RADSPORT IM WANDEL

7. September 2017

dernyfahren radrennbahn hannover

Mitte August fand die Derny-Europameisterschaft auf der Radrennbahn Hannover-Wülfel statt (Bild: Philipp Ulke).

Anpacken statt nur reden – das war jahrzehntelang das Motto von Jürgen Apel. Der 80-Jährige, selbst Radsportler mit Leib und Seele, hat sich die letzten Jahrzehnte intensiv um die Radrennbahn Hannover in Wülfel gekümmert. Jetzt steht fest: Die Radrennbahn hat den Kampf ums Überleben verloren. Umso wichtiger, dass der Radsport in der Region Hannover in eine neue Zukunft geführt wird.

Jürgen Apel Radrennbahn Hannover

Jürgen Apel

1965 wurde das hölzerne Oval der Radrennbahn eröffnet. Mit 333 Metern Länge und einer Oberfläche aus afrikanischem Afzelia-Holz wurde sie viele Jahre als schnellste Freiluftbahn der Welt gefeiert. 40 Jahre lang haben sich hier die weltbesten Sprinter zur Austragung ihrer Wettkämpfe eingefunden. 20 nationale und internationale Meisterschaften wurden durchgeführt. Angelegt war ihre Haltbarkeit auf 25 Jahre und bereits im Jahr 2006 drohte aufgrund technischer Mängel ihre Schließung. Dass sie heute immer noch befahren werden kann, ist dem unermüdlichen Engagement von Jürgen Apel und seinem Team zu verdanken. Zählt man die Länge der einzelnen Holzlatten der Bahn zusammen, kommt man auf eine Strecke von 100 Kilometern. Kontinuierlich erneuerte der heute 80-Jährige jedes Jahr 2.500 Meter davon.

 

Noch drei kleinere Rennen wird es auf der Radrennbahn Hannover geben. Dann wird sie ihre Tore für immer schließen. Der Radsport steht – insbesondere in der Region Hannover – vor einem Wandel. Es dominieren zwei recht gegensätzliche Gruppierungen: die einen sind in Vereinen und Verbänden organisierte Rennfahrer, die anderen gehören keiner Organisation an. Letztere investieren ihr Geld nicht in jährliche Mitgliedsbeiträge im Verein, sondern in Startgelder für Großveranstaltungen. Gleichzeitig spüren die Vereine immer deutlicher den Mitgliedermangel. „Vereine stehen vor der Frage, was sie Menschen geben können, dass sie in einen Verein eintreten, sich engagieren und Mitgliedsbeiträge bezahlen“, fasst Dr. Helge Mensching, Gesellschafter von Heinz von Heiden und passionierter Radrennfahrer, die Problematik zusammen. „Amateurradsport ist ein sehr zeitintensiver Sport: 15 bis 20 Stunden Training pro Woche sind einzuplanen. Um dennoch junge Menschen von der Faszination Radsport zu überzeugen, müssten bereits in Schulen mit AGs und ähnlichen Angeboten Kinder und Jugendliche angesprochen werden.“ Eine weitere Herausforderung: Dem Radsport fehlt ein medienwirksames Idol. Seit Jan Ullrich gab es keinen herausragenden Fahrer, der auch die Jugend hätte mitreißen können und der dem Radsport neuen Aufschwung in der breiten Bevölkerung verliehen hätte. Zusätzlich geschadet hat dem Image des Radsports der Dopingskandal. „So etwas schlägt bis ganz unten durch“, bedauert Mensching.

Unterkonstruktion Radrennbahn Hannover

Die Unterkonstruktion der Radrennbahn.

Die Zahl der Wettkämpfe, die von Vereinen durchgeführt werden, nimmt kontinuierlich ab. Dagegen steigt die Zahl der Jedermann-Rennen, die als Event aufgezogen werden. Anstatt in unattraktiven und abgelegenen Industriegebieten, in denen die Verbandsrennen häufig durchgeführt werden, finden die Jedermann-Veranstaltungen in landschaftlich reizvollen Gegenden wie dem Deister statt. Dafür müssen Straßen gesperrt werden – das kostet Geld. Die Resonanz sowohl der Fahrer als auch der Zuschauer ist groß. Die Rennen sind beliebt und werden mehr und mehr zum Anziehungspunkt über die Radsportszene hinaus. Dementsprechend erhalten die Teams wesentlich mehr Aufmerksamkeit als die Fahrer, die an Verbandsrennen teilnehmen. Das wiederum macht sie für Sponsoren interessant, denn die Werbebotschaft erreicht ein breites und kaufkräftiges Publikum. Die Fahrer des Verbandes hingegen sind meist noch Schüler oder Studenten, die unter ihresgleichen fahren und finanzielle Unterstützung für ihr Arbeitsmaterial suchen. Die Kaufkraft innerhalb dieser Gruppe ist gering und auch die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist nicht besonders hoch. Für Unternehmen lohnt sich daher ein Sponsoring im Verhältnis zum Werbewert oftmals nicht. Die Abwärtsspirale „wenig Aufmerksamkeit – wenig Werbewert – wenige Sponsoren – weniger Aufmerksamkeit“ nimmt ihren Lauf.

„Die Radsportszene in Hannover ist klein geworden“, erzählt Reinhard Kramer, Initiator und Organisator der Radsportveranstaltung „Nacht von Hannover“. „Umso bemerkenswerter ist es, dass ein so kleiner Haufen hocherfolgreiche Nachwuchssportler stellt.“ Jonas Bokeloh fuhr 2014 für den HRC Hannover und holte sowohl den Weltmeister- als auch den Deutscher-Meister-Titel im Straßenrennen (Junioren). Leo Appelt, der 2015 für Langenhagen fuhr, holte jeweils den Junioren-Weltmeistertitel in den Disziplinen Bahn und Straße. Die Vereine und deren Leistung aus Hannover und der Region sind bundesweit bekannt und geschätzt.

Das Fahren auf der Radrennbahn beschränkt sich auf einen noch kleineren Kreis an Fahrern, da das Fahren mit einem Bahnrennrad mit starrem Gang auf einer Radrennbahn mit Steilkurven ganz andere Anforderungen mit sich bringt als das Fahren auf einem Straßenrennrad. Dazu kommt auf der Radrennbahn Hannover die Wetterabhängigkeit: „Es kann sein, dass man als Fahrer gerade alles fertig hat und losfahren will und dann kommt der Regen. Dann packt man alles wieder zusammen“, erzählt Mensching. Allerdings ist das Fahren auf der Bahn insbesondere für junge Fahrer eine ideale Schulung: Die Räder haben keine Bremsen – man muss vorausschauend und umsichtig fahren. „Alle großen Rennfahrer haben auf der Rennbahn begonnen, bevor sie auf der Straße siegreich waren“, erzählt Jürgen Apel.

Die Rennbahn hat auch bei Wettkämpfen einen Vorteil gegenüber den Straßenrennen: Als Zuschauer hat man die Fahrer stets vor Augen. Außerdem lässt sich in einer Arena oder einem Stadion Umsatz generieren, der wiederum dem Verein zugute kommt. „Das war das Geheimnis der 6-Tage-Rennen“, erklärt Helge Mensching. „Sie fanden in den Wintermonaten statt, da gab es keine Konkurrenzveranstaltungen. Und sie hatten Volksfestcharakter. Das haben die Veranstalter der Bremer 6-Tage-Rennen perfekt erkannt und umgesetzt. Viele Veranstalter haben bei der Ausrichtung ihrer Rennen zu sehr auf große Namen der Fahrer gesetzt – aber darüber die Zuschauer vergessen.“

Jürgen Apel, Dr. Helge Mensching und Reinhard Kramer

Jürgen Apel, Dr. Helge Mensching und Reinhard Kramer (v.l.n.r.) suchen eine Lösung für die Zukunft des Radsports.

Wie kann es mit der Radrennbahn Hannover weitergehen? Eines steht fest: Die Tage der alten Dame in Wülfel sind gezählt. Eine Sanierung würde sich nicht mehr rechnen. Schaut man zu unseren englischen Nachbarn, bekamen die Radsportstätten dort in den letzten Jahren Aufwind mit den olympischen Spielen. Die Medaillenhoffnung in dieser Disziplin war groß – also wurden die Sportstätten auf Geheiß von ganz oben mit dem Maximum an Aufwand aufgewertet. In Deutschland ist mit einer solchen Entwicklung nicht zu rechnen. Bleibt nur eine Weiterentwicklung des Radsports von der Basis aus. Fest steht: Eine neue Rennbahn muss überdacht sein. Idealerweise sogar in einer geschlossenen Halle liegen, um bei jedem Wetter trainieren und Wettkämpfe austragen zu können. Um eine solche Halle finanzieren zu können, müsste es ein Bewirtschaftungskonzept geben. Eine Mehrzweckhalle schwebt den Radsportlern vor, in der weitere Sportarten beherbergt werden könnten. Gefragt sind für solche Großprojekte finanzielle Mittel aus dem städtischen Haushalt, aus öffentlichen Töpfen und eigene Mittel der Vereine. „Was wir brauchen, sind nicht nur Sponsoren, sondern Investoren, die Kapital zu Verfügung stellen und langfristig anlegen wollen“, konstatiert Kramer. „Und es muss jemand da sein, der es in die Hand nimmt.“ Es wird Zeit, dass wieder angepackt wird anstatt nur zu reden. //

 

Text: Susanne Bührer

Bild: Lars Schwarzer