Psychosoziale Notfallversorgung in Hannover

5. Juli 2021

Helfer der PSNV und Betroffene

Bei Schicksalsschlägen stehen die Helfer*innen der PSNV Betroffenen zur Seite. | Foto: DRT KIT & Polizei PÖA Hamburg

Während herausfordernden Lebensereignissen und Notsituationen hat jeder Mensch seine eigenen Bewältigungsstrategien im Umgang mit Belastung und Stress. Doch gibt es auch bei jedem Menschen eine Grenze des Erträglichen. Hier handelt die Psychosoziale Notfallversorgung, die „Erste Hilfe für die Seele“, die in der Region Hannover noch relativ unbekannt ist.

„Es war 10 Uhr morgens, als das Telefon klingelte“, erzählt Elke Godau. Damals musste sie ihre Enkelin unvorbereitet zur Arbeit bringen. „Ich fahre nicht gerne so kurzfristig, dann fühle sie sich immer so gestresst und unter Druck gesetzt“, gesteht sie. Schon auf dem Hinweg fällt ihr links auf dem Gehweg ein älterer Mann mit schwarzer Wollmütze und einem schwarzen Mantel auf, der ihm fast bis zu den Knöcheln reicht. „Der sah schon irgendwie eigenartig aus, ist auch ganz komisch gegangen mit seinem Handstock“, sagt sie. Fünf Minuten später setzt sie ihre Enkelin bei ihrem Arbeitsplatz ab. Auf dem Weg nach Hause sieht sie den Mann wieder. „Ich bin vorschriftsmäßig gefahren. Und dann lief er plötzlich genau vor mir auf die Straße. Ohne zu gucken.“ Elke bremst und versucht noch auszuweichen, aber dafür es ist zu spät. Sie trifft den Mann, er schlägt mit dem Kopf auf die Windschutzscheibe ihres Autos und kommt ein paar Meter weiter auf der Straße auf. Blut strömt aus seinem Kopf, er regt sich nicht.

„Holen Sie sich Hilfe“

Elke steht völlig neben sich. Noch am Unfallort sagt ein Polizist zu ihr: „Holen Sie sich Hilfe“. „Zuhause dann kamen die Vorwürfe und schreckliche Schuldgefühle. Hätte ich meine Enkelin doch nicht fahren sollen? Hätte ich es kommen sehen müssen? Stirbt der Mann jetzt? Ist das alles meine Schuld? Immer wieder hat sich der Unfall in meinem Kopf wiederholt“. Als sie einen Tag später völlig aufgelöst bei der Polizei anruft, weiß sie nicht, an wen sie sich wenden soll. „Ich wollte mir Hilfe suchen, wusste aber nicht wo“, sagt sie. Der Polizist gibt ihr die Nummer vom Weißen Ring. Der Weiße Ring? Der ist doch nur für Kriminalitätsopfer, und das ist ja nicht das Richtige, denkt sie. Elke selbst ist es, die die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) vorschlägt. Eine Freundin ihrer Tochter arbeitet dort ehrenamtlich beim DRK. „Und die hat dann auch ein Treffen mit der Polizei organisiert“, erklärt sie. Denn die PSNV wird ausschließlich in akuten Notfällen nach Aufforderung durch Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben tätig.

Die Psychosoziale Notfallversorgung teilt sich in zwei Zielgruppen. Zum einen helfen die Mitarbeiter*innen Einsatzkräften, belastende Notfälle und Einsatzsituationen zu verarbeiten. Zum anderen kümmert sich die PSNV um die Akuthilfe bei notfallbetroffenen Personen. Zum Beispiel stehen die Helfer*innen einem Menschen in den ersten Stunden nach der Überbringung einer Todesnachricht bei, betreuen die Eltern eines vermissten Kindes oder leisten Augenzeug*innen einer Gewalttat Beistand. Die Helfer*innen der PSNV arbeiten haupt-, nebenberuflich oder ehrenamtlich. Für ihren Dienst müssen sie eine interne Grundausbildung, diverse Fortbildungen und Anforderungsprofile bestehen. 

Psychosoziale Notfallversorgung Hannover, KIT und Polizei Hamburg
In vielen Bundesländern arbeiten die PSNV und die Polizei eng zusammen. | Foto: DRK KIT & Polizei PÖA Hamburg

Freunde in Dienstkleidung

„Und zwei Tage nach dem Unfall standen zwei ganz nette Männer in Einsatzjacke vor meiner Tür“, beschreibt Elke. „PSNV“ stand auf ihrer Brust. Sie setzten sich gemeinsam in die Küche und unterhielten sich über den Unfall und Elkes Zustand, schildert sie. „Ich habe immer wieder gefragt: Hätte ich etwas anders machen können?“, sagt sie. Die beiden Helfer unterstützten Elke dabei, ihre Schuldgefühle zu verstehen und damit umzugehen. Ungefähr eine Stunde dauerte das Gespräch, zum Abschied umarmten sie sich sogar, berichtet sie. Bei weiteren Problemen oder Fragen könne sie gerne jederzeit anrufen, betonten die Helfer. „Mir kam es vor, als würde ich die Männer schon länger kennen. Ich war irgendwie ganz vertraut mit ihnen.“

Durch persönliche oder telefonische Gespräche und menschlichen Kontakt begleiten und betreuen die Helfer*innen die Betroffenen, um das Ereignis zu realisieren und zu verarbeiten. Sie aktivieren Familie und Freund*innen und sorgen so für den nötigen Halt und Ruhe. Außerdem organisieren sie gegebenenfalls weiterführende Hilfen. So schaffen die Helfer*innen einen geschützten Rahmen für betroffene Personen. Jedoch ersetzt die PSNV keine Therapie. Sie selbst bietet keine langfristige Unterstützung, sondern beschränkt sich auf die Akutphase, also die Zeit während des Ereignisses und unmittelbar danach.

Helferin der PSNV und Betroffene
Die PSNV leistet Erste Hilfe für die Seele. | Foto: DRK KIT & Polizei PÖA Hamburg

Psychosoziale Notfallversorgung – Standard in Hannover?

Nach dem Treffen habe Elke sich etwas erleichtert gefühlt. Auch wenn sie schon viel mit ihrer Familie und Freunden über den Unfall geredet hatte, war es doch noch etwas ganz anderes, sich mit ausgebildeten Helfern zu unterhalten. „Hundertprozentig gut ging es mir zwar noch nicht, aber eine große Last wurde mir durch die beiden Männer abgenommen“, meint sie. 

Offiziell gehört die PSNV dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zufolge zum Versorgungsstandard. Doch im Raum Hannover ist die Psychosoziale Notfallversorgung und ihre Leistungen relativ unbekannt. Da die Anforderung der PSNV immer über die Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst erfolgt und diese zeitversetzt zum akuten Ereignis eintritt, wird diese Tätigkeit kaum wahrgenommen.

„Mittlerweile denke ich, dass ich den Unfall verarbeitet habe, und die PSNV war dabei eine große Hilfe“, sagt Elke heute. Sie frage sich oft, ob sie die starken Schuldgefühle ohne das Gespräch mit den beiden Helfern immer noch verfolgen würden. „Zwar denke ich immer noch jedes Mal an den Mann, wenn ich an dem Unfallort vorbeifahre, aber Vorwürfe mache ich mir nicht mehr“, meint sie. Denn sie hätte nichts anders machen können, als der Mann urplötzlich genau vor ihr Auto lief.

Den noch tieferen Einblick in die Arbeit der PSNV. Videonachweis: WDR Doku

Psychosoziale Notfallversorgung im Raum Hannover

In der Region Hannover wird die Psychosoziale Notfallversorgung vom DRK, ASB, den Johannitern und der Konföderation evangelischer und katholischer Kirchen Niedersachsen angeboten.

Autorin: Nele Hasselbusch