Ein Kreisliga-Verein in der Pandemie: Zuversicht statt Angst

9. Juni 2021

Für viele Breitensportvereine in Deutschland ist die aktuelle Situation nervenaufreibend. Ein Verein in Hannover findet dennoch Wege, die zuversichtlich stimmen.

75.000 Quadratmeter Sportfläche: Fußball-, Tennis- und Volleyballplätze, soweit das Auge reicht. Statt jubelnder Kinder, anfeuernder Eltern und coachender Trainer nur triste Ruhe auf der größten Sportanlage Hannovers. Die Sportgemeinschaft von 1874 Hannover findet als Verein trotz der schwierigen Umstände einen Weg, die Bindung zu den Mitgliedern nicht zu verlieren. 

Hat keine Angst, dass seine Spieler die Lust am Fußballspielen verlieren: Joris Bartusch, Jugendtrainer und Teil des Jugendausschusses im Verein.

„Kurz vor dem Jugendspiel meiner Mannschaft ging es los. Dann haben die Schulen geschlossen, da haben wir uns gedacht: Jetzt können wir auf keinen Fall mit 20 Kindern Fußball spielen.“ Der 18-jährige Joris Bartusch, Jugendtrainer und Teil des Jugendausschusses bei der SG 74, erlebte es selbst mit, als die Pandemie den Amateurfußball erreichte: „Anfangs haben wir uns Sorgen gemacht, wie wir die Jungs bei Laune halten können, das hat alles in allem noch ganz gut geklappt, die Situation war ja für alle eine neue.“

Auch Reinhard Schwitzer, 1. Vorsitzender des Vereins, hatte zu Anfang seine Bedenken: „Die Stadt Hannover hat uns finanziell unterstützt, dadurch haben wir uns nicht alleine gelassen gefühlt. Die Angst vor Mitgliederverlusten kam zu Beginn dennoch auf.“ 

Ungewissheit bei vielen Vereinen

Es stellt sich die Frage, ob die Hobby-Sportler in die Vereine zurückkehren, sobald es wieder möglich ist. Eine Ungewissheit, die nicht nur Breitensportvereine in Niedersachsen beschäftigt. Vergleiche zu anderen Bundesländern zeigen, dass viele Vereine Mitgliederverluste verkraften müssen. Der Landessportbund Hessen verzeichnet: 58 Prozent der 7.600 Vereine mussten einen Rückgang der Mitgliederzahlen feststellen. Eine Umfrage des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) bei Spielern, Trainern und Eltern aus dem Amateurfußball hingegen macht Hoffnung: 94 Prozent der einhunderttausend Befragten kehren „sehr wahrscheinlich“ in ihren Verein zurück, nur 22 Prozent der Vereinsmitarbeiter müssen erhöhte Austritte feststellen. 

Reinhard Schwitzer, 1. Vorsitzender der Sportgemeinschaft von 1874 Hannover
Kommunikation ist für ihn das höchste Gebot im Verein: Reinhard Schwitzer, 1. Vorsitzender der Sportgemeinschaft von 1874 Hannover

Der 1. Vorsitzende der Sportgemeinschaft 1874, Reinhard Schwitzer, ist frohen Mutes, dass er weiterhin alle Mitglieder für die Sportgemeinschaft 74 begeistern kann: „Wir haben uns schon seit dem vergangenen Jahr auf die Fahnen geschrieben, eine enge Kommunikation mit den Mitgliedern zu pflegen.“ Von den knapp 1.000 Angemeldeten nutzt der Verein die Kontaktdaten, um regelmäßig mit Spielern, Eltern und Vereinsmitarbeitern zu kommunizieren. Der „74-Newsletter“ informiert zusätzlich über die Gesamtsituation der Sportgemeinschaft. Und tatsächlich zeigt diese enge Kommunikation auch eine Wirkung: „Die Zahl der Austritte hält sich sehr in Grenzen, in der Tennis-Abteilung haben wir sogar Mitglieder gewinnen können“, stellt Reinhard fest. 

Sinkendes Gemeinschaftsgefühl bundesweit, enger Kontakt bei der Sportgemeinschaft von 1874 Hannover

Die Umfrage des DFB zeigt, dass während vor der Pandemie noch 88 Prozent eine „sehr enge Verbundenheit“ zu ihren Vereinen verspürten, empfinden das aktuell nur noch 52 Prozent, 36 Prozent haben gar keinen Kontakt zu den Vereinen. Reinhard Schwitzer versucht dieser Entwicklung bei der Sportgemeinschaft von 1874 entgegenzuwirken: „Innerhalb unseres Vereins haben wir eine Regelung, dass die Mitglieder Gemeinschaftsarbeit leisten müssen. Normalerweise zahlt man 50 Euro, wenn diese nicht erledigt wurde. Das haben wir nun auf 25 Euro reduziert. Zusätzlich haben wir die Vergütungen für alle TrainerInnen und ÜbungsleiterInnen nicht ausgesetzt. Das sind Gesten, damit die Menschen sehen, dass wir aktiv sind, an alle Mitglieder denken. Auch ich habe vor Kurzem ein Schreiben an alle Mitglieder verschickt, auch als Botschaft, um zu sagen: Wir haben dich nicht vergessen! Meine Hoffnung ist, dass das ein oder andere Mitglied das auch so auffasst“, beschreibt Reinhard seine Bemühungen.

Des Weiteren versuchen auch die Trainer das Gemeinschaftsgefühl im Verein aufrecht zu erhalten. „Wir haben“, erinnert sich Joris, „durch Fahrrad Rallyes oder Müll-Sammelaktionen versucht, möglichst viele Leute zu motivieren, mit uns Sport zu treiben. Zuletzt haben wir eine Lauf-Challenge organisiert, wo ungefähr 60 Mitglieder aus verschiedenen Sparten mitgemacht haben. Die ersten drei haben dann Gutscheine oder 74-Halstücher bekommen. Das hat allen viel Spaß gemacht.“ 

„Unsere Botschaft an die Mitglieder: Wir haben euch nicht vergessen!“

Reinhard Schwitzer, 1. Vorsitzender der Sportgemeinschaft von 1874 Hannover

Psychische Belastung für Kinder und Jugendliche

Fehlen von sportlichem Ausgleich und gemeinschaftlichem Miteinander ist für Kinder und Jugendliche besonders nervenaufreibend. Ansgar Thiel, Professor für Sportwissenschaften an der Uni Tübingen, erläuterte im Sportmagazin Kicker: „Das Bewegungsverhalten der Kinder ist massiv zurückgegangen. Viele haben konditionell stark abgebaut. Corona ist psychisch extrem belastend, der fehlende Sport verstärkt das.“ Dennoch warnt der 1. Vorsitzende der SG 74 Hannover vor frühzeitigen Lockerungen: „Die Euphorie, wenn hier Mannschaften guten und regelmäßigen Fußball spielen, hat mindestens 40 bis 80 Zuschauer zur Folge. In diesen euphorischen Momenten sind die Hygienevorschriften schnell vergessen, da kann auch keiner der Verantwortlichen mit der Dachlatte die Leute auseinanderhalten.“

Daher erschweren es die aktuellen Umstände den ÜbungsleiterInnen, die Kinder und Jugendlichen zum Sport zu animieren. Nichtsdestotrotz versucht Joris auch hier, durch persönliche Gespräche seine Spieler zu erreichen. So hat der Trainer mit seiner Mannschaft „anfangs noch Zoom-Konferenzen gemacht und auch mal probiert, darüber die Bundesliga gemeinsam zu schauen, das hat leider nicht geklappt“, meint er lachend. „Inzwischen rufe ich meine Jungs regelmäßig an, nur um nachzufragen: Wie geht´s dir? Liegt dir etwas auf dem Herzen? So verliere ich nicht den Kontakt zu meinen Spielern.“ 

Aus anfänglichen Kommunikationsversuchen wurde bei der SG 74 schließlich ein enger Kontakt zu den Mitgliedern, der für die Verantwortlichen des Vereins der beste Weg ist, um die schwere Zeit mit Zuversicht zu überstehen. All diese Bemühungen stimmen den Verein, Joris Bartusch und Reinhard Schwitzer hoffnungsvoll. Letzterer fasst zusammen: „Im Moment haben wir die Hoffnung, dass die Meisten sagen: Bei 74 macht es mir Spaß, da bleibe ich!“

Autor: Alex Frieling