„Aufgeben kommt nicht infrage!“

22. Juli 2020

Ein Jahr im Ausland zu verbringen – der Traum vieler junger Menschen. Doch was, wenn währenddessen eine Pandemie ausbricht? Weiterreisen oder nicht?

Abitur bestanden und was nun? Eine Frage, die viele Abiturienten jedes Jahr aufs Neue beschäftigt. Die Antworten auf diese Frage können unterschiedlicher nicht sein. Vom Freiwilligen Sozialen Jahr über ein Studium bis hin zum Jobben. Wer beschließt, nicht direkt nach der Schule zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, nimmt sich häufig ein sogenanntes „Gap Year“: eine Auszeit zwischen Schule und Studium. Eine der beliebtesten Möglichkeiten, dieses „Gap Year“ zu gestalten, ist der Weg heraus aus Deutschland, um die Welt zu erkunden. Nach dem Motto: Abschluss in der Tasche, ab ins Ausland. Diesen Schritt hat auch Julia Schneider nach ihrem letzten Schuljahr gewagt.

Julia vor dem Opernhaus in Sydney

Au-pair in Down Under

Januar 2020: Die Koffer sind gepackt, die Gastfamilie ist gefunden und der Entschluss steht fest. Es geht ans andere Ende der Welt. Die südliche Hemisphäre. Ein Land voll giftiger Spinnen, Schlangen und anderen sehr tödlichen Tieren. Aber auch ein Land voller Vielfältigkeit, von Großstädten bis hin zu Regenwäldern und Wüsten.

Ich habe beschlossen, nach Australien zu fliegen, weil ich erstens noch nicht wusste, was ich studieren will, und zweitens noch gar nicht studieren wollte.

Julia Schneider

Nach einem zwanzigstündigen Flug und 16.300 Kilometer später steht Julia endlich in Sydney, mit einem sicheren Job als Au-pair in Canberra, der Hauptstadt von Australien. Voller Tatendrang und Reisepläne für ihre Freizeit.

Ein langer Weg führt von Deutschland nach Australien.

Eine spannende Zeit liegt vor ihr. Unabhängig werden, Englisch lernen, sich ins Ungewisse stürzen. Was sie bis dato noch nicht weiß: Die Corona-Krise macht dieses Abenteuer nicht gerade leicht. In Canberra geht Julia zunächst den üblichen Au-pair-Aufgaben nach – sich um die Kinder kümmern oder beim Haushalt mithelfen – und erkundet am Wochenende Australien. Coast-Touren, ein Festival in Sydney, alles, was ihr Abenteurerherz begehrt. Der Februar verläuft so, wie sie es sich vorgestellt hat: eine neue Kultur kennenlernen und sich selbst entdecken.

Die Pandemie ist weltweit spürbar 

Am 11. März wird der Ausbruch des Corona-Virus COVID-19 von der WHO zu einer globalen Pandemie erklärt – und Australien reagiert so wie viele andere Länder auf der Welt mit Selbstisolation, Reiseverbot und Ausgangsbeschränkungen. Julias Pläne, über Ostern nach Melbourne zu fahren? Nur noch Pläne, die nicht mehr möglich sind. Eine Woche Sightseeing in Sydney? Ebenso. Diese Krise ist für viele Menschen ein Auslöser, nach Hause zurückzukehren. Aus verschiedensten Gründen: um bei der eigenen Familie zu sein. Weil man sich den Aufenthalt, ohne arbeiten zu können, nicht leisten kann. Oder weil es sich einfach nicht lohnt noch zu bleiben. Trotz immenser Preise für Flugtickets nach Hause werden diese bezahlt. Auch wenn nicht klar ist, ob der Flug überhaupt stattfindet.

Während in Deutschland Rückholaktionen für deutsche Urlauber geplant werden, stellt sich bei Julia aber die Frage, ob sie überhaupt zurückfliegen will: „Ich hatte eine Phase relativ am Anfang, als es hier in Australien gerade schlimm wurde. Da habe ich tatsächlich überlegt, nach Hause zu fliegen. Ich habe mir echt total Sorgen gemacht, weil es in Deutschland so viel schlimmer war.“ Aber wegfliegen, kommt für sie nicht infrage.

Es würde einerseits einfach nur eine Menge Probleme auslösen, wenn ich nach Hause fliegen würde. Mein Vater ist schon relativ alt und wenn ich zurückkommen würde, müsste ich mich zwei Wochen isolieren. Aber wo? Im Garten ein Zelt aufzubauen war zum Beispiel eine meiner Überlegungen. Dann habe ich mir gedacht: Was, wenn es, kurz nachdem ich zurückkomme, wieder besser wird in Australien? Ich wäre sehr enttäuscht, dass ich dann schon zurückgeflogen wäre bevor ich erlebt habe, was ich erleben will.

Julia, 19

Au-pair zu Zeiten einer Krise 

Also geht es für sie weiter wie bisher – zumindest fast. Wegen der Schulschließungen gibt es statt freien Vormittagen nun „Homeschooling“. Als nicht ausgebildete*r Lehrer*in ist es schon nicht leicht, einem Kind Schulstoff beizubringen. Auf einer anderen Sprache ist es noch ein bisschen schwieriger. Aber Übung macht den Meister und auch das ist machbar. Die Arbeitszeiten der Gasteltern sind auch reduziert. Eine Woche arbeitet die Gastmutter, die nächste Woche der Gastvater. Ein Elternteil ist immer Zuhause.

Vor der Krise hatte ich die Vormittage immer ganz für mich alleine. Die Eltern waren arbeiten, die Kinder in der Schule. Jetzt ist immer jemand da, das heißt, ich habe nicht mehr viel Zeit für mich selbst. Selbst in meinem Zimmer habe ich kaum Momente, in denen es wirklich ruhig ist.

Julia, 19

Aber abgesehen davon bleibt es beim Alten: spielen mit den Kindern, ab und zu mal das Essen vorbereiten, im Haushalt mithelfen, mit dem Hund Gassi gehen. Und von der Idee, die ganze Zeit im Haus zu sein, hält Julia auch nichts. Berge in der Nähe der Stadt zu erklimmen, um den Sonnenuntergang zu beobachten, ist immer noch möglich. Natürlich mit einem angemessenen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen.

Was bleibt, ist die Hoffnung 

Ihre planmäßige Rückreise soll Anfang August stattfinden. Auch ohne den Einfluss von COVID-19. Inwiefern sich die Regelungen der Regierung bis dahin lockern oder sich verstärken, ist nicht klar. Nicht nur in Australien. Trotz vieler Lockerungen ist die Lage weltweit immer noch angespannt. Was für Julia Schneider jedoch klar ist: Aufgeben kommt gar nicht erst infrage. Die Hoffnung auf Lockerungen und die Erlaubnis, wieder zu reisen, ist vorhanden. Solange diese besteht, bleibt kein Platz für pessimistische Gedanken. Aber auch, wenn bis dahin keine Möglichkeit besteht, die einzelnen Grenzen der australischen Staaten zu passieren, bleiben für Julia unvergessliche Eindrücke von der Zeit in Australien. Das Fazit ihrer bisherigen Zeit lautet:

Ich würde niemals denken, dass es unnötig war herzufliegen oder dass es sich nicht gelohnt hat. Selbst wenn es nur eineinhalb Monate ohne die Corona-Auflagen waren. Diese eineinhalb Monate waren nämlich toll. Es ist trotz all der Umstände eine komplett neue Erfahrung. Ich verdiene Geld, ich lerne Englisch – beides tue ich zu Hause nicht. Ich fühle mich hier freier als in Deutschland und bereue nicht, nicht nach Hause geflogen zu sein, als ich Zweifel hatte. Ich bin mir hundertprozentig sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Julia, 19

Es ist möglich, trotz Weltkrise in einem fremden Land zu bleiben. Zumindest für Julia: „Ich bin sehr glücklich, dass ich hiergeblieben bin und Corona nicht die Macht gegeben habe meinen Traum kaputt zu machen.“

Von Alicia Krasakov

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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