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MAN LERNT NIE AUS


Lebenslanges Lernen – es klingt ein bisschen nach lebenslänglich. Dabei ist es kein Urteil, sondern eine große Chance. Mit Schule, Studium oder Ausbildung ist es längst nicht geschafft – eigentlich geht der Lernprozess sogar dann erst richtig los. Und das nicht nur im beruflichen, sondern auch im persönlichen Kontext.

Der Alltag und die Arbeitswelt werden immer komplexer. Globalisierung und Digitalisierung sorgen für eine rasante Weiterentwicklung der Gesellschaft – Produkte und Innovationen veralten immer schneller und müssen durch neue Entwicklungen ersetzt werden. Deshalb ist es umso wichtiger, lebenslang zu lernen und sich nicht abhängen zu lassen – und zwar sowohl für den Einzelnen im Hinblick auf das Zurechtkommen im Alltag und den Erhalt der eigenen Berufstätigkeit als auch für die Wirtschaft, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und wettbewerbsfähig zu bleiben. Lebenslanges Lernen müsste demnach eigentlich den gleichen Stellenwert in der Gesellschaft bekommen wie die Erstausbildung. Die fortschreitende Digitalisierung stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Wer sich denen verschließt, wird abgehängt. Wir müssen aber nicht nur dazulernen, sondern auch das Lernen als solches immer wieder neu erschließen. Plötzlich sind wir mit künstlicher Intelligenz konfrontiert oder lernen spielend durch Gamification. Zukunftsforscher gehen davon aus, dass im Jahr 2030 Bildung zum Konsumgut wird. Durch neue Techniken des Lernens wie e-books, Onlinekurse und Webinare wird es nicht länger eine Frage des Geldes, sondern des Engagements sein, sich Bildung zu erschließen. Es geht nicht mehr darum, ob man sich Bildung leisten kann, sondern ob man sich fortbilden möchte. Es ist also Eigeninitiative gefragt.

WIE LERNT MAN LEBENSLANG?
In der Kindheit wird der Grundstein gelegt für den Zugang zu Bildung. Kinder sind auf natürliche Weise neugierig und ihre Wissbegierigkeit lässt sich ideal wecken und fördern. Gefragt sind hier weniger die Kinder selbst, sondern vielmehr Eltern und pädagogisches Personal in KiTas und Grundschulen und idealerweise deren Vernetzung. Als Jugendlicher folgen dann überwiegend schulisch und persönlich strukturierte Lernprozesse. Als junger Erwachsener betreibt man oft ein Hobby, tritt in die Arbeitswelt ein, beginnt die erste Berufsausbildung und steuert auf eine geregelte Berufstätigkeit hin. Bei Erwachsenen ist meist die zeitliche Einbindung in Beruf und Familienleben prägend. Weiterbildung, Fortbildung und Umschulung sind eventuell mit einem Arbeitsplatzwechsel verbunden. Mit fortschreitendem Alter gewinnt man zunehmend an Selbstbestimmung seines Lernens. Viele Senioren nützen diese Lebensphase, um das zu erlernen, was sie eigentlich ihr Leben lang erlernen wollten. Man muss nicht mehr lernen, sondern man kann es. Beispielsweise in einem Seniorenstudium.

LERNEN MACHT GLÜCKLICH UND HÄLT JUNG
Lebenslanges Lernen schafft Selbstvertrauen und erhöht die Lebensqualität. Zum einen ist es wichtig im Job – man kann Experte werden auf seinem Gebiet, den anderen etwas voraushaben oder bei einem bestimmten Thema besonders gefragt sein. Wissen macht glücklich: Eine Prüfung erfolgreich ablegen, macht stolz und zufrieden. Oder eine neue Sprache lernen, in das Land reisen, in dem sie gesprochen wird und sich dort verständigen können. Oder bei Wer wird Millionär die Antwort kennen, bevor die Auswahlmöglichkeiten überhaupt eingeblendet werden – was für ein Triumph! Lernen macht nicht nur glücklich, es hält außerdem jung, denn es trainiert die Flexibilität und Bandbreite des Gehirns, was wir beides benötigen, um jung zu bleiben. Denn je mehr Verknüpfungen wir im Gehirn haben, umso mehr Möglichkeiten haben wir. Altersdemenz betrifft vor allem das Frontalhirn. Dieser Bereich lässt sich gezielt stärken und trainieren. Am besten funktioniert das, indem das Gehirn mit etwas Unbekanntem konfrontiert wird, wie beim Erlernen einer Fremdsprache oder eines Musikinstruments. So bilden sich neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen.

WEITERBILDUNG IM BERUF ZAHLT SICH AUS
Eine höhere Berufsbildung bietet hervorragende Chancen für die Fachkräfte von morgen. Das zeigt die vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vorgelegte Erfolgsstudie Weiterbildung 2018. Aus Sicht der Befragten steht bei einer Weiterbildung mit 66 Prozent der Antworten der Wunsch, eine bessere Position im Job zu erreichen und mehr Geld zu verdienen (46 Prozent) ganz oben. Für fast zwei Drittel der Befragten zahlt sich dieses Engagement auch aus – sie sind entweder nach der Weiterbildung aufgestiegen, haben einen größeren Verantwortungsbereich oder konnten sich finanziell verbessern. Doch auch persönlich brachte ein Abschluss der Höheren Berufsbildung die Fachkräfte weiter: 85 Prozent der Absolventen gaben an, dass sich durch die Weiterbildung ihr Blickwinkel erweitert hat, sie Zusammenhänge besser verstehen und nun souveräner auftreten.

UNLEARNING – DAS POSITIVE AM VERLERNEN
Es geht aber nicht immer nur um das Dazulernen. Seit unserer Schulzeit werden wir in rein additivem Lernen gefördert. Dabei ist es genauso wichtig, Dinge wieder zu verlernen und damit überholtes Wissen zu modifizieren. Nur wer alte Überzeugungen ablegt, kann Neues erschließen. Wir neigen dazu, Informationen abzuwerten oder abzulehnen, wenn diese unserem bisherigen Wissen widersprechen. Viel leichter behalten wir Informationen in Erinnerung, wenn sie unser bisheriges Wissen bestätigen. Informationen, die uns vertraut sind, bewerten wir außerdem höher als solche, die unserem Wissen widersprechen. Informationsquellen für unpassende Informationen vermeiden wir tendenziell. Aber wie gelingt es uns, zu entlernen und Platz zu schaffen für Neues? Im ersten Schritt geht es um das Verständnis, dass bestimmte veraltete Informationen nicht mehr relevant oder richtig sind. Das erfordert Nachdenken und jede Menge Selbstreflexion, denn welche Informationen veraltet sind, ist uns in der Regel gar nicht bewusst. Darauf folgt die Suche nach neuem Wissen. Ist dieses gefunden, müssen wir das Alte loslassen. Im nächsten Schritt geht es darum, die neuen Gewohnheiten und Praktiken zu festigen – gegen die Tendenz, auf die alte Denkweise zurückzugreifen.

KRITIK AM LEBENSLANGEN LERNEN
Zum einen sind die unklaren Begrifflichkeiten in der Kritik, da teilweise unterschiedliche Begriffe synonym verwendet werden und auch die Konzepte dahinter abweichen. Im Rahmen der Bildungspolitik wurde herausgearbeitet, dass es vor allem darum geht, Menschen zu selbstbewusstem, intelligentem und kreativem Handeln zu befähigen. Lebenslanges Lernen ist demnach nicht profit- oder leistungsorientiert. Es geht also nicht darum, sich nach irgendwelchen kurzfristigen Moden zu richten, sondern die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten über das gesamte Leben hinweg zu festigen und zu vertiefen.

MÖGLICHKEITEN ZU LERNEN
Die naheliegendste Möglichkeit zur Weiterbildung ist, an Kursen und Fortbildungen online oder offline teilzunehmen. Die Anbieter sind höchst vielfältig: Von der Industrie- und Handelskammer zertifizierte Kurse für die Weiterbildung sind bei der IHK zu finden. Auch die Handwerkskammer und die Agentur für Arbeit bieten Weiterbildungsmöglichkeiten an. Berufsverbände sind ebenfalls ein passender Ansprechpartner für themenspezifische Weiterbildungen. Das Angebot kritisch hinterfragen sollte man bei privaten Trägern. Neben seriösen Anbietern tummeln sich auf dem Markt auch einige schwarze Schafe. Es empfiehlt sich außerdem, die Form des Abschlusses zu betrachten. Soll die Weiterbildung staatlich anerkannt oder zertifiziert sein? Und wäre ich bereit, dafür eine entsprechende Prüfung abzulegen? Aber auch unabhängig aller Institute findet lebenslanges Lernen täglich statt. Lesen beispielsweise bildet – egal, ob zum Roman oder zu Fachliteratur gegriffen wird. Schon das Entziffern einzelner Wörter aktiviert zahlreiche Gebiete im Gehirn. Aber auch von Kollegen und Freunden lässt sich viel lernen. Was können sie, was wir nicht können? Worin können sie uns unterstützen? Und die wohl spannendste Möglichkeit des Dazulernens: ausprobieren und Neues wagen. Neugierig und mutig die Komfortzone verlassen und damit unsere Synapsen herausfordern. Lebenslanges Lernen ist ein Wert, auf den sich fast alle Deutschen einigen können. Eine Norm, auf die man sich verständigt hat. Das zeigt die sogenannte Vermächtnis-Studie. In dieser Studie sind DIE ZEIT, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das infas institut für angewandte Sozialwissenschaft der Frage nachgegangen, welches Vermächtnis die Deutschen an künftige Generationen weitergeben wollen. Die größte Aufgeschlossenheit zeigten die Befragten bei ihrer Einstellung zum lebenslangen Lernen: Über 70 Prozent gaben an, dass sie offen sind, ein Leben lang etwas Neues zu lernen. Und fast 90 Prozent empfehlen diese Offenheit nachfolgenden Generationen.

WEITERFÜHRENDE INFOS
Das heutige Weiterbildungsangebot und die Vielzahl an Weiterbildungsanbietern sind kaum noch zu überblicken. Mit der Weiterbildungsberatung Hannover bieten die Kooperationspartner Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule und der Bildungsverein Soziales Lernen und Kommunikation e. V. in einem vertraulichen Gespräch Orientierungshilfe und Informationen zu finanziellen Fördermöglichkeiten. Sie unterstützen kostenfrei bei der Auswahl und dem Vergleich von Weiterbildungsangeboten (Kosten, Dauer, Voraussetzungen, Zertifikate, Abschlüsse usw.) und nachzuholenden Schul- und Berufsabschlüssen. Gemeinsam wird der bisherige Ausbildungs- und Berufsweg analysiert und der Weiterbildungsbedarf erfasst, ohne dabei Besonderheiten der Lebenssituation außer Acht zu lassen.

Zum Thema Förderung einer Weiterbildung gibt es Informationen beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Text: Susanne Bührer
Bild: Tim Reckmann, www.pixelio.de