Allein mit der Trauer – Hospizarbeit auf Distanz

8. Juli 2020

Außenansicht "Lebenshaus"

Außenansicht „Lebenshaus“ (Credit: Ambulanter Hospizdienst „Aufgefangen“ e.V. )

Der Anruf kam an einem Sonntag. Die Mutter hatte durch ihre Krebserkrankung starke Schmerzen. Zusätzlich hatte der Vater durch seinen Beruf als Maurer einen Verschleiß im Rücken und ebenfalls starke Schmerzen. Er konnte sich deshalb nicht mehr ausreichend um seine Frau kümmern. Plötzlich ging es sowohl der krebskranken Frau als auch ihrem Mann schlechter. Da die Kinder des Paares weit weg wohnten, war die Versorgung der Frau nicht mehr gewährleistet. Während sie in das Hospiz nach Bad Münder kam, wurde ihr Mann ins Krankenhaus eingeliefert. Das Ehepaar, das über fünfzig Jahre zusammen war, war jetzt getrennt.

Von Jana Oppermann

„Ein einschneidendes Erlebnis“, so beschreibt Cornelia Manke die Einschränkungen, die die Corona-Krise auf die Hospizarbeit hat. Die examinierte Krankenschwester ist Koordinatorin beim ambulanten Hospizdienst „Aufgefangen“ in Barsinghausen. Die Corona-Krise zwingt den Verein zum Umdenken. Das neue Motto lautet: Hospizarbeit auf räumliche Distanz.

Trauer, Verzweiflung und Isolation

Für einige Sterbende kommt die Diagnose plötzlich, für andere nicht, trotzdem erleben sie alle Unsicherheit, Sorge und die Angst vor Schmerzen. Dort kommt die palliative Versorgung zum Einsatz. Palliativ bedeutet im wörtlichen Sinne „Ummantelung“. Genau das hat sich der Verein zur Aufgabe gemacht: „Wir wollen mit fachlicher und emotionaler Kompetenz zur Seite stehen, aufklären und Sicherheit vermitteln“, erklärt Manke.

Kontaktverbot schränkt Hospizarbeit massiv ein

Der 1992 gegründete Verein ist nach Angaben des Hospiz- und Palliativverbandes einer von 1.500 ambulanten Hospizdiensten in Deutschland. Ein zentraler Aspekt der Trauer- und Sterbebegleitung ist die Nähe zu den Betroffenen, erzählt Manke. Die Einschränkungen der Corona-Krise haben massive Auswirkungen auf die Arbeit des Vereins. Besonders für die Sterbebegleitung ist das eine sehr schwierige Situation, so Koordinatorin Cornelia Manke: „Wir dürfen keinen Kontakt zu Menschen haben. Wir dürfen außerdem nicht in Krankenhäuser und Altenheime gehen. Wir dürfen auch die Familien nur eingeschränkt besuchen, weil wir ja auch potenziell Träger des Virus sein könnten und damit hochgefährdete Menschen in Gefahr bringen.“ Die Folge ist, dass die Sterbebegleitung jetzt vor allem über das Telefon stattfindet.

Acht hauptamtliche KoordinatorInnen und circa siebzig Ehrenamtliche unterstützen Angehörige jeden Alters auch bei der Trauerbewältigung. Telefonisch werden Fragen beantwortet, Hospiz- und Pflegeplätze vermittelt oder es wird einfach zugehört. Auch ein Spaziergang ist möglich – zu zweit, mit Mundschutz und zwei Metern Abstand. Das geht aber nur bei den Angehörigen, die Sterbenden sind dazu oft nicht mehr in der Lage. Cornelia Manke hat deshalb trotz des Kontaktverbots einen Hausbesuch gemacht. „Ich war allerdings vermummelt mit Mundschutz und Handschuhen und habe mich sehr zurückgehalten, bin an den Sterbenden nicht herangetreten. Für die Familie war es wichtig, dass sich jemand einen persönlichen Eindruck macht.“

Mit dem „Lebenshaus“, einem gemütlich eingerichteten Haus mit Garten, Ruhe- und Kreativräumen, gibt der Verein Trauer und Tod einen Platz in der Gesellschaft. Momentan ist es dort ungewöhnlich ruhig, lediglich zwei Hauptamtliche mit Mundschutz besetzen die Telefone. Im „Fuchsbau“ lernen Kinder normalerweise durch Aktionen wie dem Besuch eines Therapiepferdes mit ihrer Trauer umzugehen. Aber auch für Erwachsene gibt es verschiedene Angebote, wie zum Beispiel das „Trauercafé“ oder gemeinsame Kinoabende. Darauf müssen alle Trauernden derzeit verzichten. Das gelockerte Kontaktverbot erlaubt inzwischen in akuten Trauersituationen Einzelbegleitungen im Lebenshaus – natürlich mit Mundschutz, frisch gewaschenen Händen und dem nötigen Sicherheitsabstand.

Credit: Ambulanter Hospizdienst „Aufgefangen“ e.V.

Finanzielle Folgen noch nicht absehbar

In den letzten Monaten waren weniger Anfragen eingegangen, vor allem wegen Corona. Für den Verein hat das auch finanzielle Auswirkungen. Er finanziert sich neben Spenden vor allem über Zuschüsse der Krankenkassen. Die Höhe dieser Zuschüsse richtet sich nach der jährlichen Gesamtzahl an Begleitungen. Eine sinkende Anzahl an Begleitungen während der Corona-Krise beeinflusst also direkt die Höhe der Zuschüsse für das gesamte Jahr 2021. Für die rein telefonischen Begleitungen im März und April dieses Jahres könnten die Zuschüsse sogar vollständig wegfallen. „Derzeit finden Gespräche zwischen den Krankenkassen und dem Verband statt, mit der Hoffnung, dass auch telefonische Begleitungen abgerechnet werden können“, sagt Koordinatorin Bärbel Oppermann.

Aus Rücksicht auf die finanzielle Situation des Vereins verzichten die Angestellten auf die Vergütung von Wochenend- und Feiertagsbereitschaften. Auch eine neue Kollegin konnte zunächst nicht eingestellt werden. Wie überall ist auch die Schutzkleidung knapp, bestellte Atemschutzmasken von der Diakonie kamen nicht an. Eine Apotheke stellte extra Desinfektionsmittel her und die Mutter eines betroffenen Kindes näht zu Hause Schutzmasken für die Sterbebegleiter.

Cornelia Manke berichtet von einer besonders schwierigen Begleitung

Trauerarbeit ist wichtiger denn je

Aber diese Einschränkungen sind nicht mit den Problemen von Trauernden vergleichbar. Die Isolation durch die Corona-Krise ist besonders für sie sehr herausfordernd, so Manke. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die es jetzt besonders schwer haben. Sie haben sowieso schon eine traurige Grundstimmung und dürfen sich jetzt nicht mit Familie und Freunden treffen.“

So erging es auch dem rückengeplagten Mann, der von seiner Frau nach einem halben Jahrhundert des Zusammenlebens getrennt war. Während sie sich im Hospiz sehr wohlfühlte, konnte er sie nicht besuchen, weil er aufgrund seiner Erkrankung in die Kurzzeitpflege musste. Da sie nicht mehr in der Lage war, zu telefonieren, hatten die beiden keinen Kontakt. Die beiden Töchter des Paares haben ihren Vater immerhin noch zweimal aus dem Heim holen können, um ihn zu seiner sterbenden Frau zu bringen. Doch irgendwann war das durch die Ausgangbeschränkungen nicht mehr möglich. Einen Tag nach dem letzten Besuch des Mannes verstarb die Frau schließlich alleine im Hospiz. Indes saß der Mann einsam im Heim. Er durfte weder raus, noch durften seine Kinder rein. Er musste überwinden, dass seine Frau verstorben war, von der er sich nicht verabschieden konnte. Mit all dieser Trauer war er alleine.

„Das Ehepaar, was über fünfzig Jahre zusammengelebt hatte, war jetzt getrennt. Er im Krankenhaus, sie im Hospiz.“    

Cornelia Manke, Koordinatorin beim ambulanten Hospizdienst „Aufgefangen“

Derweil versuchte ein ehrenamtlicher Trauerbegleiter telefonisch Kontakt zu halten, aber das war schwierig. „Da war so viel Verzweiflung. Die Kinder sind verzweifelt, weil sie nicht zu ihrem Vater dürfen und haben selbst nebenbei noch den Tod der Mutter zu verarbeiten“, erzählt Manke. Da er wegen seines Rückens im Krankenhaus war, ist er nun in Quarantäne. Außerdem wurde er in ein Einzelzimmer verlegt, was er nicht verlassen darf. Ebenso darf er nicht wie gewohnt im Garten spazieren gehen. Auch für Cornelia Manke eine schwierige Situation. „Eine Begleitung, die für mich kaum zu ertragen war“, sagt die erfahrene Krankenschwester.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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