Warum wird hier auf Social Media und nicht auf Print gesetzt?

Die Statistik unseres Kanals zeigt: Wir erreichen mit Instagram zu je etwa einem Viertel Menschen zwischen 25 und 34, zwischen 35 und 44 und zwischen 45 und 54 Jahren. Das Gute ist, dass man so auch junge Menschen auf Kunst aufmerksam macht und Schwellenängste zu Künstlerinnen und Künstlern abbaut. Denn die Jüngeren sind die Kunstkäufer:innen von morgen.

Text: Sonja Steiner
Bilder: Sarah Franke, Sonja Steiner