Hannovers Museen auf dem Prüfstand

3. Juli 2020

Raumansicht: Unmögliche Galerie, 2020 © Landesmuseum Hannover

Kultur unter erschwerten Bedingungen

Für Museen in ganz Deutschland ist 2020 jetzt schon ein herausforderndes Jahr. Durch die Ausgangsbeschränkungen blieben die Häuser mehrere Monate leer. Auch in der Region Hannover hatten die Museen mit dieser schwierigen Situation zu kämpfen. Einige Betreiber haben digitale Angebote geschaffen, um den Menschen weiterhin Zugang zu Kultur zu ermöglichen. Dank virtueller Rundgänge, Online-Sammlungen und Führungen per Livestream war dies auch von zu Hause aus möglich. Finanziell lohnen sich die meist kostenlosen Angebote für die Museen allerdings nicht. Die fehlenden Einnahmen während der besucherlosen Zeit stellen die Organisatoren auch jetzt noch vor Probleme.

Von Oskar Morling und Philipp Zetzsche

Seit den ersten Lockerungen vor knapp einem Monat werden viele Kultureinrichtungen im Raum Hannover wieder geöffnet. Unter der Einhaltung der Hygienemaßnahmen dürfen wieder kleine Besuchergruppen empfangen werden. Auch wenn die Einnahmen langsam wieder steigen, ist man vom Normalzustand noch weit entfernt. Wie haben die Museen im Raum Hannover die Krise überstanden? Und was müssen die Besucher jetzt beachten?

Sprengel Museum Hannover

Die Kunstgalerie in Hannovers Innenstadt konnte wegen der Pandemie mehrere Wochen keine Besucher empfangen. Obwohl das Museum eines der größten der Stadt ist, die Schließung ist auch hier nicht spurlos vorbeigegangen. Sonja Schwarz, Pressezuständige für das Sprengel Museum, erklärt: „Nach der Schließung mussten wir unseren Bildungsauftrag auf andere Weise wahrnehmen.“ In den Wochen darauf folgte der Umstieg auf Social Media. Über die Website können Besucher 360°-Touren erleben und sich einen Teil der ausgestellten Werke in der Online-Sammlung ansehen.


Über Facebook werden regelmäßig „Sprengel Clips“ veröffentlicht. In kurzen Videos präsentieren Angestellte eines der Ausstellungsstücke. „Die Clips sind sehr gut bei den Besuchern angekommen. Das werden wir auch nach Corona weiterführen“, so Schwarz. Seit dem 7. Mai ist das Museum wieder geöffnet. Ein Besucheransturm blieb zwar aus, seit der Öffnung sind rund 3.200 Gäste gekommen. Zum Vergleich: Vor der Pandemie wurden diese Besucherzahlen in einer Woche erreicht. Trotzdem ist das Feedback der Kunden sehr positiv: „Die Besucher sind froh, dass sie die Angebote des Museums wieder wahrnehmen können.“

Für Risikopatienten bietet das Museum einen besonderen Service. Einen Extra-Zeitraum für die Menschen, die sonst das Museum nicht besuchen könnten. Hier wird noch mal vermehrt auf die Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen geachtet. Alle Menschen sollen so „ohne Angst ins Museum gehen können.“ Obwohl sich nach und nach wieder der Alltag einstellt, ist Schwarz froh, jetzt nicht mehr nur auf virtuellem Wege den Menschen Kultur nahebringen zu können.

Wilhelm-Busch-Museum

Das deutsche Museum für Karikatur und Zeichenkunst, oder auch Wilhelm-Busch-Museum, ist ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft Hannovers. Für das private Kunsthaus unter der Trägerschaft der Wilhelm-Busch Gesellschaft e.V. war die besucherlose Zeit dennoch ein schwerer Schlag. „Wir mussten unsere gut laufende Ausstellung mit den Werken von Manfred Deix vorzeitig abbrechen“, erklärt die Pressebeauftragte Annette Langhorst. Die ausbleibenden Einnahmen bringen das Museum in eine finanziell schwierige Lage. An eine zweite Welle und eine erneute Schließung will sie deshalb lieber nicht denken: „Da hängt unsere Existenz dran.“ Nach der Corona-bedingten Schließung können die Verantwortlichen aber wieder etwas aufatmen. Seit dem 7. Mai dürfen Besucher die gesammelten Werke bekannter Zeichner und Karikaturisten, wie Wilhelm Busch oder dem Briten Ronald Searle, wieder vor Ort bestaunen. „An guten Tagen sind wir bei knapp 50 Prozent der normalen Besucherzahlen“, erzählt Langhorst.

Ein volles Haus wird es aber in näherer Zukunft nicht geben. Es gelten strenge Beschränkungen. Inklusive Mitarbeiter dürfen sich maximal 55 Personen gleichzeitig im Gebäude befinden. Um die geforderten Sicherheitsabstände zu gewährleisten, wurde sogar die Wegführung im Haus geändert. Für das Museumsteam bedeutet die Einhaltung aller Maßnahmen einen immensen personellen sowie finanziellen Aufwand. Trotzdem gibt es Lichtblicke. Am 22. Mai konnte die neue Ausstellung „Grandios! Virtuos!“ starten. Seit dem 14. Juni finden außerdem wieder offizielle Führungen außerhalb der Öffnungszeiten statt. Bis zu zehn Personen können nach Voranmeldung daran teilnehmen.

Klosterstollen Barsinghausen

Gerade kleinere Kulturangebote in der Region Hannover leiden unter den fehlenden Besuchern. Im Gegensatz zu den meisten großen Museen kann der Klosterstollen in Barsinghausen trotz der Lockerungen noch nicht wieder öffnen. Zu der Anlage gehört ein kleines Museum, die Hauptattraktion ist allerdings die Fahrt mit der Grubenbahn und der Rundgang durch das alte Bergwerk. Das Problem: Ein Hygienekonzept lässt sich im Bergwerk nicht umsetzen.

Geschäftsführer Thomas Schmidt erklärt: „In der Grubenbahn sitzen alle nahe beieinander. Da kann man das mit dem Sicherheitsabstand schon mal vergessen.“ Auch im Bergwerk können die Hygienevorschriften wegen der engen Gänge nicht eingehalten werden. Nur das Museum zu öffnen, ist für die Betreiber auch nicht rentabel. „Wenn keine weiteren Lockerungen kommen, haben wir keine Chance“, so Schmidt. Momentan finanziert sich der Betrieb über Spenden, einen eigenen Wohnmobilstellplatz und die Vermietung des Geländes als Eventlocation. „Damit versuchen wir, uns die nächsten Wochen über Wasser zu halten.“

Eine Dauerlösung ist das jedoch nicht: „Momentan leben wir wirklich von der Hand in den Mund. Immer ein paar Tage weiter.“ Besonders das Bergwerk verursacht hohe laufende Kosten. Die Maschinen müssen wegen der hohen Luftfeuchtigkeit regelmäßig gewartet werden, die Mitarbeiter werden dringend gebraucht. „Allein deshalb kommt für uns auch keine Kurzarbeit infrage“, sagt Schmidt. Trotz der schwierigen Lage ist der Geschäftsführer optimistisch: „Wir schaffen das schon. Da muss man halt einen langen Atem haben.“

Schloss Marienburg

Ein beliebtes Ausflugsziel der Region ist das Schloss Marienburg bei Pattensen. Mitte des 19. Jahrhunderts diente es König Georg V. von Hannover als Sommerresidenz. Auf die historische Atmosphäre und das Stück Lokalgeschichte mussten Interessierte lange Zeit verzichten.

Obwohl die Tore geschlossen waren, gab es für die Besucher Onlineangebote, um die Attraktion Marienburg trotzdem zu erleben. Dazu zählen ein virtueller Rundgang und zahlreiche Bilder in den sozialen Netzwerken. Da diese Angebote zumeist kostenlos sind, ersetzen sie den richtigen Besuch vor allem aus Sicht der Betreiber nicht. „Ohne Einnahmen ist der Betrieb des Schlosses natürlich schwierig“, berichtet Marketingmitarbeiterin Katrina Bläsig.

Nach den ersten Lockerungen Anfang Mai ist es Besuchern wieder erlaubt, das Schloss unter strengen Auflagen zu besichtigen. Zahlreiche Desinfektionsspender sowie getrennte Ein- und Ausgänge zählen zu den Maßnahmen. Außerdem wurden die begehbaren Wege zu einem „Einbahnstraßensystem“ umgewandelt. Mindestabstände können so effektiver eingehalten werden. „Die Besucherzahlen sind noch lange nicht so wie früher. Alles läuft etwas schleppend an“, sagt Bläsig. Auch die Durchführung von Open-Air-Veranstaltungen und Workshops liegt erst mal auf Eis. Eine konkrete Planung ist schwierig und von den Beschlüssen der Politik abhängig. „Im Moment schauen wir von Verordnung zu Verordnung“, erklärt die Marketingmitarbeiterin.

Landesmuseum Hannover

Das staatliche Landesmuseum Hannover trägt auch den Titel „WeltenMuseum“. Schließlich bieten sich dem Besucher im Inneren davon gleich mehrere. Mit den „NaturWelten“, „MenschenWelten“ und „KunstWelten“ ist das Angebot vielfältig. Während der Quarantäne blieben die Ausstellungen geschlossen, deshalb machte das Museum einen Teil davon in den sogenannten „DigitalWelten“ im Internet zugänglich. Ein Bereich, in dem sich der Besucher durch „111 Geschichten aus dem WeltenMuseum“ klicken kann.

Im Rahmen der „Staying Alive“-Initiative sind die Ausstellungen seit knapp einem Monat geöffnet. Unter dem Projektnamen schlossen sich viele Kulturinstitutionen in Hannover für den Erhalt der Kultur und gemeinsame Wiedereröffnungen zusammen. Trotzdem bleiben die digitalen Angebote weiter erhalten. Das gilt auch für die aktuelle Sonderausstellung „Leonardos Welt. Da Vinci Digital“. Diese wurde bis zum 25. Oktober verlängert, da sich aufgrund der Pandemie nur wenige die Werke vor Ort ansehen konnten. „Die multimediale Ausstellung bringt den Vordenker der Renaissance ins digitale Zeitalter. Mithilfe von Filmen, Projektionen und Hologrammen werden seine Meisterwerke und Maschinen zum Leben erweckt“, heißt es in der Beschreibung des Landesmuseums. Neben einigen Fotos aus der Ausstellung gibt das Museum in kurzen Audio-Clips einen Überblick über Da Vincis Lebenswerk.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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