Glaube im Ausnahmezustand

14. Juli 2020

Eine junge Frau hat ihre Hände zum Beten gefaltet. Beten gehört wohl zu den intimsten Momenten eines Menschen.

Die einen glauben an ihn, die anderen nicht. Ist Gott schuld an der Corona-Krise? Der Glaube an einen Gott wird zu Zeiten der Pandemie auf die Probe gestellt.

Von Karolina Sacher

Kirchengemeinden erleben den Ausnahmezustand und die Menschen entdecken ihre Nächstenliebe neu. Kirchen bleiben geschlossen und Beerdigungen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Frage, ob es Gott gibt, ist zu Zeiten der Corona-Krise selbst für manch Gläubige gar nicht so einfach zu beantworten. Und dennoch gibt der Glaube einigen Menschen Kraft. Ein Teil der Menschheit ist fest davon überzeugt, dass es Gott gibt. Andere meinen, wenn er existiert, scheint Gott nicht wirklich helfen zu wollen.

Auf die Frage, ob Gott schuld an der Corona-Krise ist, hat Pastorin Heike Musolf aus Aurich eine klare Antwort: „Nein, wir können die Schuld nicht auf Gott abwälzen.“ Sie sagt, dass der Mensch selbst dafür verantwortlich ist, was auf der Erde geschieht. „Der Mensch kann mit der Welt machen, was er will“, betont die Pastorin. Das ist für einige aber schwer zu glauben. Denn in der Bibel steht häufig: „Es wird dir kein Übel begegnen, denn Gottes Engel beschützen dich.“ Trotz dem Glauben an Gott sterben Tausende Menschen an dem Corona-Virus. Die Theodizee-Frage nach der Schuld Gottes ist präsenter denn je. Der Glaube an Gott wird zu Zeiten der Pandemie auf die Probe gestellt und vielen fällt es schwer, den Glauben und die Hoffnung nicht zu verlieren.

„Es liegt in der Hand des Menschen, was auf der Welt geschieht“, sagt Musolf. „Gott hat den Menschen die Freiheit gegeben und somit sind sie selbst für Katastrophen und Pandemien verantwortlich. “ Mit dieser Verantwortung müssen die Menschen lernen umzugehen und nicht einen existierenden oder nicht existierenden Schuldigen suchen.

„In der Not stehen alle beisammen“

Während der Pandemie kommt aber auch „endlich das Gute in den Menschen hervor“, betont Musolf. Nächstenliebe ist nicht nur ein Gebot Gottes, sondern auch etwas, was zu Zeiten der Krise neu ans Licht kommt. Musolf berichtet aus ihrer Heimat: „Die Menschen unterstützen sich gegenseitig. Für Alte und Kranke wird eingekauft und zu Hause werden fleißig Schutzmasken gebastelt.“ Nächstenliebe ist während der Pandemie nicht nur noch wichtiger, sondern auch sichtbarer. Denn „in der Not stehen alle beisammen“, lobt die Pastorin der evangelischen Gemeinde in Aurich.

„Der Mensch ist frei“, betont Pastorin Heike Musolf aus Aurich.

Für viele gehört der regelmäßige Gang in die Kirche zum Glauben dazu. Während der Hochphase der Corona-Pandemie mussten die Gotteshäuser allerdings geschlossen bleiben. Der übliche Job der Pastor*innen war damit fürs Erste aufs Eis gelegt. Aber wie viele andere hat auch Heike Musolf schnelle Alternativen für den Gottesdienst gefunden. Ihre Gemeinde hat beispielsweise Andachten und Gottesdienste über regionale Radiosender veranstaltet. Außerdem hat die Pastorin Gebete und Andachtsvideos auf der Kirchen-Homepage und sogar auf einem eignen YouTube-Kanal hochgeladen. Aber Musolf sagt: „Der persönliche Kontakt ist kaum noch da und fehlt.“ Durch Briefe, Telefonate und Gespräche auf der Straße hat sie weiterhin versucht, sich um ihre Gemeindemitglieder zu kümmern. Auch wenn die Pastorin in dieser Zeit nicht viel machen konnte, weiß sie, dass zu Zeiten einer Krise „Gespräche und kleine Gesten den Menschen oft schon reichen.“

Kindergottesdienst per WhatsApp

Der Diakon aus Musolfs Gemeinde hat sich, während die Kirchen noch geschlossen waren, um die Kinder der Kirchenmitglieder gekümmert. Per WhatsApp hat er Geschichten versendet, die normalerweise Thema im Kindergottesdienst gewesen wären. Außerdem hat der Diakon gemeinsam mit Musolf Bastelmaterial in den Briefkästen der jungen Gemeindemitglieder verteilt und einen Malwettbewerb per Internet veranstaltet.

Kirchenjugend und Social Distance

Wie auch Pastorin Musolf, hat auch der Dekanatsjugendreferent Dennis Wie Pastorin Musolf hat auch der Dekanatsjugendreferent Dennis Pahl aus Ostfriesland stets ein offenes Ohr für die Jugendlichen aus seiner katholischen Kirchengemeinde. Gemeinsam mit den Jugendlichen setzt er sich mit dem Glauben an Gott auseinander. Da wird schon mal die Frage gestellt, ob Gott existiert oder warum er dieses Leid zulässt. Der Dekanatsjugendreferent hat darauf eine klare Antwort: „Der Glaube an Gott kann helfen. Er gibt Rückhalt und man weiß, dass wir unsere Leiden nicht alleine tragen müssen.“

Die Kontakteinschränkungen während der Corona-Krise gelten aber auch für Jugendliche. Daher fiel die Arbeit von Dennis ebenfalls so gut wie flach. Spieleabende und verschiedenste Aktionen sind ausgefallen. Dafür hat aber auch Dennis eine schnelle Lösung gefunden. Gemeinsam mit seinem Betreuerteam hat er neben online Spieleabenden auch den „Montagstalk“ ins Leben gerufen. Jeden Montag treffen sich die Jugendlichen im virtuellen Chat und sprechen über das, was sie gerade bewegt. Bezogen auf die Kirchenschließungen sagt Dennis: „Das virtuelle Miteinander-Reden und kurze Impulse auf unserer Homepage geben den Jugendlichen oft mehr als ein Online-Gottesdienst.“

Pfingstzeltlager@home

Bevor Dennis aber auch noch das Pfingstzeltlager absagen musste, haben er und sein Betreuerteam das „Pfingstzeltlager@home“ ins Leben gerufen – ganz nach dem Motto „Not macht erfinderisch“. Die 30 Teilnehmer*innen und 17 Teamer*innen haben sich von der Corona-Pandemie nicht unterkriegen lassen und das Lager nicht abgesagt. Statt ihre Zelte auf dem Campingplatz aufzubauen, haben die Teilnehmenden diese im heimischen Garten aufgestellt. Zuvor haben die Teamer des Zeltlagers für jeden teilnehmenden Haushalt Materialkisten zusammengestellt und diese vor die Haustüren der Kinder geliefert. Der Rest verlief online.

„Man kann nicht mal mehr richtig Abschied nehmen“

Eine Urne steht am Eingang einer Kirche. Die Angehörigen dürfen nicht zu ihr gehen.

Aber nicht nur der Glaube und die Kirche sind im Ausnahmezustand. Auch Beerdigungen und Trauerfeiern sind nicht mehr das, was sie mal waren. Bundesweit dürfen Beerdigungen in Zeiten von Corona nur noch unter freiem Himmel im engsten Familienkreis stattfinden. Außerdem heißt es: keine Musik, kein Weihwasser, kein Beisammensein nach der Beerdigung und Trauergespräche ausschließlich telefonisch. Wie Pastorin Musolf versucht auch Bestatter Andree Emkes aus Aurich die Beerdigungen so würdevoll wie möglich zu gestalten. „Eigentlich war alles ganz normal, nur mit weniger Angehörigen und ohne Musik“, berichtet Musolf. Auch Emkes erzählt: „Ich bin positiv überrascht, wie die Angehörigen die Umstände verstehen und akzeptieren.“ Dennoch „wird der Tod immer mehr zum Tabu Thema“, kritisiert der Bestatter. Und die Corona-Krise würde dies weiter fördern. Denn: „Jetzt kann man nicht mal mehr richtig Abschied nehmen“, erklärt Emkes.

„Wir leben in einer Glaubens-geprägten Zeit“

Der Glaube an Gott spielt im Leben vieler Menschen eine Rolle. „Damit ist aber nicht zwingend der christliche Gott gemeint“, meint Pastorin Musolf aus Aurich. die verschiedensten Arten des Glaubens, gerade zu Zeiten einer Krise. Sei es der Glaube an Verschwörungstheorien oder der an die Wissenschaft. Musolf ist sich sicher, dass „wir in einer Glaubens-geprägten Zeit leben und das nicht im Sinne des christlichen Glaubens.“

Weiterführende Informationen

Seelsorge von zu Hause aus…
https://www.telefonseelsorge.de/

Website der katholischen Jugend Ostfriesland…
https://kjb-ostfriesland.de/

Website der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde aus Aurich…
https://paulusgemeinde-aurich.wir-e.de/aktuelles

Glaubenskrise: Glaube auf dem Trockenen…
https://www.erf.de/glaubens-faq/glaubenskrise-glaube-auf-dem-trockenen/33618-17

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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