Tania und Nicolaus v. Schöning: „Dieses Haus ist doppelt so alt wie der Staat Kanada“

10. Oktober 2024 / Im Gespräch

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Bild: Kai Jüncke

Kurz hinter Stadthagen, gut ausgeschildert, aber doch ein wenig versteckt, steht das Rittergut Remeringhausen. Der Besuch dort ist wie eine Reise in ein Märchenland. Ein Märchenland, das allen offensteht – zu bestimmten Terminen. Das Ehepaar Tania und Nicolaus von Schöning lädt viermal im Jahr zu eigenen Events. Zusätzlich lässt sich das romantische Gut mieten – von Hochzeiten bis zum Workshop. Was alles möglich ist in Remeringhausen, erklärten Tania und Nicolaus von Schöning radius/30 im Interview.

radius/30: Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie davon gehört hat, beschreiben: Was ist das Rittergut Remeringhausen und was passiert hier?

Tania v. Schöning: Das Rittergut Remeringhausen ist ein romantisches Anwesen, seit fast 500 Jahren in Familienbesitz. Wir sind die 22. Generation. Es gab im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedliche Herausforderungen, aber jede Generation hat die Aufgabe, das Gut in die nächste Generation zu bringen.

Nicolaus v. Schöning: Die historischen Gebäude sind für die Landwirtschaft nicht mehr geeignet. Wir wollten sie trotzdem erhalten und mussten uns deshalb etwas einfallen lassen, wie man die Gebäude ins 21. Jahrhundert führt. Es stehen hier Gebäude aus 3 verschiedenen Stilepochen, der Innenhof ist romantisch, der Park verwunschen … Es stellte sich heraus, dass das ideal für Hochzeiten ist. Es finden aber auch Garten-Events, Firmenveranstaltungen, Fotoshootings und Filmproduktionen hier statt.

Wie ist es dazu gekommen? Was war genau geplant?

N. v. S.: Nach Ende unserer Studienzeit, Anfang der 90er, gingen wir in die Neuen Bundesländer. Dort habe ich für Investoren landwirtschaftliche Betriebe gegründet, also gekauft, gepachtet, personalisiert, mechanisiert. Meine Frau war als Anwältin tätig. Es war die „Blühende Landschaften“-Stimmung.

Im Vorfeld der Expo, vor 25 Jahren, begannen wir, die Gebäude in Remeringhausen zu sanieren. Einen großen allumfassenden Plan hatten wir allerdings nicht, wir folgten der Notwendigkeit. Wir fingen an, die Dächer zu reparieren und dann muss man unter die Dächer eine Nutzung bringen, das Dach muss ja bezahlt werden. 2001 zogen wir von Mecklenburg nach Remeringhausen. Ich war zunächst noch in einer Unternehmensberatung tätig, aber recht bald konzentrierten wir uns auf die Sanierung.

Sie haben auf Ihrem Gut so viele Räumlichkeiten, hier bieten sich sicherlich vielfältige Möglichkeiten der Nutzung?

N. v. S.: Es entwickelte sich Schritt für Schritt. Wir mussten mit den Einnahmen aus Land- und Forstwirtschaft beginnen, die Renovierungen und den neuen Zweig der Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. So hatten wir recht bald schöne Räume für kleine und große Hochzeiten.

Landwirtschaft ist also immer noch ein wichtiger Part Ihrer Unternehmungen?

N. v. S.: Im eigentlichen Leben sind wir Land- und Forstwirte. Ich habe Landwirtschaft studiert, meine Frau ist Juristin. Die landwirtschaftlichen Maschinen stehen auf einem anderen Betrieb, weil die Gebäude hier sich nicht mehr dafür eignen. Es würde auch der Lärm großer Maschinen nicht mit dem Romantischen der Hochzeiten harmonieren.

Was man in letzter Zeit von den Sorgen der Landwirte in der Öffentlichkeit vernimmt, müssten Sie sicherlich froh sein, mit den Veranstaltungen auf dem Gut ein zweites Standbein etabliert zu haben?

N. v. S.: Stimmt, von der Landwirtschaft allein könnten wir nicht mit drei Generationen leben und die Gebäude unterhalten. Wir haben die Landwirtschaft ausgelagert und betreiben zudem ein landwirtschaftliches Lohnunternehmen. Die Hochzeiten sind eine sehr schöne Sache, mit der wir die Gebäude nutzen können. Wir sind stolz darauf, keine Hochzeiten von der Stange anzubieten. Die Hochzeiten werden individuell, so wie es sich das Brautpaar wünscht, abgestimmt. Wir können vieles realisieren.

Wie läuft das ab?

T. v. S.: Jedes Brautpaar wird im Vorfeld erst mal gut beraten. Manche Brautpaare wollen mit der Organisation gar nichts zu tun haben. Andere wollen alles selbst machen, wobei wir dann Caterer, DJs, Deko, Fotografen vermitteln.

Dafür braucht es sicherlich ein eingespieltes Netzwerk,Sie müssen ja dem Anlass gemäß den DJ mit der richtigen Musikfarbe, die passende Deko etc. auswählen?

T. v. S.: Meistens bringt das Brautpaar einen DJ oder Musiker mit. Falls nicht, können wir gute Partner vermitteln. Wir haben inzwischen ein sehr gut eingespieltes Team mit anderen Dienstleistern. Deswegen können wir eine gelungene Hochzeit garantieren. Hochzeitsvorbereitungen sind oft emotional, immer sehr arbeitsreich und die Brautpaare haben ja keine Erfahrung in solchen Dingen.

Etwas, was sicherlich nicht in einem kurzen Telefonat zu klären ist?

T. v. S.: Wir haben hier auf dem Hof ein Team, das ein hohes Maß an Professionalität gewährleistet. Da gibt es viele Fragen zu klären. Soll die standesamtliche Trauung hier stattfinden? Soll die Trauung in der nachbarschaftlichen Kirche stattfinden oder im Park, gibt es einen Sektempfang, wann folgt das Dinner? Das Drehbuch ist kein Standardwerk, jede Hochzeit ist eine maßgeschneiderte Hochzeit mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten, ganz unterschiedlichen Budgets.

Hochzeiten sind medial ein Riesenthema. Shows wie „Hochzeiten und eine Traumreise“ oder „Zwischen Tüll und Tränen“ erreichen hohe Einschaltquoten.

T. v. S.: Ja, es gibt solche Shows. Die waren zum Teil auch schon hier. Wir machen für die Hochzeiten aber fast keine Werbung. Meist kommen Brautpaare hierher, die schon mal auf einer unserer Hochzeiten zu Gast waren und das so schön fanden, dass sie hier auch heiraten wollen.

Die klassische Mund-zu-Mund-Propaganda.

T. v. S.: Genau. Das macht uns ein bisschen stolz, fast ohne Werbung auszukommen.

Wenn es fast nur über Mundpropaganda geht: Kommen die Hochzeitspaare, die bei Ihnen feiern wollen, nur aus der Region?

T. v. S.: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt einige, die wollen auf dem Rittergut feiern, weil sie in der Nähe aufgewachsen sind. Es gibt andere, die wollen auf dem Rittergut feiern, weil es romantisch ist und der Flugplatz nicht weit weg ist.

Der Weg zum Rittergut ist weithin gut beschildert. Das liegt sicherlich nicht nur an den Hochzeiten, sondern auch an Ihren Outdoor-Events?

N. v. S.: Wir haben vier große Veranstaltungen im Laufe des Jahres. Wir eröffnen die Saison mit den Pflanzentagen Ende April. Das ist eine Veranstaltung für Gartenbesitzer und -Enthusiasten, die im Frühjahr einen Nestbautrieb in ihrem Garten haben und Pflanzen kaufen möchten. Aber nicht Pflanzen, die kurz zuvor noch unter holländischem Glas gestanden haben. Die Pflanzentage sind keine Landpartie, sondern eine Gartenveranstaltung auf fachlich sehr hohem Niveau. Für jene, die ihren Garten lieben, ein schönes Erlebnis. Im Juni kommt dann unser British Weekend. Eine Veranstaltung, die mit einem großen Rahmenprogramm mit englischen Oldtimern, Hüte-Hundevorführungen, Pferdeshows und vielen anderen typisch britischen Dingen beeindruckt.

Da frage ich mich, warum das so ist. Hat das mit der Personalunion Hannover England zu tun?

N. v. S.: Das hat tatsächlich auch mit der Personalunion zu tun. Wir Niedersachsen sind ja sehr britisch beeinflusst, weil wir uns 123 Jahre die Könige geteilt haben. Deswegen trinken wir hier in Niedersachsen mehr Tee und die Bayern mehr Bier. Es leben hier viele anglophile Menschen, die sich von solchen Events begeistern lassen, uns macht es auch großen Spaß.

Vielleicht liegt es auch daran, dass hier in der Gegend nach dem 2. Weltkrieg viele britische Garnisonen standen?

N. v. S.: Tatsächlich auch. Es gab viele britische Kasernen hier in Niedersachsen. Die Kasernen sind nicht mehr da, es kommen aber viele Pensionäre, die einst hier stationiert waren. Beim British Weekend sind tatsächlich sehr viele Briten. Die frotzeln natürlich, wenn wir Guinness ausschenken, weil das ja irisch ist –, aber Guinness darf nicht fehlen. Wir laden auch immer britische Oldtimer ein. Die Briten können ja sehr schöne Autos bauen, z. B. Bentley, MG, Jaguar, Rolls Royce … In den Park dürfen aber nur jene, die wirklich britisch und mindestens 30 Jahre alt sind.

Wie ist es dazu gekommen?

N. v. S.: Es gibt tatsächlich Oldtimer-Vereine, die zu unserem British Weekend Sternfahrten organisieren. Wir haben dann mehrere hundert Oldtimer hier auf dem Gelände. Es gibt einen Dog- und einen Horse-Day. Wir haben viel Dudelsackmusik und abends Konzerte. Es ist eine sehr britische Veranstaltung, die viel Spaß macht, weil sie authentisch ist, weil sie ländlich-britisch ist. Die Briten haben eine vorbildliche Art, ihre eigene Kultur wertzuschätzen. Die besuchen ihre Schlösser, ihre Burgen, ihre Gutsparks, die machen Birdwatching, ein Hobby, das es hier gar nicht gibt. Die stehen früh morgens auf und sehen, ob sie eine Nachtigall oder einen Eisvogel mit dem Fernglas entdecken. Sie würdigen Natur und Geschichte. Wir Deutschen haben ein Problem, uns mit unserer Geschichte zu identifizieren. Es macht uns Spaß, die typisch britische Art der Würdigung alter Gebäude und Parks zu adaptieren.

Diese Traditionsbindung ist für Sie also auch Motivation, es ähnlich zu machen?

T. v. S.: Ja, wir können uns damit sehr gut identifizieren. Wie man historische Gemäuer ins 21. Jahrhundert bringt, kann man von den Briten hervorragend lernen. Es ist vorbildhaft, wie die ihre Schlösser und Burgen der Öffentlichkeit präsentieren. Wir fahren gerne ins vereinigte Königreich und bringen von dort Ideen mit. Wie machen sie ihre Shops? Wie ihre Events? Wie sanieren sie ihre Gebäude? Der Park dieses Ritterguts ist tatsächlich einer der wenigen originalen Parks in Norddeutschland, der nach englischem Vorbild 1804 entstanden ist. Er ist im Wesentlichen auch über die Jahrhunderte erhalten geblieben. Die Teile, die zwischenzeitlich verloren gegangen sind, haben wir rekonstruiert – so wie sie damals waren.

Interview: Bernd Schwope

Das vollständige Interview mit Tania & Nicolaus v. Schöning …

… finden Sie in der radius/30 Ausgabe September/Oktober.


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