„Der Zusammenhalt im Verein ist gewachsen“

17. Juni 2020

Mitglieder spenden 15.000 Euro an Hannover 78

Seit dem 16. März waren alle Sportstätten aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Nun geht es endlich wieder los. Wie haben die Vereine die Krise erlebt und wie ist die Stimmung nach den Lockerungen?

Von Hannes Wanger

„Die Zeit, in der die ganze Anlage komplett gesperrt war, war schon sehr bitter“, berichtet Günter Küster, Vorstandsvorsitzender von Hannover 78. „Nun sind wir froh, dass wir langsam wieder ins Laufen kommen.“ Zwei der größten Abteilungen im Verein sind die Rugby- und die Hockeysparte. Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs scheint hier zwar weiterhin in weiter Ferne, trotzdem sorgen die Trainer dafür, dass sich ihre Spieler fit halten. In Zeiten der Schließung ging es „vor allem in den Leistungsmannschaften darum, dass alle in Bewegung bleiben und ihre Hausaufgaben machen“, so Küster.

Auch auf dem Platz soll es wieder losgehen. Die Trainer haben Konzepte herausgearbeitet, wie ein Mannschaftstraining mit Übungen für zwei bis sechs Personen funktionieren könnte. Es soll zum Beispiel mit verschiedenen Ein- und Ausgängen sowie mit Markierungen auf dem Kunstrasenplatz gearbeitet werden. Für ihre Arbeit haben die Trainer während der kompletten Zeit auch weiter Teile ihres Gehalts bekommen. Dabei sei auch die soziale Komponente mit eingeflossen, erklärt Küster, der bereits seit über 40 Jahren im Vorstand von Hannover 78 tätig ist: „Wo Geld dringender benötigt wird, etwa bei Studenten, sind wir nachsichtig.“

Auf dem Hockeyplatz von Hannover 78 herrscht wieder Betrieb.

„Alle sind froh, wieder spielen zu können“

In der dritten großen Sparte des 1878 gegründeten Vereins sieht es momentan am besten aus. Während Hockey und Rugby nur langsam in kleinen Gruppen unter strengen Auflagen starten dürfen, läuft es im Tennis fast schon wie vor der Schließung. Die Plätze dürfen wieder genutzt werden. Zwar gelten auch hier Abstands- und Hygieneregeln, das Spielen an sich wird dadurch aber nicht beeinflusst. „Die Duschen und Kabinen bleiben zu, trotzdem sind alle froh, wieder spielen zu können. Gerade bei dem schönen Wetter zuletzt“, erklärt Küster. Gleich am ersten Tag der Öffnung seien viele Spieler aller Altersklassen auf der Anlage gewesen, auch das Training ist wieder gestartet. „Es ist einfach schön, dass sich Kinder und Jugendliche, aber auch die Älteren wieder auf ihrem geliebten Heimatplatz bewegen können“, freut sich der 72-Jährige.

„Es gab keinen einzigen Austritt“

Neben der sportlichen gibt es auch auf der finanziellen Seite Grund zur Entspannung. Vor allem während der Krise ist es ein großer Vorteil, dass der Verein seinen Spielern kein Gehalt zahlt. Obwohl die erste Herrenmannschaft im Rugby in der ersten Bundesliga spielt, bekommen die Spieler dort kein Geld. Auch bei den Sponsoren habe sich bislang nur einer gemeldet, der seinen im August auslaufenden Vertrag vorerst nicht verlängern kann.

Dass ein Verein der Größenordnung von Hannover 78 aber vor allem von seinen Mitgliedern lebt, hat sich in der vergangenen Zeit besonders bemerkbar gemacht. Bei den knapp 900 Mitgliedern gab es keinen Austritt, obwohl die Mitgliedsbeiträge mit beispielsweise 48 Euro monatlich für einen erwachsenen Tennisspieler recht hoch sind. Außerdem zeigten die Mitglieder große Solidarität, als der Verein sie um Spenden bat. Ganze 15.000 Euro kamen dabei zusammen. Günter Küster war begeistert: „Einfach großartig. Wir werden uns für die Mitglieder, die uns die Treue gehalten haben, etwas ganz Besonderes ausdenken, sobald es wieder losgeht.“ Durch die große Spende sei die Liquidität des Vereins erst mal gesichert und man könne der Krise finanziell entspannt entgegensehen.

Generell findet der 72-Jährige, dass der Zusammenhalt im Verein gestiegen ist: „Es besteht eine sehr große Solidarität. Auch zwischen den Abteilungen, die sonst eher für sich arbeiten, ist dieser Zusammenhalt noch einmal erheblich stärker geworden. Niemand aus den anderen Abteilungen verliert ein böses Wort darüber, dass im Tennis jetzt wieder gestartet werden darf.“

Die Anlage hat wieder geöffnet – und die Mitglieder lassen nicht lange auf sich warten.

Kinder malen 70 Osterkarten für die Älteren

Diese Solidarität zeigt sich auch in einem von Ralf Küper ins Leben gerufene Hilfsprojekt innerhalb des Vereins. Küpers Kinder spielen in der Hockeysparte. Als die Krise Anfang März ernster wurde, hatte er einen Einfall: „Die Idee war, dass es im Verein bestimmt Menschen gibt, die in Zeiten von Corona nicht mehr aus dem Haus können und Unterstützung brauchen.“ 105 Menschen im Verein sind 65 Jahre und älter. Neben der Veröffentlichung der Aktion auf der Website wurden auch alle 105 persönlich angerufen und über die Initiative informiert. Parallel dazu hat Küpers alle Mannschaften kontaktiert und nach potenziellen Helfern gefragt. „Jetzt habe ich theoretisch ein Netzwerk aus 15 Menschen, die bereit wären, sofort jemandem seinen Wunsch zu erfüllen, wenn Menschen Hilfe brauchen“, erklärt der 46-Jährige. Bislang habe sich zwar noch keiner mit konkreten Wünschen gemeldet, es gab aber viel positives Feedback der Mitglieder.

Zahlreiche Antworten gab es dafür auf ein weiteres vereinsinternes, soziales Projekt. Zusammen mit allen Kindermannschaften wurden Osterkarten für alle Mitglieder über 65 Jahre geschrieben. „Über 70 liebevolle Karten kamen dabei zusammen, die vom Verein dann an die betreffenden Mitglieder versendet wurden.“ Viele der Kinder hätten auch schöne Antworten erhalten. Vorstandsvorsitzender Küster ist sehr zufrieden mit dem Management der Krise bei Hannover 78. Auch den Zeitpunkt der Öffnungen findet er gut, solange sich an die Vorgaben gehalten wird.

Freude auch in Sommerbostel

Auch beim Tennis-Club Sommerbostel in der Wedemark ist die Freude über die Wiedereröffnung groß. Mitglied und Trainer Henri Schwarzkopf konnte den Start kaum erwarten: „Die Zeit ohne Tennis war schon hart. Als die Nachricht kam, dass es wieder losgeht, habe ich mir sofort einen Partner gesucht und einen Platz reserviert.“ Dass dies möglich war, lag an der guten Vorbereitung des Clubs auf die Öffnung. Die Plätze waren bereits präpariert, im Vorstandsteam wurden ein Hygieneplan und die nötigen Aushänge am Vereinsgelände beschlossen.

Der TC Sommerbostel öffnet wieder seine Türen.

In der tennisfreien Zeit ging Schwarzkopf ein anderes Thema im Verein an. Die etwas in die Jahre gekommene Website soll erneuert werden. Zusammen mit drei weiteren Mitgliedern probierte sich der 23-Jährige an verschiedenen Designs aus. „Dabei kam ein ganz guter Entwurf heraus, den wir nun optimieren, um ihn möglichst bald als unsere neue Website nutzen zu können.“

Außerdem sollte ursprünglich in den Sommerferien ein Tenniscamp stattfinden. Im letzten Sommer war dieses ein voller Erfolg, daher sollte es eine Fortsetzung geben. „Nun müssen wir schauen, ob wir es durchführen können, die Umstände sind nicht die leichtesten“, sagt Schwarzkopf, der das Camp organisiert. Man arbeite an Ideen, um möglichst viele Kinder vorschriftsmäßig trainieren zu können. Einfach wird das aber nicht: „Unter den jetzigen Voraussetzungen ist es in meinen Augen leider fast unmöglich, so ein Camp diesen Sommer durchzuführen.“ Trotzdem will er sich nicht beschweren. „Mir reicht es erstmal vollkommen, dass man sich endlich wieder auf dem Platz austoben kann!“

Henri Schwarzkopf freut sich, dass es wieder losgeht und schwingt gleich den Schläger.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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