
Text: Stefan Kohl
14 Jahre nach ihrer Abschiedstournee denkt bei den Scorpions niemand mehr ans Aufhören. Im 61. Jahr ihres Bestehens sind die Rocker aus Hannover so gefragt wie selten zuvor. In seinem thailändischen Winterdomizil erholt sich Bandgründer und -gitarrist Rudolf Schenker von den Strapazen der Coming-Home-Geburtstagstour – und schreibt schon eifrig an Songs für ein neues Album. Im Gespräch mit radius/30 erzählt der Künstler vom Aufstieg in den Rock-Olymp und von seinen Plänen.
radius/30: Seit den 1970ern füllt ihr weltweit die größten Stadien und Arenen. Das erste Stadionkonzert in eurer Heimatstadt Hannover habt ihr vergangenes Jahr anlässlich eures 60-jährigen Bestehens gespielt. Warum erst so spät?
Rudolf Schenker: Wir waren immer in der Welt unterwegs, wir haben in Dutzenden Stadien und Open-Air-Arenen gespielt von Los Angeles bis Rio de Janeiro … Es hatte sich einfach bisher nie ergeben. Aber zu unserer Coming Home Tour wussten wir – jetzt ist es soweit. Der Höhepunkt muss in unserer Heimatstadt in der Heinz von Heiden Arena, dem Stadion von Hannover, gefeiert werden. Wir hatten aber eine Reihe von coolen Konzerten in Hannover, zum Beispiel werde ich den Auftritt auf der Expo 2000 mit den Berliner Philharmonikern nie vergessen. Aber es ist schon richtig – es hat ein wenig länger gedauert, bis wir in unserer Heimatstadt so anerkannt wurden wie anderswo auf dem Globus.
Nun fiel eure große Sause in Hannover ausgerechnet mit dem Abschiedskonzert von Black Sabbath in Birmingham zusammen …
Das war Wahnsinn: Diese beiden Bands planen ausgerechnet am selben Tag so einmalige Konzerte. Im Vorfeld, als wir mit unseren musikalischen Gästen sprachen, erfuhren wir von den Plänen von Black Sabbath. Judas Priest stammen ja – wie Ozzy – aus Birmingham. Und es war eine große Ehre für uns, dass sie trotzdem in Hannover aufgetreten sind. Jedenfalls – auch die, die in Birmingham Ozzy die Referenz erwiesen, haben es richtig gemacht. Es war ein großer Abschied. Niemand konnte an dem Tag ahnen, dass er so kurz danach von uns geht.
Verglichen mit anderen Bands in eurer Liga habt ihr recht moderate Preise aufgerufen …
Ja, weil wir wussten, dass viele Menschen aus dem Ausland kommen: aus Chile, Brasilien, Nordamerika. Wir wollten, dass die Fans, die schon einen langen Weg auf sich genommen haben, nicht hier noch viel bezahlen müssen. Und natürlich wollten wir auch unseren Landsleuten eine große Show für moderates Geld bieten. Es ging uns nicht darum, an dem Abend reich zu werden, wir wollten mit unseren Fans gemeinsam eine Party zelebrieren und uns selbst ein besonderes Geschenk machen.
Tatsächlich kamen gut 45.000 Fans, dazu Mega-Stars wie Judas Priest und Alice Cooper. Dabei wolltet ihr eigentlich schon 2012 die Musik an den Nagel hängen.
Ehrlich gestanden weiß heute eigentlich keiner mehr, wie es zu der Idee gekommen ist. Und dann sind wir auf „Abschiedstour“ gegangen und haben im Publikum gesehen, wie viele ganz junge Fans da standen und unsere Texte kannten, mitsangen und eine gute Zeit hatten. Das ist mit ein Verdienst von Social Media. Auf YouTube zeigen sie Videos von unseren Live-Konzerten und die Kids sagen: „Oh, die muss ich unbedingt mal sehen.“ Unsere alten Fans standen dann mehr in den letzten Reihen, weil die jungen vorne alles mit ihren Handys aufnehmen wollten. Das war neu und fantastisch und hat alles verändert. Dann kam MTV Unplugged auf uns zu und hat ein Unplugged-Album mit uns aufgenommen. Wir wollten schon länger mal ein Akustik-Set spielen, waren aber bis dahin nicht dazu gekommen, weil wir laufend unterwegs waren. Deshalb haben wir sofort zugesagt. Es wurde ein Riesenerfolg – das hat uns letztendlich dazu gebracht weiterzumachen.
Nächstes Jahr setzt ihr eure Geburtstagstournee fort und du arbeitest schon an Songs für ein neues Album. Lässt sich damit überhaupt noch Geld verdienen?
Nein, Albumproduktionen sind eine Verpflichtung den Fans gegenüber. Wir wollen nicht bloß unsere großen Hits spielen, sondern zeigen, dass wir immer noch mit dabei sind.
Kannst du dir vorstellen, noch mal mit deinem Bruder Michael für ein Album zusammenzuarbeiten?
Nein! Versteh mich nicht falsch: Ich liebe meinen Bruder. Aber ich brauche die Band, die Diskussionen, die künstlerischen Auseinandersetzungen und er will seine eigenen Vorstellungen durchsetzen. Das passt einfach nicht zusammen.
Warum ziehst du dich jetzt schon seit gut 12 Jahren zum Komponieren in dein Studio in Thailand zurück?
Weil ich hier völlig ruhig arbeiten kann. Das ist in Deutschland anders, wo permanent etwas los ist. Du wirst es nicht glauben, aber Fans finden meine Adresse heraus und reisen von weiß Gott wo her, um Selfies zu machen und Autogramme zu holen. Das ist wunderschön und berührt mich, aber wenn man konzentriert komponieren möchte, bringt einen das durcheinander. Unser bislang letztes Studioalbum habe ich größtenteils hier geschrieben. Hängengeblieben bin ich in Thailand, nachdem ich mir in Phuket ein Stadion angeschaut hatte, in dem wir spielen wollten. Und dann hat alles drum herum perfekt gepasst. Zufall? Daran glaube ich nicht. Es gibt im Leben Momente, in denen sich neue Möglichkeiten öffnen – und die sollte man ergreifen.
Was begeistert dich an dem Land?
Bis jetzt habe ich hier nur Gutes erlebt. Die Menschen sind nett und lieb. Thailand hat sehr viel von seiner ursprünglichen Kultur bewahrt. Und die Religion, der Buddhismus, liegt mir sehr.
Komponierst du hier anders als in Deutschland?
Früher habe ich zuerst die Musik geschrieben, die Texte steuerte Klaus Meine meist hinterher bei. Dann kam irgendwann Klaus und sagte: „Du bist doch bald in Thailand. Hier, nimm mal einen Stapel Texte mit und schau mal, ob dir dazu was einfällt.“ Natürlich ist mir hier in der Entspannung einiges einfallen. Ich habe mich von den Texten inspirieren lassen und die Songs drum herum gestrickt, fast wie bei der Musik zu einem Film.
Wie kommt es, dass in Thailand keine Autogrammjäger auf der Matte stehen? Ihr wart dort doch enorm erfolgreich.
In den 90ern haben wir hier sogar mehr Platten verkauft als Michael Jackson. Wir haben 20-mal Platin für „Still Loving You“ bekommen, eine Zusammenstellung ausschließlich mit Balladen. Damals haben wir sehr oft in Thailand gespielt. Selbst die Königstochter schaute manchmal vorbei.
Anfang der 80er hattest du mal einen Zweitwohnsitz in Florida.
Für mich war es nicht das Richtige. Ich wollte mich nicht reinziehen lassen in das Partyleben dort. Wenn man einmal im Sog drin ist, kommt man nicht mehr raus. Also bin ich nach Deutschland zurück.
Du lebst in einem Dorf mit knapp 1.000 Einwohnern bei Hannover. Gibt es dort überhaupt jemanden, der dich nicht kennt?
Die wissen schon alle Bescheid.
Das vollständige Interview mit Rudolf Schenker …
… finden Sie in der radius/30 Ausgabe Februar/März.