„Behaltet den Überblick über eure Finanzen!“

15. Januar 2026 / Gesellschaft

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Bild: Jerzy/Pixabay

Text: Sonja Steiner

Der Blick aus dem 11. Stock des Verwaltungsgebäudes der Stadt Hannover an der Hamburger Allee bietet eine Panorama-Aussicht auf die Stadt und könnte damit als ein Symbol für die Arbeit der Schuldnerberaterin Annett Postel angesehen werden. Denn bei ihr geht es darum, Ordnung in die finanziellen Belastungen ihrer Klient:innen zu bringen und das Ganze überschauen zu können. Christian Ernst vom Diakonischen Werk Hannover klärt in Schulen darüber auf, wie junge Leute mit Geld umgehen sollten, damit sie gar nicht erst in die Schuldenfalle geraten. Ein Gespräch über Geld, die Verlockungen von Dispokrediten und die möglichen Folgen.

Hier ein Gaming-Accessoire bestellt, da mal schnell eine schicke Hose – dank Paypal und Klarna und der Möglichkeit des „buy now – pay later“ ist es einfach, Geld auszugeben, ohne dass sofort das Konto belastet wird. Auch der Einsatz der Kreditkarte trägt zur Unübersichtlichkeit der Ausgaben bei. Und dann irgendwann ist der Dispokredit ausgeschöpft und das Konto am Limit. Die Folge: Überschuldung.

„Es sind die kleinen Beträge, die zu hohen Schulden führen, weil man über das Bezahlen via Paypal und Klarna den Überblick verloren hat“, bestätigt Annett Postel von der sozialen Schuldner- und Insolvenzberatung der Stadt Hannover. Zu ihr und ihren sieben Kolleg:innen kommen Menschen, denen ihre Ausgaben über den Kopf gewachsen sind. Nicht selten sind Privatinsolvenzen die Folge von Schulden – 1417 waren es 2024 in der Region Hannover, davon 818 in der Landeshauptstadt. „Über ein Viertel der Ratsuchenden sind zwischen 35 und 45 Jahre alt“, berichtet Postel. 14 Prozent seien zwischen 21 und 30 Jahre alt, wobei Jugendliche fast gar nicht die Beratungsstelle aufsuchten. Die unter 25-Jährigen hätten oft eine geringere Bildung sowie einen einkommensschwachen Hintergrund, sei es, dass sie in der Ausbildung sind, im Niedriglohnsektor arbeiten oder Sozialleistungen empfangen. Ein typisches Beispiel sei ein junger Mann, der bei seinen Eltern lebt, die Bürgergeld beziehen, er wird vom Jobcenter betreut und hat hohe Konsumschulden. „Sehr oft sind das Handyschulden“, weiß Postel. „Und ich beobachte, dass die jungen Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, zunehmend unter psychischen Erkrankungen wie Depression, ADHS oder Suchterkrankungen leiden.“

Bevor die Beratungsstelle aufgesucht werde, sei der Leidensdruck bei vielen so hoch, dass sie nicht mehr ein noch aus wüssten. „In der Regel melden sie sich sehr spät bei uns, wenn gar kein Überblick mehr vorhanden ist, sie die Miete oder die Energierechnungen nicht mehr bezahlen können.“ Häufig sei auch der Besuch des Gerichtsvollziehers oder die Pfändung des Kontos der Anlass, sich Hilfe zu holen. Dabei sind es mit 58,20 Prozent mehr Männer als Frauen (41,80 Prozent), die den Weg zur Beratungsstelle fänden.

Bei der Beratung stehe die Vertrauensarbeit im Vordergrund, denn es sei ein „schmerzhafter Prozess, sich einzugestehen, dass man es allein nicht schafft. Unsere Aufgabe ist es, erstmal die Ratsuchenden zu stabilisieren und zu schauen, dass genug Geld für Miete und Essen da ist“, betont Postel. Die soziale Schuldnerberatung legt den Fokus auf die allumfassende Unterstützung. „Das bedeutet, dass wir die gesamte Lebenssituation mit einbeziehen, denn die Ursachen von angehäuften Schulden sind oftmals Schicksalsschläge, Suchtverhalten oder auch Depressionen. Hier ist es sinnvoll, dass eine Kontaktperson mit einbezogen wird.“ Der Abbau des Schuldenbergs könne nur in kleinen Schritten erfolgen. „Erst einmal muss man verstehen, wo der Knackpunkt ist. Ich hatte zum Beispiel mal einen Ratsuchenden, der jedes Wochenende bei einer Tankstelle einkaufte! Es hilft auch, wöchentlich Geld abzuheben und nur bar zu bezahlen.“ Die meisten Personen seien bis zu drei Jahre in der Beratung. „Unsere Entschuldungsstrategie ist unsere besondere Stärke – wir haben 2024 ein Viertel aller Fälle außergerichtlich lösen können. Nur gut 12 Prozent gehen in die Insolvenz“, stellt Postel klar. Dabei hätten junge Menschen durchschnittlich 3000 bis 5000 Euro Schulden angehäuft – viel im Vergleich: ein Drittel aller Verschuldeten haben „nur“ 1000 bis 1500 Euro Schulden.

Damit es gar nicht erst zu hohen Schulden kommt, leistet die Stadt Hannover gemeinsam mit anderen Trägern wie der Arbeiterwohlfahrt oder der Caritas Aufklärungsarbeit in Sachen Finanzen an den Schulen. In diesem Bereich arbeitet auch Christian Ernst vom Diakonischen Werk Hannover, der in der Burgstraße im Walter-Lampe-Haus sein Büro hat. Dies bietet zwar keinen spektakulären Ausblick wie das seiner Kollegin von der Stadt, dafür aber hat er eine imposante Holzwaage auf einem kleinen Tisch aufgebaut. „Dies ist eine Schuldenwaage“, erklärt Ernst und legt auf jede Seite kleine bunte Klötzchen. „Links haben wir die Einnahmenseite, die meist gleich bleibt. Rechts kommen jetzt die Ausgaben dazu, die variabel sind.“ Die Schüler:innen können so sehr leicht erkennen, wann sich die Waage zur rechten Seite neigt und wie sie sie wieder ins Lot bringen können. „Inzwischen sind auch wir auf die digitale Waage umgestiegen und haben dafür eigens eine Software entwickeln lassen“, erzählt er. „Die echte mochten viele Schülerinnen und Schüler lieber, aber sie ist halt nicht mehr im Trend“, ergänzt er und schmunzelt. Dafür bietet die virtuelle Waage viel mehr Funktionen. Ernst stellt seinen Laptop auf den Tisch neben die Waage und klickt in das Suchfeld oben rechts in der Leiste. „Hier kann ich beliebige Posten angeben wie Lebensmittel, Miete oder Strom. Die erscheinen dann als Felder senkrecht neben der Waage. Dasselbe geht auch bei der Einnahmenseite links.“

Seine Arbeit in den achten und neunten Klassen sieht Ernst vor allem als Vorbereitung auf das Leben. „Die Frage ist: Was kostet das Leben“, präzisiert er. Und erstellt dafür einen Haushaltsplan für ein Paar, der sich über drei Jahre erstreckt und immer wieder an die neuen Gegebenheiten angepasst wird. Während im ersten Jahr die eigene Wohnung im Vordergrund steht, für deren Ausstattung ein Ratenkredit bei einer Bank aufgenommen wird, bekommt die Frau im zweiten Jahr ein Kind und fällt damit erstmal verdienstmäßig temporär aus. „Im dritten Jahr passiert dann der Super-GAU: Er verliert seinen Job! Und was ist dann zu tun? Das spiele ich mit den Klassen durch. Und merke immer wieder, dass bei vielen Zuhause nicht über Geld gesprochen wird.“ Auch Begriffsklärungen seien wichtig. „Wenn ich frage, was ist die Schufa, kann es sein, dass ich die Rückfrage bekomme ‚eine Krankheit‘?“ Ernst klärt auch darüber auf, was passiert, wenn mit 18 Jahren Verträge unterschrieben werden, und legt viel Wert darauf, dass die Schüler:innen Fragen stellen und diskutieren können. „Wenn über Klamotten diskutiert wird, kann es schon mal hoch hergehen“, erzählt er. Und es kommt auch bei 200 Euro Schulden schon mal die Frage: „Wenn ich die nicht bezahlen kann, muss ich dann ins Gefängnis?“ Seine Schulungen kämen gut an, meint Ernst. „Und ich erlebe immer wieder spannende, erwachsene Fragen.“

Die beste Prävention, da sind sich Postel und Ernst einig, liegt daran, den Überblick über die eigenen Finanzen 
zu behalten – und Rechnungen möglichst sofort zu begleichen.

www.meine-schulden.de

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