Toxische Männlichkeit schadet Unternehmen wirtschaftlich

21. September 2021

Konkurrenzdenken statt Teamarbeit oder Grenzen missachten: Männer zeigen im Job einige problematische Verhaltensweisen, sagt Diplom-Pädagoge Sebastian Tippe. Im Interview erklärt der Hannoveraner, wie die sogenannte Toxische Männlichkeit das Berufsleben beeinflusst und zeigt Wege für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit auf.

radius/30: Herr Tippe, sind Sie eigentlich froh, dass Sie als Mann und nicht als Frau im Berufsleben stehen?

Sebastian Tippe: In der Berufswelt wie in allen anderen Bereichen werden Frauen permanent benachteiligt. Gleichzeitig erhalten Männer Privilegien und Vorteile – einfach nur, weil sie Männer sind. Von daher hat das für mich überhaupt gar nichts Positives.

Aber für Sie persönlich? Sie sind ja nun ein Mann und könnten davon profitieren.

Ja, aber das ist problematisch. Ich versuche, meine Privilegien zu nutzen, um auf diese Schieflage aufmerksam zu machen. Meine Hoffnung ist, dass möglichst viele Männer das auch erkennen und daran arbeiten, die patriarchalen Strukturen zu ändern sowie Privilegien abzugeben. Nur so kann es eine gleichberechtige Gesellschaft geben.

Was meinen Sie damit, wenn Sie von Ihren Privilegien sprechen?

Ein Beispiel von vielen: Ich habe ein Buch zum Thema Toxische Männlichkeit veröffentlicht. Für Frauen ist es viel schwieriger, einen Verlag zu finden. In den vergangenen Wochen habe ich Unmengen an Interviews gegeben. Dabei gibt es Feministinnen, die seit Jahren an diesem Thema arbeiten, tolle Bücher geschrieben haben, aber denen nicht so viel Platz eingeräumt wird. Weil sie eben kein Mann sind.

Ihr neues Sachbuch trägt sogar den Titel „Toxische Männlichkeit“. Damit wollen Sie auch Männer dazu anregen, ihr Verhalten im Privat- wie Berufsleben zu reflektieren und zu ändern. Ist der Titel aber nicht schon viel zu abschreckend? Es möchte sich doch sicher kaum jemand eingestehen, giftig zu sein.

Erst einmal ist festzuhalten: Toxische Männlichkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es gibt keinen Mann, der frei von toxischen Anteilen ist. Das liegt an unserer Sozialisation, der gesellschaftlichen Vorstellung davon, wie ein Junge oder Mann zu sein hat. Die geht übrigens immer mit der Abwertung von Weiblichkeit einher. Männlichkeit heißt, ich bin auf gar keinen Fall weiblich, auf gar keinen Fall vermeintlich schwach.

Gleichzeitig fühlen sich Männer, wenn man Männlichkeit kritisiert oder männliche Macht hinterfragt, permanent angegriffen. Toxische Männlichkeit ist ein Label, das solche Verhaltensweisen und Einstellungen zusammengefasst. Der Begriff ist nur eine Krücke. Es ist für mich aber wichtig, dass wir das Problem klar und deutlich benennen, wenn wir etwas ändern wollen.

Abseits von offensichtlich schädlichem Verhalten wie sexueller Belästigung oder Mobbing: Inwieweit verhält sich denn der Durchschnittsmann toxisch im Berufsalltag?

Männer vergleichen sich im Berufsalltag permanent. Sie wollen Lob und Anerkennung haben, ihre vermeintliche Männlichkeit bestätigt wissen. Männer stehen in Konkurrenz zueinander und wollen der Beste sein. Das führt dazu, dass Informationen zurückgehalten werden oder sie andere schädigen, um selbst positives Feedback zu erlangen. Dem Projekt schaden Männer mit diesem Verhalten enorm. Denn die Arbeit wäre ja viel effizienter und schneller fertig, wenn sie Hand in Hand gelänge. Toxische Männlichkeit schadet Unternehmen in der Folge also auch wirtschaftlich. Mit Teamwork tun sich viele Männer schwer, weil sie eben zuerst auf sich selbst gucken. Es gibt Studien, die belegen, dass geschlechtergemischte Teams viel effizienter arbeiten als reine Männerteams.

Das beschriebene Verhalten hat enorme Konsequenzen für die psychische und physische Gesundheit. Männer achten kaum auf ihre Grenzen, aber auch nicht auf die anderer. Sie arbeiten oftmals viel mehr, als sie müssten. So vernachlässigen sie zusätzlich ihre Familie. Die Aufgaben, die dort anfallen, bleiben an der Partnerin hängen.

Wer von Arbeit spricht, meint meistens bezahlte Tätigkeiten, also Lohnarbeit. Es gibt aber auch noch die unbezahlte Care-Arbeit. Frauen erledigen laut dem Familienministerium noch immer 50 Prozent mehr dieser Sorgearbeit wie Putzen oder Kindererziehung als Männer. Wo hakt es?

Bereits kleine Jungs lernen, dass Hausarbeit und Sorgetätigkeiten gar nichts für sie seien. Mädchen dagegen bekommen schon im Kindergarten den Puppenwagen und die Miniaturküche. Solche Stereotype werden permanent reproduziert in der Gesellschaft. Viele Männer ignorieren Care-Arbeit aber auch. Sie könnten sich ja aktiv damit beschäftigen und aufholen, was sie nicht wissen. Aber das ist anstrengend und Care-Arbeit ist es erst recht. Männer ruhen sich also auf ihrer privilegierten Situation aus. Viele Frauen dagegen arbeiten sieben Tage die Woche in ihrem Job, im Haushalt und bei der Kindererziehung. Und am Ende erhalten Männer im Schnitt trotzdem 73 Prozent mehr Rente als Frauen.

Welchen Nutzen hat das toxische Verhalten für Männer?

Sie erhalten Macht und Privilegien.

Kann man das noch etwas plastischer darstellen? Was bringt ihnen diese Macht denn?

Männer kompensieren damit auch eigene Unsicherheiten. Die männliche Rolle ist sehr ambivalent. Männer sollen starke Helden sein. Aber eigentlich sind sie gar nicht so stark. Gefühle wie Trauer oder Angst spalten sie ab. Jungen verdrängen ganz viel und das führt oftmals zu Aggressionen. Schon auf dem Schulhof werden viele Jungs Opfer von Gewalt durch andere Jungs. Später neigen Männer zu physischer und verbaler Gewalt gegen Frauen und allem, was nicht dem männlichen Idealbild entspricht.

Existiert eigentlich auch Toxische Weiblichkeit, gerade im Berufsleben?

Nein. Dieser Begriff wird vor allem im rechten Spektrum benutzt, um Frauen die Schuld für toxisch-männliches Verhalten zu geben. Eine Analogie: Beim Thema Rassismus wäre das so, als wenn wir den People of Colour die Schuld am Rassismus geben würden und sie fragen würden, inwieweit sie verantwortlich dafür sind, dass es Gewalt gegen Schwarze gibt.

Was können Männer – vom Auszubildenden bis hin zu Führungskräften – tun, um ein angenehmes Arbeitsklima für alle zu schaffen?

Es braucht positive Vorbilder für Männer. Wenn mein Vorgesetzter ein absolut toxischer Mann ist, ist es schwierig, eigene toxische Verhaltensweisen zu erkennen und zu ändern. Was bei der Lohnerwerbstätigkeit auch wichtig ist: Männer sollten lernen, Pausen zu machen. Sie sollten möglichst nicht in Vollzeit arbeiten. Das ist hilfreich für ihre eigene Gesundheit und für ihre Familie. So hat die Partnerin die Chance, ebenso viel zu arbeiten und die Care-Arbeit kann paritätisch geteilt werden. Wichtig für Führungskräfte finde ich, dass viel mit positivem Feedback gearbeitet wird, viel gelobt wird. Team-Sitzungen sind wichtig, bei denen Menschen auch über ihre Gefühle bezüglich der Arbeit sprechen dürfen. Wir sollten lösungsorientiert arbeiten und bei Misserfolgen unterstützen. Viele Männer haben Angst, etwas falsch zu machen und kompensieren diese mit toxischem Verhalten wie Konkurrenzdenken. Es geht um die Frage: Wie können wir als Team in guter Atmosphäre miteinander arbeiten?

ZUR PERSON

Foto: studioline Fotostudio Hannover

Sebastian Tippe ist Diplom-Pädagoge und lebt in Hannover. Er arbeitete in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, in der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit dem Schwerpunkt feministische Jungenarbeit sowie in einer Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Außerdem hält Tippe Vorträge und gibt Fortbildungen zum Thema Toxische Männlichkeit. An Schulen bietet er geschlechterreflektierende Workshops an. Unter www.feministinprogress.de betreibt Tippe zudem ein Blog.

Foto: edigo Verlag

In diesem Jahr hat Tippe das Sachbuch „Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern“ im Edigo Verlag veröffentlicht. Der seit den 1980er Jahren geläufige Begriff Toxische Männlichkeit beschreibe schädliche, aber typische Verhaltensweisen von Männern: sich über Leistung zu definieren, Grenzen zu ignorieren, Frauen abzuwerten und Gewalt auszuüben. Im Buch erklärt Tippe, wie sich Toxische Männlichkeit individuell für den einzelnen Mann, aber auch gesamtgesellschaftlich auswirkt. Er widmet sich unter anderem den Bereichen Gesundheit, Arbeitsplatz, Familie und Sexualität.

www.feministinprogress.de

Text: Sarah Franke