Extinction Rebellion Hannover: „Rebellion für das Überleben“

9. Juli 2021

Aktivistin von Extinction Rebellion blockieren eine Straße.

Eine Straßenblockade von XR vor dem Umweltministerium Hannover.

Extinction Rebellion (XR) ist eine zivil ungehorsame Klimaaktivismus-Gruppe. Auch in Hannover organisieren sie regelmäßig Aktionen und Kundgebungen. Evelyn ist Rebellin bei Extinction Rebellion Hannover und gibt im Interview Einblicke in die Forderungen, Beweggründe und Ethik der oppositionellen Organisation. 

Wer sind Extinction Rebellion Hannover?

Am 11. Dezember 2020 blockierten Aktivist:innen unter dem Motto „Sauberes Gas ist eine dreckige Lüge“ für mehrere Stunden das „Leibnizufer“ – Die Hauptverkehrsstraße vor dem Ministerium für Umwelt und Klimaschutz in Hannover. Evelyn (24, Name ist der Redaktion bekannt) ist Klimaaktivistin bei XR und war Teil der Blockade. „Fracking wird hier als grüne Zwischenlösung zu Braunkohle verkauft, das ist aber totaler Quatsch, weil Methan noch viel schädlicher als CO2 ist“, erklärt die Modedesignerin, „deshalb haben wir eine „Z-U“ Aktion mit Lock-Ons gemacht“.

„Z-U“ steht in diesem Zusammenhang für zivilen Ungehorsam – eine Protestform, die bewusst Regeln bricht. Dazu zählen auch sogenannte „Lock-Ons“ – das freiwillige Festketten von Menschen an beispielsweise Türen oder Straßenlaternen, um Verkehr aufzuhalten und Aufsehen zu erregen. Dieser radikale Klimaaktivismus ist typisch für die „Rebellion für das Überleben“. 

Das sanduhrähnliche Logo der „Extinction Rebellion“ als Graffiti auf dem Bürgersteig.
Das sanduhrähnliche Logo der „Extinction Rebellion“. Die Nachricht ist klar: Unsere Zeit läuft ab.

Extinction Rebellion ist eine internationale Bewegung für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit. Die Organisation wurde 2018 in London gegründet und ist seitdem, nebst Fridays For Future, eine der führenden nichtparlamentarischen Oppositionen im Bereich Klimapolitik. Ziviler Ungehorsam, wie die Aktion von XR, beschäftigt natürlich auch die Behörden. Mark (45, ein Pseudonym wird verwendet, da der Polizist auch verdeckt ermittelt) ist seit 1997 Polizist und war bei unzähligen Demos und Kundgebungen im Einsatz.

„Das sind kleinere Probleme. Wenn sich jemand ankettet, finde ich das auch nicht schlimm. Das kostet ein bisschen Zeit, aber letztendlich haben wir jeden losketten können“, erklärt der Hauptkommissar gelassen. „Wir haben eine Demokratie in Deutschland, wir haben das Versammlungsgesetz. Zivilen Ungehorsam muss eine Demokratie aushalten können, Politik lebt schließlich von unterschiedlichen Meinungen.“

Ist ziviler Ungehorsam wirklich notwendig?

„Generell ist ziviler Ungehorsam ein probates Mittel, solange es gewaltfrei bleibt. Der Grundgedanke ist ja auch gewaltfreie Meinungsäußerung“, erläutert Mark. „Aber am Hambacher Forst, wenn die ihre Fäkalien vom Baum werfen, da hört dann bei mir der Spaß auf, sowohl als Polizist als auch als Mensch.“ Die Proteste am Hambacher Forst wurden vorwiegend von der Aktivistigruppe „Ende Gelände“ geleitet, aber auch XR hat an den Blockaden teilgenommen. Evelyn von Extinction Rebellion Hannover betont aber sofort: „Bei uns steht die Gewaltfreiheit an erster Stelle. Personenschäden oder sogar Menschen in Gefahr zu bringen … Davon sehen wir ab, das ist nicht ethisch vertretbar.“ Sie ist dennoch überzeugt, ziviler Ungehorsam sei notwendig.

Mark ist anderer Meinung: „Wenn man unsere eigene Geschichte verfolgt, der Mauerfall ist da das Paradebeispiel, erkennt man, dass normale Demos, wenn man beharrlich bleibt, zielführend sind.“ Man müsse nur immer wiederkommen, dann könne auch eine gehorsame Demo mit Erfolg gekrönt sein, ist sich der Polizist sicher. Extinction Rebellion stimmt dem nicht zu. Die Problematik des Klimawandels sei seit 40 Jahren bekannt, aber immer noch weigere sich die Politik die nötigen Schritte einzuleiten, um das Unheil abzuwenden, so Evelyn. „Es hat schon Petitionen gegeben, es hat schon Demonstrationen gegeben, es hat alle möglichen zivilrechtlichen Bewegungen gegeben, und die haben nichts bewirkt“, rechtfertigt sie die Vorgehensweise der Bewegung. „Es passiert nicht genug. Wir müssen alle Register ziehen, die uns als zivilrechtliche Bevölkerung zur Verfügung stehen, um Veränderung herbeiführen zu können.“

Grundsätzlich befindet Mark zivilen Ungehorsam allerdings für okay. „Wenn sich da jemand wegtragen lassen möchte, trag ich den weg. Dann hatte ich mein sportliches Workout, also brauch ich abends nicht mehr in den Kraftraum zu gehen“, witzelt der Polizist, „ich sehe das Positive daran.“ Wenn ein Protest gewaltfrei bleibt, könne man abends ein Bierchen trinken und alle seien glücklich, so Mark. Die Geschichte habe gezeigt, so könne man was verändern. 

Autor: Mika Schiller
Fotos: https://extinctionrebellion.de/og/hannover