„Obdachlose sind eben nicht systemrelevant“

9. Juni 2020

Von Marte Michaelis

Die Schlange vor den Pavillons der Essensausgabe ist lang. Mit gebührendem Abstand warten hier über 30 Menschen auf dem Andreas-Hermes-Platz hinter Hannovers Hauptbahnhof auf Kleidung, Hygieneartikel und eine warme Mahlzeit. „An Spitzentagen kommen bis zu 450 Menschen“, erzählt Mario Cordes, erster Vorsitzender der Obdachlosenhilfe. Ein älterer Mann hat sich bereits versorgt und sitzt am Brunnen: „Zu Anfang war es sehr viel schlimmer“, sagt er mit einer Schale Eintopf in der Hand. „So langsam beruhigt es sich wieder.“

Versorgung in Zeiten von Corona

Als vor ein paar Wochen die weitreichenden Corona-Maßnahmen in Kraft traten, organisierte die Obdachlosenhilfe zusammen mit der Stadt Hannover regelmäßige Ausgaben. Sieben Tage die Woche wurden Lunchpakete gepackt, Kaffee gekocht und Sachspenden, wie zum Beispiel Kleidung und Lebensmittel, verteilt. „Dafür mussten wir unser Team verdoppeln“, erklärt Cordes, der sich über den spontanen Einsatz der Helfer freut. „Auch viele Studenten engagieren sich momentan, das klappt wirklich gut.“

Zu wenig Lebensmittel für Bedürftige

Aber weshalb stieg der Bedarf überhaupt so stark an? Obdachlose in Hannover werden nicht nur von der Obdachlosenhilfe versorgt, sondern auch von anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel Tagestreffs. Im Rahmen der Corona-Maßnahmen mussten solche Versorgungsstellen allerdings schließen. Zudem wurden Hamsterkäufe für die Hilfseinrichtungen zum Problem. In einem Spendenaufruf erklärte die Obdachlosenhilfe vor einigen Wochen, dass sie von den Märkten weniger Lebensmittel bekämen, da dort „einfach nicht viel übrig bleibt“. Nach dem Aufruf kamen innerhalb kurzer Zeit ausreichend Spenden zusammen, um die Verpflegung aufrecht zu erhalten. Aktuell versuchen die Hilfsorganisationen, zum Normalzustand zurückzukehren. Einrichtungen wie Tagesaufenthalte dürfen schrittweise wieder öffnen. Nachdem die Stadt die zusätzliche Versorgung zum 30. April einstellte, finden die Essensausgaben der Obdachlosenhilfe wieder drei Mal wöchentlich statt.

In der Nähe des Hauptbahnhofs gibt die Obdachlosenhilfe Kleidung und Essen aus (Credit: Marte Michaelis)

Warum kein Gabenzaun für Hannover?

Viele deutsche Städte etablierten im Zuge der Corona-Pandemie sogenannte „Gabenzäune“. Jeder kann dort Tüten mit Spenden anbringen, die Bedürftige sich dann abholen können. Im März initiierten zwei junge Frauen einen Gabenzaun auch in Hannover. Die gut gemeinte Aktion verlief allerdings nicht so wie geplant. In den Tüten wurden leicht verderbliche Lebensmittel wie Wurst und Käse verpackt, die dann über Stunden in der Sonne am Zaun hingen.

Außerdem wurde der Gabenzaun in Hannover, im Gegensatz zu anderen Städten, nicht überwacht. Das führte dazu, dass die Tüten nicht nur von Obdachlosen, sondern auch von anderen Passanten durchwühlt wurden. Was sie nicht gebrauchen konnten, landete kurzerhand auf dem Boden. Anfang April wurde der Gabenzaun am Weißekreuzplatz daher von der Stadt verboten. „Das war zu kurz gedacht, dass man die Lebensmittel so wegwirft“, kritisierte Cordes von der Obdachlosenhilfe das Projekt. „Wenn man den Obdachlosen die Tüten einfach direkt in die Hand gegeben hätte, wäre allen damit mehr geholfen.“

Sozialarbeiter müssen improvisieren

Nicht nur die Knappheit von Lebensmittelspenden wurde für Wohnungs- und Obdachlose zum Problem, denn auch das ganze Hilfesystem wurde in weiten Teilen heruntergefahren. Ihre Wäsche mussten die Obdachlose nun in kommerziellen Waschsalons waschen, Essen teuer kaufen und bei Angelegenheiten beim Amt war es zunächst schwerer, die gewohnte Unterstützung von Sozialarbeitern zu bekommen. „Es entstand plötzlich ein großer finanzieller Mehraufwand für die Betroffenen“, berichtet Axel Fleischhauer von der Selbsthilfe für Wohnungslose in Hannover (SeWo).

Die SeWo bemühte sich darum, die neuen Schutzmaßnahmen schnell umzusetzen, um weiterhin persönliche Beratungen durchführen zu können. „Eine telefonische Beratung funktioniert nicht gut, weil viele schlicht kein Telefon haben“, erklärt Fleischhauer das Problem. Auch die Maskenpflicht stellte eine Herausforderung dar: „Wir konnten viele Masken organisieren, aber trotzdem haben die Obdachlosen nun mal keinen Backofen und keine Waschmaschine, um sie richtig zu reinigen.“ Auf dem Weg zu Notunterkünften, den Ausgaben oder anderen Einrichtungen sind auch Obdachlose auf Bus und Bahn angewiesen und zum Tragen von Masken verpflichtet. „Das alles war eine permanente Improvisation und von oben kam da nicht viel Hilfe“, erzählt Fleischhauer. „Sozialarbeiter in diesem Bereich und die Obdachlosen sind eben nicht systemrelevant.“

Obdachlose als Risikogruppe

Auch Hannovers stationäre Einrichtungen müssen durch die aktuelle Situation viel improvisieren und neue Konzepte ausarbeiten. Der Verein Werkheim e.V. bietet insgesamt 214 Heimplätze für Wohnungs- und Obdachlose in Hannover. Hier kommen betroffene Männer unter, die meist älter und gesundheitlich angegriffen sind. Damit stellen sie eine Risikogruppe dar, die vergleichbar mit den Bewohnern von Pflegeheimen ist. Um die Bewohner zu schützen, darf niemand von außen die Einrichtung betreten. Andreas Sonnenberg, Vorsitzender des Werkheims, weiß allerdings, dass es schwierig ist, Schutzmaßnahmen konsequent umzusetzen: „Hier gelten keine Zwangsmaßnahmen, jeder ist selbstbestimmt. Menschen mit einem Suchtproblem werden sich daher trotzdem in der Szene aufhalten, das ist das Problem.“

Momentan gilt noch ein Aufnahmestopp für die Einrichtung. Um jemanden aufnehmen zu können, müssen die Betroffenen entweder einen negativen Test oder Quarantäne vorweisen. Beides ist bei Obdachlosen schwer möglich. Auf dem Gelände des Werkheims sind täglich bis zu 300 Personen unterwegs, weshalb Sonnenberg flächendeckende Tests für eine wichtige Maßnahme hält. „Mit diesem Anliegen haben wir uns auch schon an Gesundheitsminister Spahn gewendet. Wir wollen gleichgestellt werden mit Pflegeheimen, wissen aber noch nicht, ob das wirklich zustande kommt.“

Unterbringung in Hotelzimmern

Trotz neuer Schwierigkeiten konnte auch eine positive Veränderung in Zeiten von Corona beobachtet werden. Die freien Zimmer von Hotels und Jugendherbergen wurden Wohnungslosen zur Verfügung gestellt. „Wie die Menschen plötzlich aufblühen, das ist einfach unglaublich“, meint Fleischhauer von der SeWo. „Es ist schwer zu ertragen, dass diese Menschen bald wieder auf die Straße gesetzt werden müssen.“

3.000 Wohnungen fehlen

Die Chancen, schnell wieder eine gesicherte Unterkunft und Privatsphäre genießen zu können, stehen für die Obdachlosen schlecht. Bis zu 800 Obdachlose leben in Hannover, die Zahl der Wohnungslosen wird auf ein Vielfaches geschätzt. Laut der Obdachlosenhilfe fehlen rund 3.000 Wohnungen und die Wartezeit auf eine Sozialwohnung beträgt momentan 15 Monate. Auch beim Werkheim spürt man die wachsende Wohnungsnot deutlich. „Vor 2012 haben wir ungefähr 60 Menschen pro Jahr in Wohnungen vermittelt. Mittlerweile kommen wir höchstens auf 15 und das auch nur unter größten Anstrengungen“, schildert Vorsitzender Sonnenberg.

Die Einrichtungen können ihre Hilfe nur realisieren, wenn bezahlbarer Wohnraum verfügbar ist. Je länger auf eine Wohnung gewartet wird, desto schwieriger ist es, auf dem normalen Wohnungsmarkt fündig zu werden. Mit einem Schufa-Eintrag und einem „ofW“ (ohne festen Wohnsitz) im Ausweis haben die Betroffenen bei Vermietern schlechte Karten und stehen ganz unten auf der Liste. Dieses Problem hat auch die Stiftung „Ein Zuhause“ erkannt, die bis spätestens Frühjahr 2021 insgesamt 15 Wohnungen für Obdachlose baut. Das Werkheim gehört mit zu den Stiftern, die das Projekt vor fast zwei Jahren ins Leben riefen. „Natürlich lösen 15 Wohnungen nicht die Wohnungsnot, aber wir wollen zeigen, dass man auch bezahlbare Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen realisieren kann“, erklärt Sonnenberg. „Außerdem hat das einfach etwas mit Würde zu tun, dass Menschen von der Straße die Chance auf eine Wohnung im Neubau bekommen.“

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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